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Energiepreise: Unternehmer berichten von dramatischer Situation

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Von: Peter von der Beck

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Diesen gewaltigen Gebäudekomplex betreibt Muschert + Gierse in Küntrop.
Diesen gewaltigen Gebäudekomplex betreibt Muschert + Gierse in Küntrop. © Peter von der Beck

Die Situation vieler heimischer Betriebe scheint dramatisch. Der Arbeitgeberverband schlägt Alarm, fast schon verzweifelt ist die Tonlage.

Neuenrade – Noch ist etwas verklausuliert von einer Gefährdung der internationalem Wettbewerbsfähigkeit die Rede, von Kostensteigerungen „in unbeherrschbarem Umfang“, von „bedrohter Liquidität“, „existenzbedrohenden Kostensteigerungen“.

Auf Deutsch: Wenn die Energiekosten auf Produkte aufschlagen werden, sind sie weltweit zu teuer und es wird schwierig, Abnehmer dafür zu finden. Andersherum: Wenn Firmen die Energiekosten (Gas und Strom) nicht auf ihre Kunden umlegen, gibt es kein Geld mehr für andere Verpflichtungen oder gar Investitionen. Die Pleite droht.

Zu den energieintensiven Betrieben in Neuenrade gehören zum Beispiel die Gießereien oder Galvaniken. Sicher einen guten Einblick in die Gießerei-Branche hat dabei die Geschäftsführerin des Handels Horst Uhlig GmbH, Janina Uhlig: „Die Branche ist sehr gaslastig. Und die Verteuerung macht sich sehr schwer bemerkbar.“

Ein Ende der Verteuerung sei aus ihrer Warte nicht in Sicht. Und manch einer müsse sich überlegen, ob eine Produktion überhaupt noch Sinn ergebe. Uhlig ist vor diesem Hintergrund froh, dass der Betrieb von Produktion auf Handel umgestellt worden sei. Der Energieteuerungszuschlag (ETZ) sei um das Zigfache gestiegen.

Lag der Aufschlag pro Kilogramm Artikelgewicht zuvor bei 60 Cent, so ist er jetzt bei 1,44 Euro – mit steigender Tendenz. Sprich: 500 Lampenteile á 2 Kilogramm kosten dann mal eben 1440 Euro mehr. Das Handelsunternehmen bedient die Maschinenbau- und Leuchtenindustrie. Janina Uhlig glaubt, dass es energiekostentechnisch für die Wirtschaft noch schlechter wird.

Auch rechnet sie mit weiteren Kostensteigerungen beim Personal wegen der anhaltend steigenden Inflation. Dass es zu einer großen Insolvenzwelle kommen wird, glaubt sie dennoch nicht. Allerdings ist der Auftragseingang etwas zurückgegangen. Wichtig wäre, so stimmt sie zu, eine echte finanzielle Hilfe durch den Staat zu erhalten und nichts, was man hinterher wieder zurückzahlen müsse.

Die Muschert + Gierse Galvanik GmbH hat ebenfalls einen hohen Energiebedarf. Der geschäftsführende Gesellschafter Gert F. Middendorf skizziert die Strompreisentwicklung, um das Drama zu verdeutlichen. So habe sich der Strompreis „von 10 bis 15 Cent/Kilowattstunde bis auf 100 Cent“ hochgeschraubt. Inzwischen sei er wieder etwas gefallen auf etwa 50 Cent/Kilowattstunde, liegt damit aber immer noch deutlich höher als zuvor.

Und angesichts des hohen Energiekostenanteils an der Produktion könne er es nicht vermeiden, diesen Anteil auf die Preise aufzuschlagen. „Das müssen wir, sonst sind wir weg vom Fenster.“ Denn in der Branche der Galvano- und Beschichtungstechnik seien die exorbitanten Preissteigerungen existenzbedrohend. Angesichts dieser Entwicklung sagt Middendorf hier auch klar und deutlich: „Wir fühlen uns von der Politik hier alleingelassen.“

In anderen Ländern – Middendorf verweist auf Spanien – da funktioniere es mit der Deckelung von Strom- und Gaspreisen doch auch. Es gehe auch um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. „Ich mache mir ernsthaft Sorgen um unseren großartigen Industriestandort Deutschland. Wir zahlen die höchsten Industriestrompreise.“ Mit den aktuellen Beschaffungspreisen werde man weder am europäischen, noch am weltweiten Markt eine Rolle spielen.

Middendorf vermutet auch, dass die Bundespolitik die nicht unbedeutende Industrieregion Südwestfalen gar nicht auf dem Schirm habe. Muschert + Gierse arbeiten für die Automobil- und die Bauindustrie und für die Hydraulikbranche. Er betont: „Unsere Branche ist eine Schlüsselbranche.

Was Middendorf nun konkret fordert: „Einen einheitlichen Industriestrompreis.“ Den Kopf lässt der Unternehmer jedenfalls nicht hängen. Den Optimismus müsse man sich bewahren, die Auftragslage sei gut. Und er hat sich noch etwas vorgenommen – „wir müssen autarker werden“.

Dass es eng wird für die heimische Industrie, zeigt auch der Hilferuf des Märkischen Arbeitgeberverbandes. Horst-Werner Maier-Hunke, der Vorsitzende des Verbandes, schlägt Alarm: „Die Lage der heimischen Unternehmen ist dramatisch.“ Die Rückmeldungen der Verbandsmitglieder – vom Stahlhersteller über ein Presswerk, eben die Galvanik Muschert + Gierse, bis hin zu einem Schilderhersteller – zeige, dass „die aktuellen Kostensteigerungen existenzbedrohend“ werden können.

Horst-Werner Maier-Hunke sagt zudem, dass die Dramatik der Lage aus Unternehmersicht immer noch nicht in allen Köpfen angekommen sei. Der Arbeitgeberpräsident hat daher auch klare Forderungen an die Politik: „Wir fordern schnell brauchbare Lösungsvorschlägen und Entlastungen für die Betriebe, insbesondere mit Blick auf den Mittelstand.“

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