Vermutlich im „Knusperhäuschen“ infiziert

„Erst einmal wieder das Atmen lernen“: Kommunalpolitiker berichten von schweren Corona-Verläufen

Bei einer Zusammenkunft im „Knusperhäuschen“ der FWG steckten sich die Kommunalpolitiker vermutlich mit Corona an.
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Bei einer Zusammenkunft im „Knusperhäuschen“ der FWG steckten sich die Kommunalpolitiker vermutlich mit Corona an.

Es war eine politische Sitzung der Opposition Ende November im „Knusperhäuschen“, die – vermutlich – dafür sorgte, dass sich führende Mitglieder von Freien Wählern, SPD und FDP mit Corona infizierten. Manche von ihnen erkrankten schwer und wurden zum Teil invasiv beatmet. Sechs sehr persönliche Berichte.

Neuenrade – Alle Beteiligten – Thomas Wette, Ulrike Wolfinger, Bernhard Peters, Detlef Stägert sowie Michael Hammer und Jan Schäfer – waren bereit, über ihrer Krankheitsverläufe zu sprechen, auch um die Menschen zu warnen, die Infektion nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Denn selbst die leichten Verläufe sind nicht ohne. Besonders schwer erwischte es Thomas Wette (65), der sogar auf der Intensivstation lag und heute „erst einmal wieder das Atmen lernen“ muss. Zur Ratssitzung am Mittwoch war der bis zur Erkrankung sehr fitte SPD-Fraktionschef mit Hilfe eines Rollators erschienen.

Auch Detlef Stägert von der FWG wurde von dem Virus arg gebeutelt. „Ich gehöre zu den wohl wenigen Menschen, die zweimal infiziert wurden“, erzählte er. Beim ersten Mal habe er wohl nicht genug Antikörper gebildet. Stägert, der unter Vorerkrankungen leidet, hat eineinhalb Wochen im Krankenhaus verbracht und wird sich für die weitere Behandlung in eine Fachklinik begeben.

Noch immer kurzatmig

Thomas Wette klingt am Telefon immer noch kurzatmig und kann auch nicht lange sprechen, dafür fehlt ihm die Luft. Doch jeden Tag geht es besser. Erschütternd ist es, wenn er von dem Verlauf der Erkrankung erzählt, die den fitten Mann innerhalb weniger Tage niederstreckte. Am Samstagnachmittag hatte er erste grippeähnliche Symptome, am Wochenende Fieber, am Montag ließ er beim Arzt einen Abstrich machen, am Dienstag bekam er das positive Ergebnis und am Mittwoch konnte er „kaum noch atmen“.

„Am Samstag lag ich schon auf der Intensivstation und wurde zwangsbeatmet“, erinnerte sich Wette. Im Verlauf des Krankenhausaufenthaltes gab es kritische Situationen. Als sich die Werte plötzlich wieder verschlechtert hätten, habe man ihn ins Koma versetzen wollen. Da habe er gedacht, „die schicken dich jetzt ins Koma und du weißt nicht, ob du wieder aufwachst“.

Zu Hause am Rollator gehen

Doch es ging alles gut. Zwei Tage vor Weihnachten kam er nach Hause. Auch dort konnte er sich teilweise nicht ohne Rollator bewegen, war nach wenigen Schritten erschöpft. Ohne Hilfe zu duschen sei nicht möglich gewesen. Mit Physiotherapie ging es aber von Tag zu Tag besser. Arbeitsfähig wird der Geschäftsführer des Salvador-Allende-Bildungshauses in Oer-Erkenschwick wohl nicht vor April sein.

Frustrierend in der Krankenhaus-Zeit: Besuch war nicht möglich, seine Frau war in Quarantäne und die beiden konnten den 50. Geburtstag und den Hochzeitstag nicht feiern. Glück im Unglück: Elke Dickehage-Wette wurde nicht infiziert. „Corona – das habe ich alles locker genommen“, sagte Thomas Wette. Jetzt hofft er, auch durch sein Beispiel, dass der eine oder andere registriert, was passiert.

