Eine Trille ist kein Kinderkarussell

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Dr. Rolf Dieter Kohl und Alfons Schülke demonstrieren die Funktionsfähigkeit der Trille an der Westseite der Gertruden-Apotheke.

NEUENRADE -   In einer Serie stellt unsere Zeitung die Denkmäler Neuenrades vor. Die Trille an der Westseite der Gertruden-Apotheke ist eine Nachbildung, die dem Original an gleicher Stelle nachempfunden ist. Kein offizielles Denkmal, bietet sie doch einen Eindruck des Strafvollzugs im Mittelalter und der frühen Neuzeit.

Mit einem Kinderkarussell hat die „Trille“ an der Gertruden-Apotheke wenig zu tun. Auch wenn das Prinzip dasselbe ist: Sie kann gedreht werden, bis den Insassen schwindlig wird. Tatsächlich diente die Trille aber nicht dem Vergnügen, sie wurde im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zur Bestrafung von „minderschweren“ Verbrechen eingesetzt.

Sie hatte eine ähnliche Funktion wie ein Pranger und zählt zu den Ehrenstrafen. Eine Person die etwa der Landstreicherei, kleinerer Tagesdiebstähle oder „harmloseren“ Schlägereien schuldig gesprochen wurde, wurde durch ein Tor in den drehbaren Käfig gesperrt und dann von den Stockknechten und Polizeidienern der Stadt, solange gedreht, bis sich der Eingesperrte übergeben musste.

Die Bewohner der Stadt waren explizit dazu eingeladen den zu Bestrafenden auszulachen, anzuspucken und ihn mit Unrat und Fäkalien zu bewerfen. So sollte ein Auswärtiger dazu gebracht werden, in Zukunft einen großen Bogen um Neuenrade zu machen. Für einen Einwohner der Stadt hatte eine derartige Strafe gravierende Folgen: Er galt von diesem Zeitpunkt an als unehrenhaft, wurde gesellschaftlich geächtet und konnte aus Handwerkergilden und Zünften ausgeschlossen werden.

Für eine Verurteilung zu dieser Strafe reichte das örtliche Stadtgericht, das in der Regel aus dem Bürgermeister, einem Ratsherren und dem Stadtsekretär bestand. Die Verurteilung zu einer „Ehrenstrafe“ wie der Trille oder dem „Prangerstehen“ waren aufgrund ihrer Folgen die Höchststrafen, die das Stadtgericht verhängen konnte. Üblicher waren Geldstrafen, an denen sowohl die Stadt, als auch der Landesherr verdienen konnte, körperliche Züchtigungen und kurze Kerkerhaft. Besonders schwere Straftaten, bei denen Blut geflossen war, wurden vor dem Hochgericht verhandelt. Für dieses war nicht die Stadt verantwortlich, sondern der jeweilige Landesfürst, im Fall von Neuenrade die Grafen von der Mark, später Kleve, Jülich-Kleve-Berg und Brandenburg-Preußen. Um dieses Hochgericht durchzuführen, wurde ein landesfürstlicher Richter nach Neuenrade abgeordnet, der stellvertretend für den Landesherrn urteilte. Dieser Richter konnte bei schweren Verbrechen, wie Mord, Totschlag und Brandstiftungen die Todesstrafe verhängen. Abgestuft nach Art des Verbrechens wurde mit dem Schwert gerichtet, gehängt, gerädert oder verbrannt. Eine Kombination unterschiedlicher Hinrichtungsarten war ebenfalls möglich. Der Richtplatz, auf dem die Strafen vollstreckt wurden, befand sich in der Nähe des heutigen „Hexentanzplatzes“, südöstlich von Neuenrade. Zur Vollstreckung der Todesstrafen wurde ein sogenannter Scharfrichter bestellt. Hauptberuflich hatte er dafür zu sorgen, dass die Vollstreckung nach einem genau festgeschriebenen Ablauf durchgeführt wurde. Litt der Verurteile unnötig oder weniger, als es im Urteil vorgeschrieben wurde, konnte das ernste Konsequenzen für den Scharfrichter haben. Aus anderen Städten sind Fälle bekannt, in denen sich der Scharfrichter nur in letzter Not vor der wütenden Menge retten konnte, nachdem er Urteile dilettantisch vollstreckt hatte.

Erster schriftlich überlieferter Scharfrichter war ein Herr von Foerde der für das Jahr 1671 bestellt wurde. Da der Beruf des Scharfrichters als unehrenhaft galt, heirateten sie innerhalb des Standes. Für Neuenrader Scharfrichter sind Hochzeiten mit Töchtern von Scharfrichterfamilien aus Balve und Soest belegt. Als unehrenhafter Bürger wohnten sie häufig am Rande der Städte, oder sogar vor den Stadttoren. Trotz dieser „Unehrenhaftigkeit wurden sie aufgrund ihrer anatomischen Kenntnisse, die sie sich durch ihre Tätigkeit aneigneten, für ihr medizinisches Können bei der Behandlung von Knochenbrüchen oder ausgerenkten Gliedern geschätzt. Die heutige Trille ist ein Nachbau, der anlässlich des 650-jährigen Jubiläums der Stadt Neuenrade errichtet wurde. Auf Initiative des Stadtarchivars Dr. Rolf Dieter Kohl, wurde sie in der Nähe des ursprünglichen Standortes an der Westseite der Gertruden-Apotheke, des früheren Rathauses, aufgestellt. Historischer Standort war deren Ostseite. Angefertigt wurde sie von dem Neuenrader Tischlermeister Volker Honsberg. Der Nachbau der Trille ist funktionsfähig, vermutlich nur etwas schwergängiger als historische Modelle. Mehrere Schlösser und eine Kette verhindern ein unbefugtes Benutzen.

„Zu bestimmten Anlässen könnte man noch jemanden einschließen“, scherzt Kohl, etwa zu Jungesellensabschieden oder statt des üblichen Fegens der Rathaustreppe.

Von Sebastian Berndt

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