Minister Laumann kommt

Experte kritisiert das Modell MVZ

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Dr. Michael Beringhoff leitet das Medizinische Versorgungszentrum in Neuenrade, das mit dem Jahreswechsel eröffnet wurde.

Neuenrade – Das Medizinische Versorgungszentrum Neuenrade (MVZN) findet überregional große Beachtung: Nachdem mehrere Fernsehsender über das Projekt mit Pilotcharakter berichtet haben, stellte die Süddeutsche Zeitung (SZ) jetzt die Meinung eines Befürworters der Ansicht eines Kritikers gegenüber.

Als Verfechter der Einrichtung kommt Neuenrades Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) zu Wort. 

Wiesemann schildert zunächst die Ausgangslage, nennt Zahlen, und berichtet von der Sorge um die medizinische Grundversorgung der circa 12 300 Einwohner. Er spricht auch von „schwierigen Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung“ (KV). Intensiv habe sich die Stadt um die Ansiedlung neuer Ärzte bemüht: „Wir warben, wälzten Studien und lernten, dass heute vier von fünf jungen Medizinern Frauen sind. Die meisten planen eine Familie, legen Wert auf Teilzeitarbeit. Das kann man verstehen. Ebenso, dass viele vor der unternehmerischen Verantwortung einer eigenen Praxis zurückscheuen.“ 

Sicheres Einkommen

In der Möglichkeit, als NRW-Kommune eine Hausarztpraxis betreiben zu dürfen „sahen wir Vorteile“, erklärt der Bürgermeister in der SZ: „Ein kommunales medizinisches Versorgungszentrum würde Ärzten Teilzeitarbeit gestatten, Jobsharing und die faire Verteilung von Diensten. Als angestellte Mediziner in den Diensten der Stadt haben sie ein gutes und sicheres Einkommen ohne großen bürokratischen Aufwand.“ 

Wiesemann erinnert an die Unterstützung durch das zuständige NRW-Ministerium – und die Zulassung des MVZN durch die Kassenärztliche Vereinigung im Dezember. Er unterstreicht: „Es mag ungewöhnlich sein, als Stadt eine eigene Arztpraxis zu unterhalten. Aber wir gehen von einem überschaubaren wirtschaftlichen Risiko aus. Zurücklehnen können wir uns nicht. Die Aufgabe ist noch nicht gelöst. Aber wir haben den Lösungsrahmen vergrößert.“ 

Experte räumt Modell nur geringe Chancen ein

Dagegen räumt Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes (Verbands der niedergelassenen Ärzte Deutschlands) dem Modell MVZ nur geringe Chancen ein. Heinrich erklärt: „Ich persönlich beglückwünsche den Bürgermeister von Neuenrade. Sollte die Stadt deshalb zum Vorbild für andere Gemeinden werden? Nein.“ 

Die Neuenrader hätten mit ihrem kommunalen Medizinischen Versorgungszentrum vieles richtig gemacht, „aber sie hatten auch sehr günstige Rahmenbedingungen“, meint der Mediziner: „Sie konnten Praxisräume übernehmen und fanden einen erfahrenen niedergelassenen Arzt als MVZ-Leiter, der bereit ist, sich um den Großteil der Bürokratie zu kümmern. Das ist ganz klar ein Einzelfall.“ 

Fehlt häufig das Know-how?

Eine Arztpraxis könne man auch als Kommune nicht „einfach so“ eröffnen; davon ist der Vorsitzende des Virchowbundes überzeugt: „Dafür braucht es eine detaillierte, langfristige Planung und sehr viel Wissen. Die wenigsten Kommunen verfügen über das Know-how, laufen aber ein hohes finanzielles Risiko: Weil die Gehälter hoch sein müssen, um attraktiv zu sein, oder weil zu wenig Honorar erlöst wird. Weil Regresse drohen, wenn zu viel verordnet wird. Ist die Kommune bereit, auch rote Zahlen zu schultern?“ 

Dr. Heinrich fordert, dass keine Gemeinde abgehängt werden dürfe. Allerdings unterstreicht er: „Das heißt aber nicht, dass jedes 1000-Seelen-Dorf eine eigene Praxis braucht.“ Der Mediziner weist auf „großartige Konzepte“ hin – etwa den Medibus der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, der täglich die Gemeinden ansteuere. 

Vorgeschichte nicht bekannt?

Die folgende Aussage des Mediziners legt die Vermutung nahe, dass er die Vorgeschichte des Pilotprojektes in der Hönnestadt schlicht nicht kennt: „Bürgermeister aus unterversorgten Kommunen müssten nur mit den KVen sprechen, und zwar frühzeitig.“ Auch seine abschließende Beurteilung der Infrastruktur in unterversorgten Gemeinden trifft auf Neuenrade in keiner Weise zu: „Wenn es im Ort keine Kita-Plätze, keinen Bäcker, keine Kneipe gibt – warum sollten sich dort Ärzte niederlassen wollen? Ein Praxisstandort muss heute für die gesamte Familie interessant sein.“

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann besucht am Montag, 16. März, das Medizinische Versorgungszentrum Neuenrade (MVZ). Laumann (CDU) hatte sich im Vorfeld der Zulassung für eine solche Institution in Neuenrade stark gemacht. In einem Dankesschreiben lud Bürgermeister Antonius Wiesemann den Minister in die Hönnestadt ein. Trotz der angespannten Lage, für die das Coronavirus verantwortlich ist, habe Karl-Josef Laumann den Besuch im MVZ bisher nicht abgesagt, hieß es gestern aus dem Rathaus.

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