Freispruch aufgehoben

+

NEUENRADE/HAGEN - Beschuldigt einen schwerkranken Neuenrader betrogen zu haben, wurde ein 22-Jähriger zunächst aufgrund der schwierigen Beweislage vom Amtsgericht Altena freigesprochen. Die Staatsanwalt legte vor dem Landesgericht Hagen Berufung gegen das Urteil an. Zu Recht, wie das Gericht jetzt entschied.

Zum dritten Mal die gleiche Lügengeschichte zu erzählen, war einer Zeugin aus Neuenrade zu viel: Im Berufungsverfahren gegen ihren Exfreund im Landgericht Hagen bestätigte sie, dass dieser eine EC-Karte in den Händen gehabt hatte, die er nicht hätte haben dürfen. Weil die Eigentümer der Karte auf deren Rückseite die PIN-Nummer notiert hatten, konnte der heute 22-jährige Angeklagte 1500 Euro damit abheben. Wegen dieses Computerbetruges, dem ein Diebstahl im Haushalt der Geschädigten vorangegangen war, wurde das Urteil des Amtsgerichts in einem Punkt korrigiert: Der Angeklagte muss nun einen Dauerarrest von 30 Tagen absitzen. Wegen erheblicher Reifeverzögerungen wurde er noch nach Jugendstrafrecht verurteilt.

Im Herbst 2011 hatte der junge Mann gemeinsam und im Wechsel mit anderen Personen einen schwerkranken Neuenrader in dessen Wohnung betreut, der bald darauf starb.

Schwerkrankem wurden 2000 Euro gestohlen

Während der Betreuungszeit wurden aus seiner Wohnung 2000 Euro und eine EC-Karte gestohlen, mit der am 6. Oktober 500 und kurz darauf 1000 Euro abgehoben wurden. Am 7. Oktober 2011 wurden weitere 170 Euro abgehoben. Zudem meldete sich scheinbar ein Freund des Angeklagten bei einem kostenpflichtigen Internet-Portal an, wodurch dem geschädigten Ehepaar ein Schaden von weiteren 463 Euro entstand. Angesichts der schwierigen Beweislage hatte die Staatsanwaltschaft Hagen ihre Berufung gegen das Urteil auf den Diebstahl der EC-Karte und das Abheben von 1500 Euro beschränkt. In den anderen Anklagepunkten galt der 22-Jährige als rechtskräftig freigesprochen. Dies sah die Berufungskammer als einen Fehler an: „Wir sind davon überzeugt, dass Sie der Täter sind“, sagte der Vorsitzende Richter Mark Austermühle in seiner Urteilsbegründung. „Sie hatten die Gelegenheit (die Karte zu stehlen), Sie sind mit der Karte gesehen worden, und Sie sind beim Abheben mit dieser Karte gesehen worden“, sagte der Richter mit Blick auf die entscheidende Aussage der Exfreundin des Angeklagten. „Es war für sie ein Problem, hier noch einmal die gleichen Lügen zu erzählen wie bei der Staatsanwaltschaft und im Amtsgericht.“ Glauben schenkte das Gericht auch den Berichten über plötzlichen Reichtum des Angeklagten: „Es war klar, woher das Geld stammte und warum Sie plötzlich über soviel Geld verfügten.“

Deutliche Worte fand der Richter für eine Tat, die „auf sittlich niedrigster Stufe“ stehe: „Da beklaut einer unter Ausnützung seiner Vertrauensstellung Leute, bei denen das Geld knapp ist.“ Dazu habe der Angeklagte die Frechheit besessen, die Spur der Ermittler auf einen Freund zu lenken. Dies geschah nach Auffassung des Gerichts auf zweifache Weise: Er meldete sich unter dem Namen seines Freundes bei dem zahlungspflichtigen Internet-Portal an und gebrauchte dabei die gestohlene EC-Karte, die er später in der Nähe des Arbeitsplatzes

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Wegen der Falschaussage im Verfahren vor dem Amtsgericht erwägt die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Dann könnte der Angeklagte doch noch für den Diebstahl von 2000 Euro und die Abhebung der 170 Euro zur Verantwortung gezogen werden. - Von Thomas Krumm

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare