Eine Stütze füreinander sein

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Beim Fußballspiel helfen Regeln wie Teamgeist gleichermaßen.

Neuenrade - „Ihr seid zum Glück alle unterschiedlich. Das ist super – nutzt das“, sagte Schulsozialarbeiter Thorben Schürmann. Bei einem Spiel hatte gerade einer der 24 Fünftklässler der Gemeinschaftsschule, mit denen Schürmann momentan zwei Tage im Jugendgästehaus Garbeck verbringt, erkannt: „Die Größeren können die Kleineren beschützen.“

Zusammen mit den Klassenlehrerinnen sowie einer Sonderpädagogin für Schüler, die gegebenenfalls einer besondere Zuwendung bedürfen, verbringt Schürmann zwei Tage und eine Nacht in der Nachbarstadt mit den Fünftklässlern, damit diese sich besser kennenlernen.

„Es geht auch darum, die Gemeinschaft in der Klasse zu stärken. Sie sollen als Team zusammenwachsen und lernen, aufeinander zu achten.“ Seitdem es die Schule gibt, seit also nunmehr drei Jahren, fährt Schürmann jedes Jahr mit den neuen Schülern nach Garbeck.

Am gestrigen Morgen griff er zunächst Leonie heraus. Deren Mitschülern erklärte der Schulsozialarbeiter, dass das kleine, zierliche Mädchen nun „ein Hollywood-Star“ sei. Sie brauche nun „drei Bodyguards“. Alle anderen aus der Klasse seien fortan „Paparazzi“ – Sensationsreporter auf der Jagd nach einem Foto des Stars. Ein roter Schaumstoffball ersetzte die Kamera. Statt ein Bild zu „schießen“, galt es Leonie abzuwerfen. Die drei Beschützer sollten dies aber verhindern.

Nach und nach wechselten die Rollen-Inhaber. Dabei sank auch zusehends die Zahl der Bodyguards, bis es letztlich nur noch einer war. Hinterher stellte Lisa-Marie fest, dass ihr Beschützer seine Aufgabe gut erledigt habe, „dafür, dass er nur alleine war“.

Eine Mitschülerin diagnostizierte: „Das Spiel war eine Herausforderung.“ Ein Junge, der Personenschützer sein sollte, bemerkte: „Das war fies, weil ja rundherum welche waren.“ Julia fand die Aufgabe „cool“. Es sei aber schwierig gewesen, stets aufmerksam zu sein, weil die Situation sich doch fortwährend veränderte.

Fast jeder, der sich nach dem Spiel in einer Reflexionsrunde zu Wort meldete, hatte bemerkt, dass geschubst wurde, der Ball immer wieder mal ein Gesicht traf oder sogar jemand hinfiel. Auch wenn all das nicht mit Absicht geschah, mahnte Schürmann: „Achtet aufeinander und arbeitet miteinander.“

Genau das funktionierte beim zweiten Spiel schon viel besser. Alle 24 Mädchen und Jungen liefen über zwei mit den Rücken aneinander gestellte Stuhlreihen. Jedoch nahm der Schulsozialarbeiter nach und nach immer mehr der Sitzgelegenheiten weg. Verloren hatte derjenige das Spiel, der als erster den Boden berührte.

Erika stellte nachher fest: „Wir mussten uns eng zusammen quetschen.“ Mira hatte erkannt: „Das war Teamarbeit. Durch das Zusammenrücken bekamen wir mehr Platz.“ Schließlich fänden auch zwei von ihnen Raum auf einem Stuhl. Eine Mitschülerin empfahl zusätzlich, sich Rücken an Rücken zu stellen, um „sich gegenseitig stützen“.

Das war der Moment, in dem ein Junge erkannte, wie Größere für Kleinere einstehen könnten. Schürmann aber stachelte die Schüler an, andere Klassen hätten länger durchgehalten, bis sogar nur noch fünf Stühle übrig gewesen seien.

Derart motiviert hatten die Fünftklässler dann auch immer mehr Ideen. Manche stellten sich in die Mitte – ein Fuß links, einer rechts von den Stuhllehnen. Der äußere Kreis sorgte für Stabilität, indem sich alle umarmten. Keiner schubste mehr. Und so wurde der Rekord eingestellt: 24 Schüler auf einer Hand voll Stühlen.

Dieser Teamgeist war auch hilfreich beim gemeinsamen Mittagessen. Schürmann verriet: „Wir machen an diesen zwei Tagen alles gemeinsam: kochen, putzen und aufräumen.“

Am Nachmittag wurden die Spiele zusehends schwieriger: So musste ein rohes Ei derart verpackt werden, dass es einen Sturz überlebte. Es galt einen Turm aus Bauklötzen zu bauen, ohne miteinander zu reden. Die Kletterwand wurde genutzt, wofür eigens ein Sportlehrer der Schule zur Gruppe stieß. Beim Kistenklettern sollten möglichst viele Getränkekisten gestapelt werden. Die Slackline wurde ausprobiert. Abends wurde im Dunkeln Fußball gespielt – mit einem transparentem Ball, in welchem Knicklichter leuchteten.

Zwischen all diesen sportlichen Herausforderungen ging es aber durchaus mal etwas entspannter zur Sache. Schürmann bot nach dem Abendessen „eine Fantasiereise zu ruhiger Musik im Meditationsraum“ an.

Heute werden die Kinder lernen, Abstände richtig einzuschätzen. Außerdem werden sie erkennen, wie wichtig Regeln für ein Miteinander sind. So werden sie mit verbundenen Augen mit Schaumstoffschlägern um sich schlagen, ohne andere zu verletzen. Oder sie werden im Kreis um einen Ring von Flaschen stehen und miteinander ringen. Dabei dürfen die Getränkebehälter aber nicht berührt werden.

Von Michael Koll

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