Kontakt nur per Kurznachricht

Flüchtling zittert in Neuenrade um das Leben seiner Frau in Afghanistan

In Kabul warten viele Afghanen rund um den Flughafen, hoffen auf diesem Weg das Land verlassen zu können. Auch die Familie von Sharullah hat es mittlerweile an den Taliban vorbei bis zum Flughafen geschafft.
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In Kabul warten viele Afghanen rund um den Flughafen, hoffen auf diesem Weg das Land verlassen zu können. Auch die Familie von Sharullah hat es mittlerweile an den Taliban vorbei bis zum Flughafen geschafft.

In Neuenrade ist Afghanistan plötzlich ganz nah, die aktuellen Ereignisse bekommen ein Gesicht. Doch Sharullah ist vorsichtig.

Sein Gesicht und auch seinen vollen Namen möchte der in der Hönnestadt lebende Afghane nicht medial verbreiten. Zu groß ist das Risiko, dass die Taliban für seine Familie und ihn Unheil bringen.

Mit seiner Frau, die noch in Afghanistan festsitzt, kommuniziert er nur via Kurznachrichtendienst. Aus ihrem Versteck heraus schickt sie immer nur kurze Nachrichten, schaltet das Handy dann wieder aus. Angesichts der chaotischen Zustände um Kabuls Flughafen ist Sharullah froh, dass es seine Frau, sein Schwiegervater und andere Familienangehörige geschafft haben, einen Zugang zum Flughafen zu erhalten und wohl zunächst außer Gefahr sind. Möglicherweise mithilfe der Amerikaner könnten sie in den nächsten Tagen ins westliche Ausland oder zumindest in Sicherheit gelangen. Sharullahs Hoffnung und Lebensziel ist es, irgendwann wieder mit seiner Frau in Sicherheit Leben zu können.

Ein Leben zwischen den Welten

Der Neuenrader Sharullah lebt zwischen den Welten. Fast sein halbes Leben ist der inzwischen 33-Jährige in Deutschland. Als 13-Jähriger verlor er in den damaligen Kriegswirren in Afghanistan und bei Zerstörung seines Dorfes den Kontakt zu seiner Familie – und sollte sie für zehn lange Jahre nicht wiedersehen. Zu Fuß hatte er sich zunächst in Richtung Westen aufgemacht, wurde als 14-Jähriger im Iran ohne Papiere geschnappt und landete dort erst mal für 40 Tage im Gefängnis. Noch heute schüttelt er den Kopf über das Verhalten der iranischen Behörden. Als er das überstanden hatte, landete Sharullah schließlich in Griechenland, wo er auch Asyl beantragen wollte. Aber es waren unschöne Zeiten dort. Unter Brücken musste er schlafen, ergatterte nur sporadische Jobs, er litt Hunger, hatte manchmal Tage nichts zu essen und seine Gesundheit nahm Schaden. So hat Sharullah heute noch Magenprobleme.

Weil die Griechen ihm kein Asyl gewährten, machte er sich zusammen mit einer vierköpfigen Familie, die zudem noch einen Säugling dabei hatte, auf den Weg gen Norden. Sharullah erzählt detailreich von einer Odyssee über Serbien, Kroatien, Ungarn, von der total erschöpften Familie, die es auch dank seiner Unterstützung halbwegs unversehrt bis nach Ungarn schaffte. Er erzählt von Begegnungen mit der Polizei, von Rücktransporten zur Grenze, von Märschen durch Waldgebiete und seine Ankunft in Österreich.

Polizist kauft dem Flüchtling ein Ticket

Am Wiener Hauptbahnhof habe man ihn aufgegriffen. Ein Polizist habe ihm dann „ein Ticket nach Essen Hauptbahnhof“ gekauft. Also sei er nach Essen gefahren, wurde dort ebenfalls von der Polizei aufgegriffen und erfuhr dabei, dass er in Deutschland war. Er beantragte Asyl – und kam über Bielefeld und Hemer schließlich nach Neuenrade. Hier ist er inzwischen etabliert. Sharullah hat eine Lehre als Metallfacharbeiter gemacht, arbeitet Vollzeit als Schlosser, Maschineneinrichter und hat zusätzlich noch einen weiteren Job bei den Stadtwerken. Kein Zweifel. Er ist fleißig. Auch gesellschaftlich bringt er sich ein. Sharullah hilft im Umfeld des Zentrums für Lesen, Integration und Sprache (Zelius) in der Stadtbücherei.

Der Afghane Sharullah will anonym bleiben. Er hat Angst um seine Familie und hofft, dass sie gut aus Kabul rauskommt.

Er fand durch glückliche Umstände auch seine Familie wieder, sah „nach zehn Jahren“ erstmals via Skype seine Mutter, die ihn kaum erkannte, weil sie noch das Bild des 13-Jährigen in ihrem Kopf hatte. 2018 schließlich musste er nach Afghanistan zurück, weil seine Mutter im Krankenhaus lag. Während der Zeit heiratete er eine Jugendfreundin. Seine Mutter habe das arrangiert und er habe ja gesagt.

Seine Frau arbeitete im Präsidentenpalast

Es handelt sich um eine dem Westen aufgeschlossene Familie. Sein Schwiegervater sei General bei der Armee gewesen, seine Frau habe studiert und im Präsidentenpalast im Büro des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani einen mit 3 000 Dollar dotierten Job erhalten. Live habe sie dann am Montag vom Bürofenster aus mitbekommen, wie Sicherheitskräfte Präsident Ghani in ein Auto verfrachteten und in Sicherheit brachten, weil die Taliban nahe waren. Seine Frau wurde nach Hause gebracht. Schließlich sei sie von den Amerikanern kontaktiert worden, dass die Familie zum Flughafen fahren könne. „Jetzt ist sie dort und sie kann wohl aus Kabul raus,“ hofft Sharullah.

Er hält nichts von den Taliban und ihren Anführern, glaubt deren Beteuerungen nicht. „Sie haben seit 20 Jahren immer nur ihr zweites Gesicht gezeigt. Heute reden sie so. Schauen wir mal, was nächste Woche passiert.“ Dass die Truppe so schnell vorrücken konnte, erklärt er mit Verträgen, die die Amerikaner geschlossen hätten. Die Armee habe einen Stillhalte-Befehl von oben bekommen. Schuldzuweisungen in Richtung Deutschland angesichts des Abzugs der Soldaten äußert er auf Nachfrage nicht.

Das Land ist „zum Spielball der Interessen geworden“

„Die Generation der 20-Jährigen gibt der Nato die Schuld. Sie haben ihr Vertrauen in den Westen verloren. Sie vertrauen niemandem mehr.“ Sharullah verweist auf die Lage Afghanistans. Das Land sei zum Spielball der Interessen geworden. Er habe keine guten Gefühle für die Zukunft Afghanistans.

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