Feuerwerk im Klassenzimmer

Das Erscheinungsbild des Gebäudes ist erhalten geblieben. Lediglich die Fenster wurden vergrößert. Foto: Berndt

NEUENRADE -  Serie: Die Denkmäler Neuenrades. „Schlecht ging es den Lehrern damals auch nicht“, fasst Stadtarchivar Dr. Rolf Dieter Kohl zusammen. Zumindest finanziell genossen sie zahlreiche Vorteile.

Kostenlos waren sie etwa im eigens für sie bestimmten Lehrerhaus an der Ersten Straße gegenüber der heutigen Gertrudenapotheke untergebracht. Im Erdgeschoss finden sich heute die Geschäftsräume der Familie Blanke. Die Bauart des Gebäudes wird als „Steinfleckhaus“ bezeichnet. Namensgebend seien die dunklen Steine, die weiß verputzt zum typischen Muster führen. Ein Fachmann würde bei der Dachgestaltung von einem Krüppelwalmdach sprechen. Wann genau das Gebäude errichtet wurde, kann der Ortsheimatpfleger nicht sagen. Er schließt aber nicht aus, dass zumindest die Fundamente bereits während der Stadtgründung errichtet wurden. Erneuert wurde das Lehrerhaus um 1820. Der ehemalige Landbaumeister der Grafschaft Mark Philipp Leonhard Pistor aus Hamm leitete die Baumaßnahmen.

Die beherbergten Lehrer genossen zahlreiche weitere Vorteile: es gab bewirtschaftete Felder, deren Erträge den Lehrern zu Gute kamen. „Die Waren wurden vermutlich frei Haus geliefert, sicherlich gab es auch Wurst und Fleisch“, sagt Dr. Kohl. Dazu kam das feste Lehrergehalt, für 1684 ist eine Jahresgehalt von 26 Reichstalern festgesetzt. Extrageld gab es nocheinmal von den Schülern, so war etwa für das Jahr 1713 eine halbjährliches Schulgeld von 15 Stübern pro Kind zu bezahlen.

Dass das Geld aber auch in früheren Zeiten nicht immer leicht verdient war zeigen einige Vorfälle in der Schule. „Vielleicht hatten die Stadt und die Kirche aber oft auch nur Pech mit ihren Lehrern gehabt“, kommentiert Rolf Dieter Kohl. So hatte 1774 die Stadt Neuenrade zusammen mit dem Konsistorium der Neuenrader Kirche einstimmig entschieden einen Lehrer Bierhoff aus Pelkum bei Hamm einzustellen. Doch schon sechs Jahre später gab es erste Klagen. Da das Schulzimmer im Rathaus, der heutigen Gertrudenapotheke, untergebracht war, waren die Mitarbeiter der Stadt regelmäßig Zeugen der Vorgänge. 1780 wurde noch zurückhaltend formuliert, es gehe mit der „Schuldisziplin rapide abwärts“.

1782 wurden Magistrat (Bürgermeister) und Konsistorium deutlicher: In der Schule würden alle Unarten geduldet, es gäbe Zank und Schlägereien unter den Schülern, es herrsche ein immerwährendes Gemurmel und Geplauder, dass der Lehrer sein eigenes Wort nicht mehr verstehen könne. Die Kinder sprangen über und unter die Tische, zerschlugen die Scheiben und rissen den Putz von den Wänden, um sich damit zu bewerfen. Die Jungen hätten Sackspfeifen, eine Art Dudelsack, mit in den Unterricht gebracht und hätten aus sogenannten „Schlüsselbüchsen“ Pulver und Feuerwerk abgefeuert.

Zudem hätten die älteren Schüler mit den kleineren Jungen „Schweineschlachten“ gespielt. Dazu hätten sie den Jüngeren die Füße zusammen gebunden und mit dem Kopf nach unten an der Decke aufgehängt. Das alles habe den besagten Lehrer Bierhoff aber nicht aufgeregt, er hätte weder eingegriffen noch gestraft und hätte sogar angebotene Unterstützung abgelehnt. 1787 wurde mit einem Lehrer namens Fischer ein Nachfolger gefunden. „Der hat wohl wieder für Zucht und Ordnung gesorgt“, mutmaßt Rolf Dieter Kohl.

Von Sebastian Berndt

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