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„Es war ganz still im Bus“: Schüler blicken in Abgrund der Geschichte

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Von: Peter von der Beck

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Die Schüler der Geschichts-AG der Hönnequell-Schule auf historischem Grund: Die Aufnahme wurde im Innenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gemacht. Dort, wo Graf Stauffenberg und seine Mitverschwörer erschossen wurden. Im Vordergrund sieht man die gemauerte Linie, an welcher die Schützen angelegt und geschossen haben.
Die Schüler der Geschichts-AG der Hönnequell-Schule auf historischem Grund: Die Aufnahme wurde im Innenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gemacht. Dort, wo Graf Stauffenberg und seine Mitverschwörer erschossen wurden. Im Vordergrund sieht man die gemauerte Linie, an welcher die Schützen angelegt und geschossen haben. © Geschichts-AG

„Es war ganz still im Bus.“ Eva Mauer beschreibt die eigenartige Stimmung Mitte August, welche die Schülerinnen und Schüler nach dem Besuch des KZ Sachsenhausen erfasst hatte. Ganz klar: Der Besuch der Gendenkstätte hatte sie mehr als berührt.

Neuenrade – An Ort und Stelle zu stehen, die Not und Angst der Menschen vielleicht noch zu erahnen oder gar zu spüren, belastete die Seelen der 15-Jährigen.

Mauer ist Lehrerin an der Hönnequell-Schule. Sie leitet die Geschichts-AG und war unter Begleitung von Lehrer Jens Paschkewitz mit den 25 Schülern auf dieser Exkursion, die sie Mitte August nach Oranienburg/Berlin unternommen haben. Unter anderem besuchten sie das KZ Sachsenhausen.

Der Geschichtsunterricht zum Thema Drittes Reich, an dem sie freiwillig teilnahmen und -nehmen, bekam hier noch einmal eine ganz andere Dimension.

In einem Bericht schilderten die Schüler zunächst ihre Eindrücke von der Hauptstadt Berlin. Sie zeigten sich von Anfang an überwältigt von den Eindrücken: viel Verkehr, Geschäfte und Restaurants aus aller Herren Ländern und Tag und Nacht Trubel. Untergebracht waren die Schüler im Singer Hostel, mitten in der Stadt am Alexanderplatz. Dort trafen sie auf viele Reisende aus anderen Ländern.

Hier lernen die Schüler das Thema „Deutscher Jugend-Widerstand im Nationalsozialismus“ kennen.
Hier lernen die Schüler das Thema „Deutscher Jugend-Widerstand im Nationalsozialismus“ kennen. © Geschichts-AG

Doch es ging eben auch um deutsche Geschichte. Das Wetter passte wohl zum Besuch dieses besonderen Denkmals: Im strömenden Regen gingen die Jugendlichen zum Holocaust-Mahnmal, errichtet zum Gedenken an die sechs Millionen im Dritten Reich ermordeten Juden.

Am nächsten Tag besuchten sie dann die Gedenkstätte KZ Sachsenhausen. „Hier hatten die Nazis erprobt, wie man Gefangenen- und Vernichtungslager am effektivsten gestaltet. Die Kaltblütigkeit der Planung und der gezielte Schrecken sind noch heute spürbar“, schreiben die Schüler. Beim Rundgang durchs Lager seien dem einen oder anderen dann auch ein wenig die Tränen gekommen.

Medizinische Versuche, Hinrichtungen, eine Strecke zur Testung von Schuhabrieb, Zwangskastrationen – die Liste der Gräueltaten ist lang und erschütternd. Auch abends beim gemeinsamen Zusammensein war die Stimmung noch gedrückt.

Dass es auch den Widerstand gab, dass es auch damals Menschen gab, die gegen dieses menschenverachtende Regime kämpften und dafür ihr Leben gaben: Auch das durften die Schüler vor Ort lernen. So ging es dann zu einem fünfstündigen Seminar in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Jedes Jahr wird dort feierlich dem gescheiterten Attentat von Graf Stauffenberg und seinen Mitverschwörern gedacht.

Eine Skulptur im Innenhof an der Hinrichtungsstelle und ein Kranz erinnern an den 20. Juli. Noch heute wird das Gelände vom Verteidigungsministerium genutzt, der eine oder andere General läuft dort an einem vorbei.

„Im Seminar ging es um den Widerstand gegen rassenpolitische Verfolgung und den Widerstand Jugendlicher“, erläutert Eva Mauer. Es gab geführte Vorträge und dann mussten die Schüler zu einzelnen Personen Vorträge erarbeiten und vorstellen. „Es war anstrengend, in großer Hitze und mit FFP2-Masken zu arbeiten, aber wir waren in historischer Umgebung unterwegs und haben viele mutige Personen kennengelernt“, berichten die Mitglieder der Geschichts-AG.