Zweimal hintereinander infiziert: Organe angegriffen

Für Detlef Stägert ist es auch noch nicht vorbei. Er war zum Arzt wegen eines starken Hustens gegangen, hatte aber weder Kopfschmerzen noch Fieber, der Geschmacksinn war in Ordnjung. „Ich war überrascht, dass ich positiv getestet wurde.“ Er begab sich absprachegemäß in Quarantäne, informierte seine Kontakte. „Passt auf, da kommt vielleicht ein Karton auf euch zu.“ Dann bekam er nach zwölf Tagen einen Anruf vom Gesundheitsamt, dass er coronafrei sei. Er benötige keinen weiteren Test. Detlef Stägert besorgte sich dennoch selber Schnelltests, die negativ ausfielen.

Auch der Abstrich beim Arzt war negativ. Die Weihnachtszeit verbrachte er aber so isoliert wie möglich, um ältere Angehörige nicht zu gefährden, nach Weihnachten ging es ihm dann immer schlechter, er litt unter anderem unter Atemnot. Stägert kam ins Krankenhaus, wurde dort auf den Kopf gestellt und wieder positiv getestet. „Ich war zum zweiten Mal mit Corona infiziert.“ Inzwischen wurde er mehrfach negativ getestet, aber seine Organe seien wohl angegriffen. Er soll sich in einer Fachklinik vorstellen. Auch Stägert rät allen, vorsichtig zu sein. „Das ist keine kleine Kiste.“ Und in Richtung Querdenker sagte er: „Ich gönne es denen wirklich nicht, aber wer so was hat, der ist hart dran.“

Mildere Symptome, Halskratzen und Fieber

Einen relativ leichten Verlauf hatte Ulrike Wolfinger (SPD) – doch auch hier ist leicht eben relativ. Sie hatte starke Kopfschmerzen, Magen- und Darmprobleme und einen Kreislaufzusammenbruch. Zudem Gliederschmerzen, verstärkt auch wegen einer Knie-OP im Vorfeld. Zudem fror sie immer. Ob sie jemanden angesteckt hat, weiß sie nicht. Ihr Mann wurde in Quarantäne geschickt, aber getestet wurde er nicht.

Fast kaum Symptome hatte Bernhard Peters (FWG). Er hatte das jahreszeitübliche Halskratzen, ansonsten aber nichts gemerkt und ist bis zum Test „wohl als Superspreader herumgelaufen“. Seine Frau habe er jedenfalls angesteckt. Auch sie habe aber so gut wie keine Symptome gehabt. Peters erinnert sich noch an die politischen Treffen im Knusperhäuschen. „Wir haben Abstand gehalten, teilweise Masken getragen.“ Er habe die Maske immer aufgesetzt, wenn er herumgelaufen sei. Eben jene üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Wer womöglich das Virus in die Runde gebracht habe, das weiß er nicht.

Drei Wochen nichts gerochen

Auch die jüngeren Teilnehmer der politischen Runde, wie Jan Schäfer (29 Jahre alt) und Michael Hammer (41 Jahre alt), beide von der FDP, hatten mit Covid-19 zu kämpfen. Michael Hammer hat zehn Tage mit Fieber „flach gelegen“. Und es war nicht immer leichtes Fieber. „Die Spitze lag bei 39,8 Grad.“ Hammer hatte, nachdem er erste Symptome aufwies, sofort den Test gemacht und sich dann in häusliche Quarantäne begeben. Was interessant ist: „Ich habe weder Kollegen noch meine Familie angesteckt.“ Dabei sei er auch im Streifenwagen mitgefahren und zuhause lebe man natürlich ohnehin dicht zusammen. 14 Tage war Hammer außer Gefecht.

Bei Jan Schäfer, der sich testen ließ, nachdem er von der Erkrankung Hammers und Wettes erfahren hatte, war es ein milder Verlauf mit „ganz leichten Erkältungssymptomen“. Gleichwohl hatte er Einschränkungen – der Geruchssinn war weg. Erst nach gut drei Wochen kehrte dieser vollständig zurück. Auch Jan Schäfer steckte niemanden an, seine Frau war auch in Quarantäne, aber ihr Testergebnis war negativ.

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