Erzbischof und Gemeinde ehren Gisela Schlotmann

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Gisela Schlotmann. ▪

NEUENRADE ▪ Wenn Gisela Schlotmann aus dem Fenster schaut, sieht sie auf die St. Lambertus-Kirche. Das war schon immer so. Die 83-Jährige lebt seit Geburt im selben Haus. „Und mit der Kirche bin ich quasi verwandt“, sagt sie. Darin wurde sie getauft. Darin hat sie geheiratet. 47 Jahre dauerte die Ehe, bis ihr Mann vor elf Jahren verstarb. Zwei Kinder hat Schlotmann groß gezogen. Und fast nebenbei hat sie bald vier Jahrzehnte lang Menschen durch „ihre“ Kirche geführt.

Oft bekam sie Trinkgeld dafür. Doch behalten hat sie das nie. Sie lieferte es stets im Pfarrbüro ab. „Die Führungen machen mir doch Spaß. Da will ich doch nichts für haben“, hatte sie immer argumentiert.Doch da sie nun nicht mehr so gut auf den Beinen ist und ihr auch das ein oder andere entfällt, ist nun Schluss mit den Besichtigungs-Touren durch das Gotteshaus.„Bei meiner ersten Führung wusste ich noch gar nicht so recht, was dieses Ehrenamt bedeutet“, blickt Schlotmann zurück. Doch dann habe sie zuhause geübt, was sie alles bei der nächsten Führung erzählen wollte. „Ich bin stets auf alle Fragen von Mensch und Tier eingegangen“, erklärt sie schmunzelnd. So habe auch nicht jede Führung gleich lang gedauert.Ein Konzept brauchte die Affelnerin für ihre Besichtigungen nie. „Die Geschichten hatte ich alle im Kopf.“ Und noch heute reicht ein Stichwort – und Schlotmann legt los. Abgebrannt sei die Kirche doch einmal? „Ja, das war 1814. Da hatten Kinder Kartoffeln braten wollen. Und am Ende war das ganze Dorf runtergebrannt. Nur sieben Häuser blieben stehen“, sprudelt es aus ihr heraus.Die Kirche liegt ihr einfach am Herzen – so sehr, dass sie bei Veranstaltungen (etwa dem Bauernmarkt) immer den gesamten Tag im Gotteshaus war, um jedem Passanten ihr Lieblingsstück zu erklären: „Der Altar“, sagt sie – und ihre Augen funkeln.Das Altarretabel (Latein für „Tafel hinter dem Altar“) ist die Besonderheit der Kirche. Momentan, in der Fastenzeit, ist es zugeklappt. Wenn es offen steht, zeigt es eine Vielzahl von Bildern. Zu jedem wusste Schlotmann eine lange Geschichte zu erzählen.Nur wann die Kirche gebaut wurde, das weiß sie nicht. Aber das weiß ja auch niemand. Vermutlich um 1250 wurde das spätromanische Bauwerk fertiggestellt. Die dreijochige Hallenkirche bildet seither den Ortskern.Doch nicht nur die Affelner wollten Führungen durch die Kirche. Einmal kamen sogar Briten, die im Sauerland Urlaub machten. Ein paar Brocken Deutsch konnten sie. Und so verstanden sie auch die Erläuterungen Schlotmanns. Englisch kann die Seniorin nämlich nicht.„Doch auf Plattdeutsch habe ich Führungen gemacht.“ Mindestens alle drei, vier Wochen hat sie ihre Besichtigungen angeboten – die insgesamt letzte aber schon im vergangenen August. Wie viele Besucher sie in den 40 Jahren durch die Lambertus-Kirche führte, weiß die 83-Jährige nicht. „Ach, das waren viele“, winkt sie ab. „Manchmal kamen auch Schulklassen oder ganze Busladungen Menschen – etwa aus Münster“, ergänzt sie. Aber auch für nur zwei Interessierte schloss sie das Gotteshaus gerne jederzeit auf. Und, da ist sie sicher, keine Frage der Gäste blieb von ihr jemals unbeantwortet.Am Samstag war Gisela Schlotmann wieder in ihrer Kirche. Aber dieses Mal stand sie selbst im Mittelpunkt: Im Anschluss an den Gottesdienstes wurde sie geehrt für ihren jahrzehntelangen Einsatz. Es gab ein Dankschreiben. ▪ Michael Koll

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