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Gegen Hexen-Wahn: Neuenrader gedenken Humanist Wilken

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Von: Peter von der Beck

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Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg präsentiert hier Teile des ideellen Neuenrader Kirchenschatzes: Die Kirchenordnung und das Buch zur Hexenverfolgung.
Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg präsentiert hier Teile des ideellen Neuenrader Kirchenschatzes: Die Kirchenordnung und das Buch zur Hexenverfolgung. © Peter von der Beck

Der Neuenrader Hermann Wilken war ein Humanist durch und durch. Und das zu einer Zeit als Menschlichkeit Nebensache war. Auch wenn er als Kind seiner Zeit an den Teufel glaubte, so war er doch gegen die inhumane und absurde Verfolgung von Hexen. Auch war er Schöpfer der quasi ersten Kirchenordnung nach der Reformation.

Neuenrade – Im benachbarten Balve spielten sich damals wahre Dramen ab: Menschen wurden als Hexen oder Hexer verfolgt, der Zauberei bezichtigt, gefoltert und hingerichtet. Pfarrer Dieter Kuhlo-Schöneberg berichtet „von 300 Menschen“ aus der Region, die im Vorfeld, während und im Nachgang des 30-jährigen Krieges dem Hexenwahn zum Opfer fielen. Unter anderem mussten 1596 Jorgen Snyder aus Affeln (damals Teil Balves) und seine Frau dran glauben. In Neuenrade hingegen kam niemand deshalb zu Tode.

Geistige Freiheit und Hexenwahn

Zum Thema Hexenverfolgung wird der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde am Sonntag im Kaisergarten anlässlich des 500. Geburtstages von Herman Wilken einen Vortrag halten: „Geistige Freiheit und Hexenwahn“ ist sein Vortrag überschrieben, denn: Wilken ist nicht nur Autor der berühmten Evangelischen Kirchenordnung aus 1564, und Grundlage für die Kirchengemeinden nach der Reformation, sondern auch Verfasser eines Buches, das sich kritisch mit dem Hexenverfolgungswahn auseinandersetzt.

„Christliche bedenken und erinnerung von Zauberey“ heißt das erstmals 1585 erschienene Buch zu dieser Thematik. Weil das ganze brisant und gefährlich war, wagte Wilken nur eine Veröffentlichung unter dem Decknamen Augustin Lercheimer von Steinfelden.

„Wilken hat 100 Fälle zur Hexenverfolgung untersucht und konnte Unschuld belegen.“

Wilken selbst war dabei ein Kind seiner Zeit und mit dem damaligen intellektuellen Hintergrund ausgestattet. So sei er von Aberglauben nicht frei gewesen, glaubte durchaus an das unmittelbare Wirken des Teufels, und dass Menschen mit ihm zusammenarbeiteten. Davon ist zumindest Professor Heinrich Stievermann überzeugt, der dazu im Märker von 2015 über das Wirken von Wilken geschrieben hatte.

Allerdings sei Wilken auch ein zutiefst sozialer Mensch mit Einfühlungsvermögen gewesen: Auf die soziale Situation der Frauen müsse man achten und den angeklagten Menschen Zuwendung geben, statt auf Denunziation gerichtliche Verfolgung und Folter angedeihen zu lassen.

Finanzielle Interessen

Eine Erklärung für den Hexenverfolgungswahn in diesen wirren Zeiten liefert Kuhlo-Schöneberg auf Nachfrage: Hexenjäger wurden pro Verurteilung bezahlt. Es gab also ein finanzielles Interesse. Auch hätten Menschen in dieser Zeit der Missernten (Kleine Eiszeit) und des Kriegs „Schuldige gefunden“. Mechanismen, die man in erweitertem Sinne auch aus späterer Zeit kenne, sagte der Pfarrer auch mit Blick auf Schuldzuweisungen im Rahmen von Corona.

Feierlichkeiten im Kaisergarten

Die Feierlichkeiten beginnen Sonntag um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst, bei dem Pfarrer Dr. Köber von der Theologischen Fakultät Hermannstadt predigt. Um 11.30 Uhr ist Empfang im Kaisergarten mit diversen Grußworten; für 12 Uhr ist ein Mittagessen geplant. Um 13 Uhr beginnt dann ein Festvortrag zur Wilkenschen Kirchenordnung. Dann folgt Musik und anschließend der Vortrag von Pfarrer Dieter Kuhlo Schöneberg, der das Ganze mit „Geistige Freiheit und Hexenwahn“ überschrieben hat.

Dabei ist Kaffeetrinken. Um 15 Uhr können die Teilnehmer dann an einem Spaziergang auf dem Geschichtspfad mit Kirchenführung teilnehmen. Abschließend gibt es neben der Kirche einen Sanctusgesang vom Werdohler Kirchenchor in der Gertrudengasse.

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