Eine Chance wird verbaut

NEUENRADE ▪ Was für viele Kinder Alltag ist, das ist für ihn nicht denkbar. Die Regelschule will der 16-jährige nicht mehr besuchen. Zehn Jahre sind nach dem Gesetz des Landes NRW Pflicht, neun Jahre hat er voll – mit Ach und mit viel Krach. Die Regelschule, die wird er nicht besuchen, da ist sich der junge Mann sicher, sein Vater ist sich sicher, auch seine Mutter. Der Sohn des Ehepaares, das noch zwei weitere Kinder hat, ist ein Sorgenkind, ein Schulverweigerer.

Warum er die Regelschule nicht besuchen will, das bleibt beim Gespräch im Dunklen, es geht offenbar um Ängste, die der Jugendliche aus Neuenrade hat. Es war nichts zu machen. Auch mit Hilfe von Jugendbehörde und Psychologen nicht und erst recht nicht mit den intensiven Bemühungen der Eltern. Und der Vater gibt zu, dass es bei den extrem angespannten Situationen nicht immer gewaltfrei zuging.

Dennoch, das Elternhaus des 16-Jährigen scheint dabei intakt. Vater und Mutter machen einen ordentlichen Eindruck, sie stehen mitten im Leben, sind redegewandt, kümmern sich. Die Geschwister führen wohl ein Schülerleben in geregelten Bahnen. Nur bei dem großen Bruder funktioniert das nicht. Nach der Grundschule habe es erste Schwierigkeiten gegeben, seit dem 7. Schuljahr verweigert sich der Junge, ging zunächst sporadisch nicht, dann gar nicht mehr zur Schule. Mobbing wird vermutet, er besucht verschieden Schulen, doch der Junge verweigert irgendwann total den Schulbesuch. Er war in psychologischer Behandlung auch außerhalb des Elternhauses, verbringt ein halbes Jahr in der „Clearing-Zentrum“. „Das ging gar nicht“, sagt der Vater. Sein Junge sei teilweise gar nicht dort gewesen.

Nun ist der Junge wieder daheim in der Familie und der Vater engagierte sich, las von der Aktion, bei der sich Neuenrader Unternehmer kümmern, um Jugendlichen eine Chance zu bieten. Der Vater rief beim Neuenrader Unternehmerverbandschef Wingen an.

Daraus resultierte ein Angebot, dass seinem Sohn eine Perspektive, eine Chance eröffnet. Ein Jahr Praktikum ab Oktober mit der Auflage, während der Zeit bei der Volkshochschule den Schulabschluss nachzuholen. Ist das erfolgt, hat er die Option auf einen Ausbildungsplatz in einem Neuenrader Unternehmen. Das Arbeitsamt würde das auch unterstützen. Voraussetzung ist, dass der Jugendliche von der Regelschulpflicht entbunden wird. Beim Arbeitsamt erfuhr die Familie, dass Ausnahmegenehmigungen erteilt würden. Angesichts dieser Möglichkeiten war der 16-jährige euphorisch, freute sich auf die Chance, die sich kurzfristig eröffnete. Doch ein Gespräch beim Kreis mit der zuständigen Stelle ergab Negatives. „Man werde dem Jugendlichen keinen Weg eröffnen, der nicht die Regel wäre“, zitierte der Vater des Jungen aus dem Gespräch mit der Schulbehörde. Ein Antrag auf Ausnahmeregelung hat der Junge inzwischen bei der Bezirksregierung gestellt.

Der Vater des Jungen kann es nicht fassen, dass seinem Kind hier offensichtlich „eine Chance verbaut“ wird. Dabei wäre das Ergebnis doch dasselbe. „Er würde sogar seinen Abschluss machen, nur eben auf der Volkshochschule und nicht auf der Regelschule“. Die Stellungnahmen seitens der Behörden sind dürftig. Man verweist auf die Schweigepflicht und auf das Gesetz, welches wohl nur eine Ausnahme (Beginn einer Lehre) zulassen würde. Bis gestern hat die Familie keinerlei Reaktion der Behörden erhalten. „Nicht einmal einen Anruf“, sagte der Vater noch gestern Abend. Eine schnelle Reaktion, das habe man ohnehin von diesen Behörden noch nicht erlebt.

Das Thema Schulpflicht wird durchaus kritisch gesehen. Im europäischen Ausland besteht Unterrichtspflicht, nicht jedoch Schulpflicht. Zudem – in anderen Bundesländern hätte der junge Neuenrader auch schon mit neun Jahren sein Schulpflichtpensum erfüllt. ▪ Peter von der Beck

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