„Am kommenden Tag haben wir dann schweren Herzens die beeindruckende Hauptstadt Berlin verlassen. Wir sind dankbar für die vielen Eindrücke und die auch sehr schöne gemeinsame Zeit“, schreiben die Schüler. Natürlich haben sich die jungen Leute in Berlin auch amüsiert...

Auch Lehrfilme schauten sich die Teilnehmer an, befassten sich unter anderem mit Indoktrination.
Auch Lehrfilme schauten sich die Teilnehmer an, befassten sich unter anderem mit Indoktrination. © Geschichts-AG

Auch lange nach der Fahrt ist klar, dass sich der Großteil der Schüler mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinandersetzt und ihn reflektiert hat. Im Gespräch betont eine Schülerin: „Es war etwas anderes, mit beiden Beinen auf diesem Boden zu stehen, wo alles passiert ist.“ Oder ein junger Mann sagt: „Die haben die Menschen nicht nur erschossen, sondern auch gequält.“

Es ist eine neue und andere Generation, die sich hier mit der deutschen Vergangenheit befasst. Divers ist diese an Geschichte interessierte 25 Köpfe zählende Gruppe, wie man heutzutage sagt. Junge Frauen und Männer mit unterschiedlichem familiärem und kulturellem Hintergrund. Schüler, die noch mit Uropa über die Vergangenheit sprechen konnten.

Aber auch welche, die nicht unbedingt nach dieser Zeit fragen wollten, um keine schlimmen Erinnerungen bei Opa hervorzurufen. Sie sind genauso dabei wie Schüler, deren Vorfahren aus dem arabischen Raum stammen und die sich inhaltlich nicht äußerten. Sie alle betrachten die Welt nach der Exkursion offenbar mit anderen Augen.

„Es werden weniger Witze über diese Zeit gemacht. Alle haben ein bisschen mehr Respekt davor“, sagt eine junge Frau – fast 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Es sind Schüler, die eher keine Schuld empfinden, sondern eher Verantwortung und durchaus einen realistischen Blick auf das Dritte Reich haben und sich keine Illusionen machen, um das menschliche Verhalten. Während zum Teil von „Fremdscham“ die Rede war, dass „man“ nichts verhindert habe, so sagt hingegen eine junge Frau, dass sie sich da keine Illusionen mache. Im Endeffekt wären sie alle unter den damaligen Rahmenbedingungen „mitgelaufen“ aus Angst vor Konsequenzen.

Den Weg in diese Vernichtungsmaschinerie, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, angefangenen beim Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten und dem Ende des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und der Machtübernahme der Nazis – all das hatte die Lehrerin zuvor mit den Schülern besprochen und analysiert.

Lehrerin Eva Mauer, die an der HQS Englisch und Deutsch unterrichtet, hat sich im Studium mit dieser Geschichte befasst und hatte ihren Schwerpunkt bei jüdischer Geschichte und Literatur. Das hatte sich im Laufe ihres Studiums ergeben.

„Leuchtturmprojekt“

Die Geschichts-AG zum Thema Nationalsozialismus gibt es schon etliche Jahre an der Hönnequell-Schule. Bürgermeister Antonius Wiesemann erinnert sich, dass diese seinerzeit Lehrer Christian Berwanger initiiert hatte. „Ich habe das immer unterstützt, es ist auch persönlich für mich wichtig“, sagt Bürgermeister Wiesemann. Es habe ihm auch immer imponiert, was die Schüler erarbeiteten – sei es Göbbels-Rhetorik und Propaganda oder der Umgang mit behinderten Menschen in dieser Zeit. Auch er selbst habe zwischendurch mal an einer Unterrichtsstunde teilgenommen. Es sei nur folgerichtig, dass neben der theoretischen Aufarbeitung der Geschichte auch eine Fahrt zu einer Gedenkstätte dazugehöre. Finanziert werde das durch „stille Spender“. Er freue sich auch, dass die Schüler stets einen Beitrag zum Volkstrauertag leisten würden. Er sehe die AG als ein Leuchtturmprojekt an und hoffe, dass die Schüler das Erlernte heraustragen und mitwirken, dass so etwas nicht wieder passiert – gerade jetzt in diesen Zeiten.

„Der Einfluss der jüdischen Kultur und Religion auf die kulturelle und politische Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert ist wirklich beeindruckend, was leider durch das Dritte Reich eine schreckliche Zäsur erfahren musste“, heißt es von Mauer.

Die Lehrerin hatte jedenfalls die Geschichts-AG übernommen, weil sie wollte, dass das weitergemacht wird. Eine andere Lehrkraft war zuvor abgesprungen. Und Mauer sagt am Ende: „Die Schüler haben auch eins realisiert – es ist wirklich passiert.“

Zum Volkstrauertag am 13. November wollen die Schülerinnen und Schüler der Geschichts-AG auch noch etwas Besonderes aufführen.

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