„Engen Lebensraum zu einem großen Ballsaal öffnen“

„Die Kinderkunstwerkstatt Neuenrade ist mein zweites Zuhause“, erklärt die Kunsttherapeutin Katja Losch. - Foto: Koll

NEUENRADE - „Die Kiku legte den Grundstein für meine eigene Identität“, sagt Katja Losch. Seit Anfang des Monats leistet sie ihren Bundesfreiwilligendienst dort – ist also in der Neuenrader Kinderkunstwerkstatt Bufdi. Zum Kiku-Team gehört sie aber bereits seit 2009.

Damals sagte eine Freundin zu ihr: „Du verschwendest dein Potenzial.“ Losch hatte „immer schon gemalt“, aber zunächst eine Ausbildung zur grafiktechnischen Assistentin in Iserlohn gemacht und dort in einer Druckerei gearbeitet. Ihre Freundin habe gemeint: „Du musst raus aus dem Druckerei-Keller und Kunst machen.“ Und so erzählte sie Losch von der Kiku, die die gebürtige Werdohlerin bis dahin gar nicht kannte.

Und so lernte die junge Frau Irmhild Hartstein kennen. „Sie ist schuld daran, dass das alles passiert ist“, sagt sie im Hinblick auf die Entwicklung, die ihr Leben seither nahm. „Das war genau das Richtige“, sagt Losch und strahlt. „Ich bin Irmhild so dankbar.“

Nach einem Jahr in der Kiku begann Losch in Ottersberg bei Bremen den Studiengang „Kunst im Sozialen“. Unterdessen hat sie ihre Bachelorarbeit eingereicht und erwartet spätestens in zwei Monaten das Ergebnis. Die Abschlussarbeit ihres Studiums beschäftigt sich mit der Bedeutung des Bildes „als Repräsentant der Identität älterer Herrschaften“, erklärt sie. „Es geht also um Biografiearbeit mittels Kunsttherapie.“

So arbeitet die junge Frau momentan nicht nur als Bufdi. In der Kiku hat sie offiziell einen Vertrag über 21 Stunden in der Woche. „Ich mache aber mehr. Das ist hier ja mein zweites Zuhause“, sagt sie. Und begeistert schiebt sie hinterher: „Ich finde meinen Job schon ganz toll.“ Allerdings schränkt sie ein: „Doch von den 200 Euro im Monat kann ich ja nicht leben. Ich frage mich fast jeden Monat, wie ich es wieder geschafft habe, zu überleben.“

Damit ihr das gelingt, arbeitet sie nicht nur mit den Mädchen und Jungen in der Kiku, sondern auch mit Erwachsenen: So ist sie in der Pflegeeinrichtung Kohlberghaus in Altena tätig, malt dort mir den Bewohnern.

„Jetzt kann ich Farben explodieren lassen“

Auch sie selbst hat erneut mit dem Malen angefangen. „Da passiert Einiges in der nächsten Zeit“, verspricht sie. „Jetzt, wo die Bachelorarbeit fertig ist, kann ich wieder die Farben explodieren lassen.“ Bis spätestens Ende des Jahres will sie genügend Werke für eine Ausstellung beisammen haben, die sie dieses oder nächstes Jahr präsentieren wolle.

Wie sieht der Feierabend einer Künstlerin aus? In ihrer Lüdenscheider Wohnung habe sie keinen Fernseher, berichtet sie. „Ich besitze nicht einmal ein Sofa.“ In ihrer Freizeit treibe sie lieber Sport. Oder sie spiele auf dem Klavier beziehungsweise der Gitarre. Rastlos sei sie deswegen aber nicht: „Ich bin Schlaf-Meisterin“, sagt sie und lächelt. „Ich kann einschlafen noch während ich ins Bett falle“, versichert sie.

Losch hat ein sonniges Gemüt. Sie erklärt: „Grundsätzlich finde ich das Leben mehr zum Lachen denn zum Weinen.“ Das kommt auch zum Tragen, wenn sie ihren Beruf ausübt. Ob Kiku oder Kohlberghaus sei ihr beinahe einerlei: „Wenn ich hier mit den Kindern arbeite, bin ich selbst wieder etwa zehn Jahre alt“, vermutet die 28-Jährige. „Und eigentlich ist die Arbeit im Kohlberghaus gar nicht so anders, auch wenn die Leute dort schon etwas älter sind. Da schwanke ich dann vom Alter her zwischen acht und 88 Jahren.“

„Ich bin erstaunt über das Potenzial“

Das sei der Vorteil ihres Jobs: „Ich kann immer in meine Fantasie hinausschwelgen.“ Für sie sei die Kunst sowieso nicht nur ein Beruf, „sondern vor allen Dingen eine persönliche Einstellung“. Und ihre Persönlichkeit scheint ziemlich gefestigt. So stellt sie an einer Stelle des Gespräches fest: „Ich habe immer Recht.“ Wobei sie dann aber auch eingesteht: „Ich bin ein ziemlicher Dickschädel.“ Dann kehrt sie zurück zum Vergleich von Kiku und Kohlberghaus und verdeutlicht: „Ich bin an beiden Orten gleichermaßen erstaunt über das Potenzial und die Charaktere, die mir dort begegnen.“ Und sie fordert Jedermann heraus: „Jeder muss sich doch über seinen Tellerrand hinaus bewegen und seinen engen Lebensraum zu einem großen Ballsaal öffnen.“

Dazu passt auch einer ihrer Wünsche für ihre Bufdi- Zeit: „Die Idee einer Talentwerkstatt liegt mir sehr am Herzen.“ Was sie sich vorstellt, skizziert sie so: „Da will ich Musik, Theater und Malerei miteinander verbinden – und zwar mit allen Menschen – egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene.“

Darüber hinaus assistiert Losch bei den Kursen, die in der Kiku stattfinden. Sie bringt ihre eigenen Ideen in die Neuenrader Einrichtung mit ein. Und sie erledigt viel Organisatorisches. Kunst bedeute eben Chaos. „Und Chaos will Struktur“, erklärt sie.

Was sie nach ihrem Bufdi-Jahr plane? „Ich reiße dann die Weltherrschaft an mich.“ Da das aber wohl nicht so schnell gelinge, möchte sie „zunächst in einer Klinik als Kunsttherapeutin arbeiten – am liebsten in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie“. Aber auch die Arbeit in einem Altenheim sei denkbar. Und dem Kohlberghaus bleibe sie langfristig erhalten.

Von Michael Koll

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