1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Neuenrade

Gegengutachten vorgelegt: Streit um Baumfällungen für Schulausbau geht weiter

Erstellt:

Von: Peter von der Beck

Kommentare

Muss der Großteil der Bäume weichen, um den Ausbau der Burgschule realisieren zu können? Um diese Frage gibt es Streit in Neuenrade. Und nun auch zwei unterschiedliche Expertenmeinungen.
Muss der Großteil der Bäume weichen, um den Ausbau der Burgschule realisieren zu können? Um diese Frage gibt es Streit in Neuenrade. Und nun auch zwei unterschiedliche Expertenmeinungen. © von der Beck, Peter

Der Streit um die geplanten Baumfällungen im Zuge des Ausbaus der Burggrundschule geht in die nächste Runde: Inzwischen gibt es für die Bäume an der Villa Poststraße, die dem Schulausbau nach aktueller Planung der Stadt zum Opfer fallen sollen, zwei Gutachten.

Während die Stadt Neuenrade Baumgutachter Diplom-Ingenieur (FH) Michael Birke losschickte, um die Bäume in Augenschein zu nehmen, so sandte die Gruppe der Baumfreunde Neuenrade den Gutachter Diplom-Ingenieur und Diplom-Ökologe Alfons Schmidt zur Villa.

Dabei gibt es aber einen Unterschied. Schmidt sollte die Verkehrssicherheit der Bäume und die Erhaltungsperspektiven beurteilen, Birke hatte hingegen den Auftrag, zu begutachten, welche Probleme sich für den Baumerhalt wegen der geplanten Bebauung ergeben und welche Bäume- mittel bis langfristig erhalten werden könnten. Birke schreibt ausdrücklich: „Ob die Bäume noch aus anderen Gründen unter Schutz stehen, wurde nicht überprüft.“ Gleichwohl schaut sich Birke auch die Vitalität der Bäume an, legt eine andere Vitalitätsskala zugrunde und beurteilt die Linden unter dem Strich schlechter. Beide nutzen auch unterschiedliche Bewertungskriterien. Alfons Schmidt urteilt nach der Baum-Vitalitätsskala von Forstbotanik-Professor Andreas Roloff. Birke nutzt die Skala von Professor Ulrich Weihs, Sachverständiger für Baumpflege, Verkehrssicherheit von Bäumen und Baumwertermittlung.

Baumfreunde-Gutachter zeigt sich begeistert

Nehmen wir es vorweg: Alfons Schmidt, beauftragt von den Baumfreunden, ist nahezu begeistert vom Baumbestand an der Poststraße. Schon fast poetisch klingt seine Beurteilung: „Nur selten haben Baumgutachter die Freude, einen älteren Baumbestand wie im vorliegenden Fall zu untersuchen, an welchem derartig wenige Sicherheits- und Vitalitätsmängel festzuhalten sind.“ Selbst jener Linde, die zwischen den beiden Rotbuchen steht und bei der „stärkeres Totholz“ vorhanden sei und bei der in der Ostseite in der Mittelkrone eine Faulung festgestellt wurde, bescheinigt er, dass sie „langfristig im Bestand“ erhalten werden könne. Zudem sei sie nach Entnahme des Totholzes „vollkommen verkehrssicher“.

Auch bei der Linde, welche von Süden aus gesehen der erste Baum in der Reihe ist, bescheinigt Schmidt vollumfängliche Verkehrssicherheit nach Entnahme des Totholzes. Der Baum habe zudem angesichts seines „jugendlichen Alters“ (120 Jahre) noch eine hohe Reststandzeit. Die Rotbuche, die etwas abseits steht, bezeichnet Schmidt als „sehr ausdrucksvolle und das statische Idealbild widerspiegelnde alte Buche“. Auch dieser Baum sei nach Entnahme des Totholzes als vollkommen verkehrssicher einzustufen. Die Reststandzeit des 160 bis 180 Jahre alten Baumes könne noch einige Jahrzehnte betragen.

