„Finito mit Bürgerbusfahren“

Hans-Dieter Richter. - Foto: Schnücker

NEUENRADE - „Schade, dass sie nicht mehr fahren“, sagt die ältere Dame beim Ausstieg aus dem Bürgerbus an der Haltstelle Mühlendorf zu Hans-Dieter Richter. Die Worte der Frau klingen offen und aufrichtig. Mit ihrem Satz verbindet sie ein Dankeschön für all die Jahre, die sie mit dem Bus fuhr. Dabei hat sie nicht gezählt, wie oft sie mit Richter ihr Ziel erreicht hat. Die Frau und andere Fahrgäste werden auf das vertraute Gesicht verzichten müssen, weil Richter nicht mehr hinter dem Lenkrad des Bürgerbusses sitzen darf.

73 Jahre ist Hans-Dieter Richter in dieser Woche geworden: „Dann ist Finito mit dem Bürgerbus-Fahren“, stellt er ein wenig wehmütig fest und fügt schmunzelnd den legendären Trapattoni-Satz „Ich habe fertig“ hinzu.

Am Dienstag machte er seine letzte Tour, knappe 55 Kilometer legte er bei winterlichem Wetter zurück. Die letzte Dienstfahrt hatte es in sich, Richter musste seine Fahrkunst aufbieten, bei Schnee und Eis höllisch aufpassen. Die Straßenverhältnisse ließen ein normales Tempo nicht zu, das MVG-chen musste dem Fahrplan zeitlich hinterher rollen. Richter schaffte auch die letzte Diensttour souverän und zuverlässig, ohne Macken und Beulen – genauso, wie es seine Fahrgäste und der Bürgerbus-Verein schätzen und erwarten.

Zehn Jahre saß er hinter dem Lenkrad, chauffierte bei Wind und Wetter kleine und große Fahrgäste durchs Städtchen, bediente die Straßen, durch die ein großer MVG-Bus nicht fährt. Ein Jahrzehnt war er ehrenamtlich unterwegs, für ihn der Normalfall und bescheiden weist er auch „auf die anderen hin, die auch im Verein als Fahrer tätig sind und den Bürgerbus fahren.“

Für einen wie ihn ist ehrenamtliches Engagement selbstverständlich. Nach Geld hat nie gefragt, weil er von seinem Job überzeugt ist. Dafür bekommt er viel Freude zurück, von seinen Fahrgästen wie von seinen Mitstreitern.

Im Jahr 2000 ging Richter in den Ruhestand. Aber ein Rentnerdasein ohne Beschäftigung war nichts für ihn, „das ist doch langweilig“ lautet seine Devise. Damals traf er Horst Zanger, der ihm vom Neuenrader Bürgerbus-Verein erzählte. Das Treffen beeindruckte ihn. Am 2. Januar 2002 also saß Richter erstmals hinter dem Lenkrad eines Bürgerbusses.

Die Voraussetzungen waren erfüllt: Der Führerschein Klasse 3 war ebenso vorhanden wie der Personenbeförderungschein, der Amtsarzt hatte grünes Licht gegeben und das polizeiliche Führungszeugnis sprach auch nicht gegen sein ehrenamtliches Engagement.

Auf 507 Einsätze brachte er es seither, war 2028 Stunden unterwegs, fuhr in der Zeit rund 28 400 Kilometer. Der Kontakt mit den Leuten war ihm wichtig, „weil man dann viel erfährt“ und besonderen Spaß hat er gehabt, wenn er auf der „Kindergartenlinie“ unterwegs war, in seinem Kleinbus richtig Stimmung aufkam und ihm der Nachwuchs das Neueste aus dem Kindergarten erzählte. Manche von ihnen sind längst Schulkinder, die ihm zuwinken, ihm zurufen und dann laut erzählen, „dass der mein Busfahrer war“.

Am Dienstag überraschten ihn Vorstand und einige Kollegen an der Haltestelle Zweite Straße. Händeschütteln und Schulterklopfen gab es für Richter. Vorsitzender Walter Strüning überreichte als Dank ein Präsent. Selbst „Oma Herta“ schaute im winterlichen Look wohlwollend auf „Hans-Dieter und seinen Bürgerbus“. Eigentlich war alles wie immer, wenn es dann nicht „Finito“ geheißen hätte. - Von Udo Schnücker

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