Vorwürfe werden laut

Seltenes Tier könnte Bau einer Umgehungsstraße im MK verzögern: Unke nur ausgesetzt?

Eine Gelbbauchunke aus einem Neuenrader Kleinstgewässer
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Die in NRW vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke wurde auf dem geplanten Trassenverlauf der Umgehungsstraße nachgewiesen.

Neuenrade – Der Nachweis einer Gelbbauchunke auf der geplanten Trasse der avisierten ortsnahen Umgehungsstraße sorgt für Ungemach in Neuenrade. Das in NRW überaus seltene Tier muss laut Gesetz besonders geschützt werden.

Die Planung würde durch ein natürliches Vorkommen dieser Art auf jeden Fall erschwert und weiter verzögert. Inzwischen werden Vorwürfe laut: Von einem Aussetzen der Unke ist die Rede.

Just im Verlauf der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres sollte doch der Aufstellungsbeschluss für die Umgehungsstraße fällig werden. Je nachdem welche Überraschungen noch auf die Planer warten – wenn noch andere seltene Tierarten entdeckt werden, wozu es wohl Erkenntnisse gibt – kann das ebenfalls Auswirkungen auf die Planungen haben.

Der Nachweis der Gelbbauchunke (wir berichteten) hat indes zu erheblichen Irritationen geführt – vor allem in Fachkreisen. Experten, die quasi ihr Leben der Erforschung von Amphibien in NRW und insbesondere der Gelbbauchunke gewidmet haben, reagieren ausgesprochen misstrauisch angesichts der Nachrichten aus Neuenrade.

Neuenrade nicht typisches Verbreitungsgebiet

Das Thema „bewusste Aussetzung von Exemplaren“ wird sofort in den Raum geworfen, zumal das Sauerland offensichtlich nicht zu den typischen Verbreitungsgebieten der Gelbbauchunke gehört. Es seien eher die Randzonen von Mittelgebirgslagen. Auch Bördegebiete als ursprüngliches Verbreitungsgebiet werden genannt. 19 Standorte macht man aus, die im Bereich Soest oder Aachen zu finden seien, wie Arno Geiger vom Lanuv (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz) erläutert. Er erwähnt das Pöppelsche Tal bei Anröchte. Er lässt aber auch nicht unerwähnt, dass die Gelbbauchunke auch ein beliebtes Terrariumtier sei. In der Tat kann man die Unke zum Festpreis von 15 Euro zum Beispiel in Landau kaufen, wie eine kurze Recherche der Redaktion ergab.

Lanuv-Mann Geiger ist zudem der Ansicht, dass die Experten über 99 Prozent der Gelbbauchunkenverbreitungsgebiete Bescheid wüssten und über eine jahrzehntelange Forschungshistorie verfügten. Da tauche Neuenrade eben nicht auf. Geiger macht auch darauf aufmerksam, dass die Praxis des generellen Aussetzens von zuvor zuhause gehaltenen Tierarten weit verbreitet sei. Geiger sagte zudem, dass man auch die Tiere genetisch untersuchen könne, um die Herkunft festzustellen. Das koste 600 Euro plus Mehrwertsteuer.

Der geplante Trassenverlauf der Ortsumgehung Neuenrade

Das Aussetzen von Tieren ist etwas, was auch Michael Bußmann, Mitautor eines Standardwerkes zum Thema Amphibien/Gelbbauchunken, kennt. Er sagt, dass das kein Kavaliersdelikt sei. Das laufe unter „Faunenverfälschung“ und sei eine Straftat. Da gehe es einfach auch um Verantwortung. Generell ist er in der Angelegenheit höchst misstrauisch. Seiner Kenntnis nach gibt es eben auch in Aachen und in der Soester Börde die letzten in NRW frei lebenden Tiere der Art Bombina variegata. „Dort sind die letzten Mohikaner.“ Eine solche Unke will jetzt aber eine Familie (Name der redaktion bekannt) auf ihrem Grundstück entdeckt haben, über das die Trasse der Umgehungsstraße verlaufen soll.

Gelbbauchunken, die ansonsten während seiner Dienstzeit im Kreisgebiet gefunden wurden, hätten sich hierzulande nicht gehalten. Bußmann sagt deshalb noch einmal in aller Deutlichkeit: „Neuenrade gehört nicht zum Verbreitungsgebiet der Gelbbauchunken in Westfalen.“

Anonymer Brief

Auch ein anonymer Brief, bei dem Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU), ein Sprecher von Straßen.NRW und die Fraktionsvorsitzenden der heimischen Parteien mit im Verteiler sind, erreichte die Redaktion. Der Schreiber verortet sich im erweiterten Umfeld der Familie, auf deren Grundstück man die Unke gefunden hatte. Der anonyme Schreiber behauptet, dass die Besitzer des besagten Grundstücks verkündet hätten, Unken selbst gezüchtet und ausgesetzt zu haben, um die Umgehungsstraße zu verhindern. Zudem „gibt es Ratsmitglieder, die das wissen“, wird in dem Schreiben behauptet. Bislang erreichte das Schreiben bis Donnerstag nur Bürgermeister Antonius Wiesemann und den Sprecher von Straßen.NRW. Bei den Politikern scheint bislang kein Brief angekommen zu sein. Weder bei SPD, FDP, CDU, FWG oder Bündnisgrünen wusste man etwas von einem Brief, zudem hatte man auch nicht ansatzweise etwas zu dem Thema Gelbauchunken aus dem Kreis der Ratsmitglieder gehört.

Ein Mitglied der Familie mit dem Grundstück des Gelbbauchunkenfundes – die ungenannt bleiben möchte, weil sie Ärger in Zusammenhang mit dem Straßenbauprojekt befürchtet – wies die Vorwürfe auf Nachfrage der Redaktion ausdrücklich zurück: „Das ist Quatsch.“ Stattdessen wurde noch einmal betont, dass man nicht selbst die Unke gefunden habe, sondern eben ein Fachmann. Es gelte jetzt, die weiteren Untersuchungen abzuwarten – was daraus folge, sei entscheidend.

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