Unwetter in Neuenrade

Erfahrungsbericht: Viel Wind um Sturm „Friederike“

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An der Landwehr droht ein Baum auf die Straße zu stürzen.

Neuenrade - Sturm „Friederike“ hat seine Spuren hinterlassen. Der Donnerstag war kein normaler Wochentag – auch nicht für die, die über den Sturm berichten. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Gegen 11.45 Uhr kommt die erste Meldung: Die Bundesstraße 229 soll gesperrt sein. Nachdem uns den Vormittag über Meldungen aus dem ganzen Land erreicht haben, ist nun von ersten Auswirkungen zwischen Werdohl und Neuenrade zu hören.

Ich entschließe mich, dort mal nachzusehen. „Sei vorsichtig, bring dich nicht in Gefahr!“, höre ich von den Kollegen. Es soll nicht der letzte Ratschlag sein. Die Feuerwehr war schnell: Die Straße ist zwar von Kleinholz bedeckt, aber wieder frei. Ich knipse sicherheitshalber ein paar Ansichten: Vielleicht wird es heute ja nicht mehr interessanter.

Kein Durchkommen am Kohlberg – es ist zu gefährlich.

Momente später klingelt mein Handy. An der Landwehr, berichtet mir ein Kollege, soll die Feuerwehr im Einsatz sein. Und am Kohlberg sei auch der eine oder andere Baum umgestürzt. Und ich soll auf mich aufpassen. Also zurück ins Auto, mal nachschauen.

Tatsächlich ist die Landwehr gesperrt: Ein Baum droht, auf die Straße zu fallen. Die Feuerwehr lässt hier niemanden mehr durch. Trotzdem scheint die Lage jetzt, um 12.05 Uhr, einigermaßen ruhig zu sein. Direkt gegenüber liegt das Gerätehaus des Löschzugs Stadtmitte. So wie an allen Standorten, sind die Feuerwehrleute auch hier bereit für die Einsätze, die noch kommen mögen.

Im Obergeschoss sitzt das Gehirn der Neuenrader Feuerwehr, hier treffe ich auch Stadtbrandmeister Karsten Runte. „In den vergangenen 30 Minuten sind hier vier Einsätze aufgelaufen“, erklärt er. Quasi ununterbrochen sind über die Funkgeräte Stimmen zu hören, die Meldung über die aktuelle Lage geben.

Von hier aus werden alle Neuenrader Fahrzeuge koordiniert. Normalerweise macht das die Kreisleitstelle in Lüdenscheid, doch in dieser speziellen Lage geben die Disponenten in der Kreisstadt die Einsätze an die Neuenrader Wehrleute weiter, die ihre Fahrzeuge selbst koordinieren.

Im Gerätehaus des Löschzugs Stadtmitte hat die Feuerwehr alles im Blick.

Um 12.12 Uhr mache ich mich auf den Weg zum Kohlberg. Auch die Dahler Straße ist voller Laub und kleiner Holzstücke, ein Baustellenschild ist umgekippt. Weit komme ich nicht. „Sie müssen hier wenden“, heißt es. Auf meinen Einwurf, ich sei Journalist und wolle ein paar Fotos machen, gestattet mir der freundliche Feuerwehrmann die Weiterfahrt – nicht ohne den Hinweis, mich nicht in Gefahr zu bringen.

Ein paar hundert Meter weiter steht das nächste Feuerwehrfahrzeug. Weiterfahren scheint sinnlos, obwohl noch einige Autos den Kohlberg runter fahren. Die waren schon dort, bevor gesperrt wurde, erklärt mir ein weiterer Feuerwehrmann. Ein paar Meter weiter könne ich jedenfalls ein Foto machen.

Also endlich das erwartete Motiv. Denke ich zumindest: „Nix! Runter! Gefahrenbereich!“, so die knappe Aufforderung. Keine Einwände meinerseits. Die Feuerwehr verlegt ihren Posten runter in Richtung Stadt, der Kohlberg ist spätestens jetzt komplett dicht. Um 12.29 Uhr noch ein Foto im sicheren Bereich vor der Absperrung. Dem Mann im gerade abrückenden First-Responder-Fahrzeug wünsche ich noch „einen Ruhigen“. „Das wird es nicht“, antwortet der. „Ich weiß.“

Sturm „Friederike“ in Neuenrade

Statt dem Kohlberg wage ich mich an ein etwas ungefährlicheres Projekt: ein kleiner Sturm-Rundgang durch die Altstadt. Hier scheint die Welt zunächst in Ordnung zu sein, auch wenn sich nur wenige in den Sturm wagen.

Auf dem Bürgermeister-Schmerbeck-Platz liegen umgekippte Mülltonnen, und dieses Bild setzt sich überall in der Stadt fort. Mit dem Wind verteilt sich der Abfall in der Stadt. Der Schulhof der Burgschule ist um 12.42 Uhr wie ausgestorben, im Inneren des Gebäudes scheint aber noch Leben zu sein. In der Stadt treffe ich auf Kinder, die mit ihren Eltern auf dem Weg nach Hause sind.

Weil diese Rundfahrt nicht eingeplant war, lege ich einen Zwischenstopp an der Tankstelle ein. Während es den Bauzaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite umgehauen hat, harrt der Tankwart tapfer aus. Auch dort ist der Sturm Thema. Zwischen Affeln und Plettenberg soll die Straße gesperrt worden sein, erfahre ich.

Das Wichtigste zum Sturm in Neuenrade

Ich entscheide mich, nach einem letzten Foto – um 12.55 Uhr – in die Redaktion nach Werdohl zurückzufahren. Die Bundesstraße erscheint mir sicherer als die Höllmecke, also fahre ich die Serpentinen runter – um dann im Stau zu stehen. Der nächste Feuerwehreinsatz, die nächste Sperrung.

Ein umgefallener Bauzaun als offensichtliches Zeichen des Sturms.

Ein kurzer Anruf im Elternhaus offenbart zehn Minuten nach der letzten Aufnahme, dass Neuenrade vergleichsweise glimpflich davongekommen ist: In Iserlohn sind an einer Straße allein rund 40 Bäume umgekippt. Als es für mich endlich weitergeht, nehme ich um 13.13 Uhr den obligatorischen Hinweis bezüglich meiner eigenen Sicherheit entgegen und beende den Sturmeinsatz.

Natürlich habe ich mich nicht willentlich in Gefahr begeben, auf jegliche Bäume geachtet. Ich bin trotzdem froh, den Rest des Tages drinnen zu verbringen.

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