Gedicht auf Neuenrader Platt öffnet Fenster in die Vergangenheit

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Neuenrade - Es ist ein Stück Neuenrader Literatur, das Annegret Reiners-Kohl hier zum Leben erweckt hat. Die Germanistin hat ein Gedicht, das der bereits 1967 verstorbene Wilhelm Möllhoff auf Neuenrader Platt geschrieben hat, liebevoll ins Hochdeutsche übersetzt.

Dabei hat sie die Reimform beibehalten. Somit hat sie der Nachwelt ein Fenster in die Neuenrader Vergangenheit geöffnet. Im Original, das Reiners-Kohl natürlich auch in der inzwischen ausgestorbenen Neuenrader Mundart zum Besten geben kann, erscheint dem des Plattdeutschen nicht Mächtigen das Stück dabei wie eine Fremdsprache. 

Manch einer wird eher ein englisches oder französisches Gedicht verstehen, als dieses Plattdeutsche Stück über die unmittelbare Heimat.

Das Frühlingsgedicht ist in einem Heimatbuch veröffentlicht, dass 1955 erschienen ist. Es geht darum wie Kinder im Neuenrader Hönnetal den Frühling erleben, gibt Einblick in damalige Essgewohnheiten und auch die Ziegen spielen eine Rolle. 

Annegret Reiners-Kohl

Das Gedicht in Neuenrader Mundart ist vermutlich das einzige literarische Werk des Wilhelm Möllhoff, der ein Onkel des Neuenrader Ortsheimatpflegers Ludwig Kappe war. Möllhoff, der von 1880 bis 1967 lebte galt als Neuenrader Urgestein und war eng verwurzelt mit Land und Leuten, erläuterte Dr. Rolf Dieter Kohl, Ehemann von Annegret Reiners-Kohl und Stadtarchivar. Der freut sich über dieses Stück uralte Stück Neuenrader Leben, das auch volkskundlich interessant sei. Das Ehepaar Kohl hat sich in der Vergangenheit um die Plattdeutsche Sprache bemüht, gar einen Arbeitskreis dazu gegründet, aber letztlich ohne Erfolg. Das Neuenrader Platt ist vermutlich ausgestorben, das Gedicht ist daher ein wichtiges Zeugnis. 

Und hier das Gedicht:

Froijohr in Niggenroe

Wann dai Dualen um diän Tauen flaiget

 Und dai Schal´wen nesset an diär Giewelwand;

 Wann dai Buern iähren hafer saiget,

 Dann wät Froijohr wiär im Hüeneland.

Mauder, lot miek nu de Ziehen haien;

 Sü es mol: de Aiwers sind all grain.

 Buschwindräuskes löchet ut diän Hien

 Un de Palmenkättkes sind am blain.

Mauder, iek will Flaitepiepen kloppen,

 Äh des Sap gait ut diän Rauen rut;

 Piepe, Pape, Nunne well iek singen

 Un dat Flaitepiepken, das gait ut.

Junge, t'es te late all tom trekken,

 Kuomm bi Tiet no hus, iek segget di;

 Dann iek well van Owend Steuter bakken

 Un dobie giet leckeren Riesebrie.

Die Übersetzung von Annegret Reiners-Kohl:

Frühjahr in Neuenrade

Wenn die Dohlen um den Turm sich scharen

 Und die Schwalben nisten an der Giebelwand,

 wenn die Bauern ihren Hafer säen,

 dann wird's Frühjahr hier im Hönneland.

Mutter, lass mich nun die Ziegen hüten,

 schau doch mal, die Ufer sind schön grün.

 Buschwindröschen leuchten aus den Hecken

 Und die Weidenkätzchen, schau sie blüh'n!

Mutter, ich will Flaitepiepen klopfen,

 eh' der Saft ist aus den Ruten raus,

 „Piepe, Pape, Nunne“ will ich singen

 und das Flaitepiepken geht heraus.

Junge, es ist nun schon spät zu gehen,

 komm beizeit' nach Haus, ich sag es dir.

 Denn ich will heute Abend Reibekuchen backen

 Und dazu gibt's lecker'n Reisbrei hier.

„Flaitepiepen“ sind Weidenruten, die von den Kindern früher zu Flöten umfunktiooniert wurden. Das Mark wurde dabei herausgeklopft. Und „Piepe, Pape, Nunne“ war ein Spottverse und bedeutet „Pfeife, Pfaffe, Nonne“, erläutert Reiners-Kohl im Anhang.

Annegret Reiners Kohl dürfte etlichen Neuenradern, Altenaern und Werdohlern keine Unbekannte sein. Denn lange hat die Oberstudienrätin am Altenaer Burggymnasium Deutsch und Englisch unterrichtet. Sie stammt ursprünglich aus dem Emsland und ist mit dem Plattdeutsch ihrer Region aufgewachsen, Hochdeutsch gab es quasi erst an der Schule...

Von Peter von der Beck

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