Zu wenig Fachkräfte

Das lange Warten auf einen Handwerker

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Auch Neuenrade bekommt den Mangel an Fachkräften im Handwerk zu spüren. Das betrifft auch Großprojekte wie die Dachsanierung an der Burgschule im vergangenen Jahr.

Neuenrade - Lange Wartezeiten auf einen Termin beim Handwerker werden immer mehr die Regel. Grund dafür ist der Fachkräftemangel. Der betrifft Privatkunden wie Firmen und öffentliche Stellen.

Wie lange ein Kunde auf einen Handwerker-Termin wartet, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie Markus Kluft, Pressereferent der Handwerkskammer Südwestfalen, erklärt. Bei Notfällen komme in der Regel schnell ein Handwerker, planbare Maßnahmen müssten aber unter Umständen sechs bis acht Wochen, manchmal noch länger warten.

Wie lange genau, das hänge von der Branche und vom konkreten Auftrag ab: Auf eine Heizungssanierung in einem fünfstöckigen Mietshaus etwa müssten Kunden schon länger warten als auf den Einbau einer Toilettenschüssel.

Insgesamt habe sich die Reichweite, also die Zeit, die die Handwerksbetriebe auftragsmäßig vorausplanen, seit 2008 ungefähr verdoppelt. Weil die Auftragsbücher voll seien, würden die Betriebe außerdem wählerischer, weil nicht jeder Auftrag für sie lohnend und personell machbar sei.

Die Nachfrage nach Fachkräften und Azubis steigt

Der Grund dafür ist ein Mangel an Fachkräften. Gesicherte Zahlen dazu gibt es zwar nicht, Umfragen der Handwerkskammer zeigen aber einen deutlichen Trend: Die 800 befragten Betriebe (insgesamt betreut die Handwerkskammer Südwestfalen knapp 12.000) meldeten im Herbst 2012 genau 155 freie Stellen für Fachkräfte.

Fünf Jahre später waren es schon 289. Noch gravierender ist der Trend bei den Auszubildenden: Im Herbst 2012 wurden 88 Lehrlinge gesucht, 2017 waren es 237.

Zum Hintergrund erklärt Markus Kluft: „Die Schere zwischen denen, die in Ruhestand gehen, und denen, die nachrücken, geht immer mehr auseinander.“ Konkret: Die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1968 gehen jetzt in Rente. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach handwerklichen Ausbildungen, immer mehr junge Menschen möchten studieren.

Das bekommen auch heimische Handwerksbetriebe wie die Neuenrader Zimmerei Roß zu spüren. „Früher sind die Jugendlichen zu den Betrieben gekommen, um sich um eine Ausbildung zu kümmern“, erklärt Zimmermann Eckhard Roß. „Heute müssen sich die Firmen um Auszubildende bemühen.“

Weniger Rücklauf bei öffentlichen Ausschreibungen

In seinem Betrieb sei der Fachkräftemangel zwar nicht so deutlich spürbar und auch die Wartezeiten für Kunden hielten sich in Grenzen, sagt Roß. Als stellvertretender Kreishandwerksmeister höre er aber immer wieder von Betrieben, die es da deutlich schwerer hätten.

Doch nicht nur für Privatpersonen, auch für Firmen und öffentliche Stellen wird die Auftragsvergabe komplizierter. So berichtet etwa Marcus Henninger, Bauamtsleiter im Neuenrader Rathaus, dass gerade kurzfristige Aufträge schwierig sind: „Auf Zuruf passiert nichts.“ Generell gebe es auf Ausschreibungen weniger Rücklauf, das sei aber keine Neuenrader Besonderheit.

Auf öffentliche Ausschreibungen meldeten sich mittlerweile häufiger Unternehmen von außerhalb, wenn sich der Auftrag für sie lohne. Größere Vorhaben werden mitunter in mehrere Gewerke aufgeteilt. „Da lohnt sich oft eine Anfahrt zum Beispiel aus Lübeck nicht.“

Gravierende Folgen auch für Bauwillige

Als „katastrophal“ schätzt Architekt Tom Schnabel die Lage ein: „Wir merken täglich den Fachkräftemangel.“ Die Folge sind lange Wartezeiten, die sich bis zu den Bauwilligen durchziehen. Hin und wieder führe der Zeitmangel auch zu ärgerlichen Fehlern in der Ausführung.

Die Handwerkskammer jedenfalls hat nach eigener Aussage das Problem des Fachkräftemangels erkannt und sucht verstärkt nach Auszubildenden, etwa durch Aktionen in Schulen und Informationsveranstaltungen für Lehrer oder Eltern.

Auf absehbare Zeit wird das Thema nicht von der Agenda verschwinden, erklärt Markus Kluft: „Das hat sich erst erledigt, wenn die geburtenstarken Jahrgänge alle in Rente sind.“ Wie dann, in den 2030er-Jahren, die konjunkturelle Lage aussieht, kann heute noch niemand sagen.

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