Wert der Bäume soll im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegen

Bei der stärksten Buche im Bestand diagnostiziert Alfons Schmidt zwei Stämmlinge, die einen Baum formen, eingewachsene Rinde, einen mächtigen Starkast in der Mitte. Dem Baum und seiner imposanten Krone bescheinigt er insgesamt Stabilität. Auch massive Wurzelverletzungen durch eine angrenzende Mauer gebe es nicht. Auch hier ist sein Urteil eindeutig: Diese „sehr ausdrucksstarke alte Buche“ ist nach Entnahme des Totholzes als vollkommen verkehrssicher einzustufen.

Unter dem Strich beziffert der Gutachter auch den Wert der Bäume: „Daher muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass die untersuchten Bäume auf der Grundlage der Gehölzwertermittlungsmethode Koch sehr wahrscheinlich einen Wert im hohen fünfstelligen oder niedrigen sechsstelligen Bereich darstellen. Der Aufbau eines vergleichbaren Ersatzbestandes würde, wenn überhaupt wegen des Klimawandels möglich, viele Jahrzehnte betragen und generationenübergreifend sein. Außerdem weist Schmidt auf die CO2-Bindung hin, die nur bei älteren Bäumen in ordentlichem Umfang vorhanden sei. Zudem sorgten die Bäume für Luftfilterung und Sauerstoffproduktion und hätten eine hohe ökologische und biologische Wertigkeit.

Stadt-Gutachter sieht geschwächte Vitalität

Gutachter Michael Birke, von der Stadt beauftragt, musste die Bäume nun eben auch hinsichtlich des Erhalts beim Teilneubau der Burgschule beurteilen. Sein Schreibstil ist eher nüchtern. In Sachen Vitalität der Bäume schreibt der Experte, dass er bei der ersten Linde in der Reihe Vorschäden durch eine Kappung und Verzwieselungen (extreme Verzweigung) mit eingewachsener Rinde im Stammkopfbereich sehe. Insgesamt diagnostiziert Birke eine deutlich geschwächte Vitalität.

Die erste Blutbuche gefällt ihm gut, einen Pilzbefall kann er nicht feststellen, wesentliche Vorschäden beobachtet er nicht. Er bescheinigt dem Baum die Vitalitätsstufe 1,5 auf einer vierstufigen Skala von 0 bis 3. Die zweite Linde beurteilt Birke eher negativ. Sie habe nur noch eine mittlere Lebenserwartung. Er gibt ihr die Vitalitätsstufe 2,5.

Mehr Platz für bessere Entwicklungschancen

Etwas besser geht es nach dem Urteil Birkes der Buche, welche oberhalb des Elektrohäuschens der Mark-E steht. Kein Pilzbefall, aber „einseitig ausgebildetes Wurzelwerk“. Immerhin schätzt er die Vitalitätsstufe auf 2.

Was den Erhalt des Baumbestandes ohne bauliche Maßnahmen anbelangt, sagt Birke, dass er die Linde zwischen den beiden Buchen wegnehmen würde, damit die anderen beiden Bäume Platz und bessere Entwicklungschancen hätten.

Eindeutige Aussage

Unter der Prämisse, dass dort nun der Anbau der Burgschule realisiert werden soll, ist das Urteil von Birke eindeutig. Bei einer Umsetzung der Planung mit einem rechteckigem Baukörper müssten die beiden Linden und eine Buche dran glauben. Nur die Linde am Trafohäuschen würde zunächst erhalten, hätte aber eine nicht so gute Reststandzeit. Bei einer alternativen Planung (Verschiebung des Baukörpers nach Norden) seien die beiden Linden und die Buche am Trafohäuschen nicht zu halten. Birke schreibt, dass bei jeder Bauvariante wahrscheinlich ein stadtbildprägender Baum erhalten werden könne.

Birke verweist auch auf die umfassenden baumschonenden Richtlinien, die beim Bau einzuhalten sind.

Auch interessant

Kommentare