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Mit dem Klavier groß geworden: Unternehmen im MK feiert 175-Jähriges

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Von: Carla Witt

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Gut 200 Beschäftigte gehören zur Firma Klinke, die regelmäßig selbst ausbildet. Auch das gehört für Firmenchef Alexander Klinke dazu.
Gut 200 Beschäftigte gehören zur Firma Klinke, die regelmäßig selbst ausbildet. Auch das gehört für Firmenchef Alexander Klinke dazu. © Klinke

„Eine lange Tradition ist ein gutes Fundament. Aber es muss jeden Tag wieder neu erarbeitet werden“, sagt Alexander Klinke, Chef der Julius Klinke GmbH & Co. KG. Das Neuenrader Unternehmen feierte jetzt sein 175-jähriges Bestehen.

Neuenrade - Gegründet wurde das Unternehmen 1847 durch Friedrich Heutelbeck, dem Ur-Urgroßvater des heutigen Geschäftsführers und Inhabers Alexander Klinke. Er hatte mit der Fertigung von Klavierbestandteilen begonnen und war damit erfolgreich. Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Fertigung von Klavieren in großen Stückzahlen. Industrielle Zulieferer wurden gebraucht; und Heutelbeck erkannte und ergriff seine Chance.

Julius Klinke: Die erste Dampfmaschine

1882 kam die erste Dampfmaschine nach Neuenrade – dafür hatte Friedrich Heutelbeck gesorgt, der damals noch in der heutigen Neuenrader Altstadt produzierte.

Sein Schwiegersohn Julius Klinke übernahm die Firma im Jahr 1889. Er erweiterte und modernisierte die Produktion. 1904 zog das Unternehmen an die heutige Bahnhofstraße – die damals noch Königstraße hieß. Der Neuenrader hatte sich zu diesem Schritt entschieden, weil am neuen Standort zeitnah eine Bahnlinie eröffnet werden sollte. Alexander Klinke zollt ihm rückblickend Respekt: „Es war damals ein mutiger und weitsichtiger Schritt wegen der Anbindung an die Eisenbahn auf die grüne Wiese umzusiedeln.“

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden ausschließlich Klavierbestandteile gefertigt. 75 Prozent der Produktion war für den Export bestimmt, der überwiegende Teil gelangte nach England oder in die USA. Doch mit Kriegsbeginn brach das Exportgeschäft zusammen. „Und in Deutschland hatte niemand Geld, um sich ein Klavier zu kaufen“, blickt Alexander Klinke in die Geschichte zurück. Das Klaviergeschäft stagnierte; Julius Klinke musste sich neu orientieren. Die Fertigung von Drehteilen begann, wobei Klinke sich zunächst auf DIN-Teile beschränkte.

Kriege und Krise

Das Geschäft lief gut, bis zur Weltwirtschaftskrise in den 1920-er Jahren. „Diese Zeit hat das Unternehmen nur mit sehr viel Glück überstanden“, weiß der heutige Geschäftsführer. Nach dieser Durststrecke folgte der Zweiten Weltkrieg. Doch auch diese schwere Zeit überstand das Unternehmen. „Mein Vater hat mir erzählt, dass er nach dem Krieg zunächst noch Autos repariert hat“, erzählt Alexander Klinke.

Die Erfolgsgeschichte nahm wieder Fahrt auf; die Firma entwickelte sich nach und nach zu einer der modernsten und vielseitigsten Präzisionsdrehereien Europas. Seit 2018 ist das Neuenrader Familienunternehmen offizieller, von der SIHK ernannter, Weltmarktmarktführer für Präzisionsdrehteile und Klavierbestandteile. Bezogen auf den Umsatz spielen die Teile für die beliebten Tasteninstrumente heute keine große Rolle mehr. „Klavierbestandteile machen noch knapp zehn Prozent unseres Umsatzes aus“, erklärt Alexander Klinke – und bekennt: „Aber das Herz hängt einfach daran.“

Kein Wunder: Schließlich haben die Stimmwirbel das Unternehmen einst groß gemacht. „In einem Klavier sind 250 Stück“, erläutert der Firmeninhaber – und erzählt von einer Hochrechnung aus dem Jahr 2002: „Damals haben wir ausgerechnet, dass in Neuenrade schon etwa eine Milliarde Stimmwirbel produziert wurden.“

Heute werden an der Bahnhofstraße monatlich etwa 200 Tonnen Stahl, Messing und Aluminium verarbeitet. Die Produktionspalette ist vielfältig und reicht von „kleinen, einfachen Teilen, die nur wenige Cent kosten bis zu großen, komplexen Teilen im Wert von 200 Euro pro Stück“. Die Produkte der Firma Klinke finden sich in medizinischen Instrumenten, Armaturen und großen Maschinen wieder. Klinke fertigt sowohl für Ölplattformen als auch für Windräder. Die Automobilindustrie gehört ebenfalls zum Kundenkreis.

Alexander Klinke hat das Ruder inzwischen seit 40 Jahren in der Hand. Rückblickend bilanziert er: „Es ist eine völlig andere Firma als damals. Wenn das nicht so wäre, würde es uns heute nicht mehr geben.“ Er kann stolz auf das 175. Jubiläum sein – und auch darauf, dass sein Sohn Julius im kommenden Jahr in die Firma eintreten will – als Vertreter der sechsten Generation. Denn, so unterstreicht Andreas E. Mach, Gründer und Sprecher des Alphazirkels, der deutschsprachen Plattform für den Wissens- und Erfahrungsaustausch von Familienunternehmen: „Nur ein Prozent der Familienunternehmen schafft es über die fünfte Generation hinaus.“ Fachleute wie Mach bescheinigen einem so erfolgreichen Familienunternehmen wie der Firma Klinke „ein hohes Maß an Professionalität in Management und Governance“.

Alexander Klinke selbst bringt es auf den Punkt: „Man trifft Entscheidungen für Generationen. Aus diesem Grund muss man sehr vorausschauend planen und manchen Entschluss auch mehrmals überdenken.“ Aus heutiger Sicht könne er auf jeden Fall feststellen: „Diese Firma hat den vorherigen Generationen viel zu verdanken.“

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