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Ein Reset-Knopf für das Herz: Sandra Guth lebt seit 20 Jahren mit einem Defibrillator im Körper

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Von: Carla Witt

Sandra Guth zeigt die Notfalltasche, die sie immer mit sich führen muss. Auf dem Tisch liegen auch die zwei Defibrillatoren, die bereits die Arbeit in Guths Körper verrichtet haben.
Sandra Guth zeigt die Notfalltasche, die sie immer mit sich führen muss. Auf dem Tisch liegen auch die zwei Defibrillatoren, die bereits die Arbeit in Guths Körper verrichtet haben (Klick auf das Kreuz, um das ganze Bild zu sehen). © Witt, Carla

Der dänische Fußballer Christian Eriksen wird in den kommenden Monaten und Jahren feststellen müssen, in welchen Bereichen sich sein Leben nach dem Zusammenbruch während des EM-Spiels gegen Finnland verändert. Das hat Sandra Guth schon hinter sich.

Die 45-jährige Altenaffelnerin lebt seit 2001 mit einem Defibrillator, einem Gerät, das vor einigen Tagen auch dem Fußballprofi eingesetzt werden musste.

Auf den ersten Blick wirkt Sandra Guth kerngesund. „Und genau das ist mein Problem“, sagt die aktive Frau, für die Sport zum Leben gehört. „Man sieht mir meine Erkrankung nicht an. Deshalb können viele einfach nicht verstehen, dass ich manchmal sehr vorsichtig bin.“

Erster Zusammenbruch im Skiurlaub

Sandra Guth erinnert sich noch genau an den Skiurlaub auf einem Gletscher vor mehr als 20 Jahren. Damals erlitt sie den ersten Zusammenbruch – in einem Bergdorf auf etwa 3000 Metern Höhe. „Die Wirtin meinte, ich hätte mich, wie viele gestresste Urlauber, einfach nur übernommen und gab mir Baldrian“, erzählt die Altenaffelnerin. Doch Sandra Guth spürte, das etwas Grundlegendes nicht in Ordnung war, ließ sich nach ihrer Rückkehr gründlich durchchecken – ohne Erfolg. „Das EKG war in Ordnung.“

Der nächste Zusammenbruch ließ nicht lange auf sich warten: Diesmal erwischte es die Altenaffelnerin beim Fahrradfahren. Sandra Guth landete schließlich in der Uniklinik Münster. Dort stellte man die Diagnose: ARVCM (Arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie). „Mein Herz schlägt dann einfach immer schneller – bis es irgendwann zum Kammerflimmern kommen kann.“ Ohne Umschweife teilten die Ärzte ihr die einzig mögliche Behandlung mit: „Frau Guth, sie brauchen einen Defibrillator.“ Schon zwei Tage später wurde der Eingriff vorgenommen.

Lebensretter im Körper

Seitdem lebt die Mutter von zwei Kindern mit dem Gerät, das ihr im Ernstfall das Leben retten kann: „Wenn mein Herz zu schnell schlägt, sorgt der Defibrillator für einen Stromschlag.“ Den Defibrillator könne man mit einem Reset-Knopf vergleichen, der bei elektronischen Systemen einen Neustart auslöst. „Mein Herz macht eine kurze Pause und schlägt dann wieder normal.“

Die Lebensfreude ist zurück: Sandra Guth hat gelernt mit ihrer Herzerkrankung zu leben. Sie joggt mittlerweile wieder bis zu fünf Kilometer und unternimmt auch Wanderungen.
Die Lebensfreude ist zurück: Sandra Guth hat gelernt mit ihrer Herzerkrankung zu leben. Sie joggt mittlerweile wieder bis zu fünf Kilometer und unternimmt auch Wanderungen. © Guth

Allerdings: Eine angenehme Erfahrung ist ein solcher Herz-Neustart nicht. Und obwohl das letzte Erlebnis dieser Art schon einige Jahre her ist, erinnert sich die Altenaffelnerin noch genau daran: „Es war bei den Schwimm-Kreismeisterschaften Lange Strecke in Iserlohn.“ Während der vorletzten Kraul-Bahn habe sie schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt. „Ich habe es dann gerade noch bis zum Ende geschafft, habe angeschlagen und sofort versucht aus dem dem Becken zu kommen.“ Zum Glück war die Erkrankung der Schwimmerin nicht unbekannt: Innerhalb kürzester Zeit brachten ihr andere Sportler die Tasche mit den Notfallmedikamenten, die sie immer mit sich führt.

Bis sie sich körperlich von dem schmerzhaften Ereignis erholt hatte, dauerte es einige Tage. Doch die seelischen Folgen sind deutlich schwerwiegender. „Ich muss auch heute noch ständig daran denken, dass es wieder passieren könnte.“ Im Beruf oder in der Freizeit, regelmäßig hinterfrage sie ihr eigenes Verhalten: „Schaffe ich das jetzt wirklich? Mute ich mir damit vielleicht doch zu viel zu?“

Wichtige Siege im Kampf gegen die Angst

Lange Zeit habe sie aus Angst vor den möglichen gesundheitlichen Konsequenzen darauf verzichtet, sich beim Sport merklich anzustrengen: „Ich habe mich nicht mehr getraut zu laufen, bin nur noch gewalkt.“ Auch lange Wanderungen traute sich die Altenaffelnerin nicht mehr zu. Inzwischen hat sie im Kampf gegen die Angst wichtige Siege erringen können. „Ich laufe wieder fünf Kilometer am Stück. Und ich kann wieder acht Kilometer wandern“, erzählt sie stolz. Dabei blickt sie unbewusst zur Pulsuhr am Handgelenk: „Die ist mein ständiger Begleiter. Mein Puls darf die Grenze von 110 nicht überschreiten.“

Der Verzicht auf den für sie so wichtigen Sport ist aber nicht der einzige Wermutstropfen, den Sandra Guth hinnehmen muss. „Ich habe durch meine Erkrankung viele Freunde verloren“, stellt sie fest. Längst nicht alle hätten verstanden, dass sie nicht mehr wie früher „über Tische und Bänke gehen kann. Wenn man mit mir unterwegs ist, dann muss man manchmal Rücksicht nehmen.“ Sandra Guth nennt ein Beispiel: „Wenn ich ein Konzert besuche, darf ich wegen des Herzschrittmachers nicht mehr in der ersten Reihe stehen, wo der Bass dröhnt. Ich muss mich hinten aufhalten.“ Auch größere Veranstaltungen habe sie lange gemieden. „Inzwischen bin ich aber soweit, dass ich mich wieder zum Schützenfest traue. Wenn im kommenden Jahr gefeiert werden kann, dann bin ich dabei.“

Auf das Leben mit Defibrillator eingestellt

Gemeinsam mit ihrer Familie – ihrem Mann Stefan und den 13-jährigen Zwillingen Sara und Silas – hat sich Sandra Guth auf das Leben mit dem Defibrillator im Brustkorb eingestellt. Inzwischen ist es das dritte Gerät, das voraussichtlich in etwa fünf Jahren ausgetauscht werden müsse. Alle sechs Monate muss die Altenaffelnerin zur Kontrolluntersuchung. „Dann werden die Daten des Defibrillators ausgelesen und unter anderem wird der Batteriestatus überprüft“, erzählt die 45-Jährige. Die Hoffnung, eines Tages ohne ihren „Defi“ leben zu können, hat Sandra Guth inzwischen begraben. „Aber ich habe gelernt damit zu leben, mit Rückschlägen umzugehen und zu kämpfen.“

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