Drohender Hausärztemangel in Neuenrade

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Bürgermeister Antonius Wiesemann: „Keine Denkverbote“ und „nach allen Seiten offen“.

Neuenrade - Es ist ganz offensichtlich ein mühsames Geschäft: Junge Ärzte für eine Kleinstadt zu begeistern. Kaum eine Stadt in der Republik hat in jüngster Zeit so auf die Problematik des drohenden Ärztemangels aufmerksam gemacht, wie Neuenrade.

Kurzzeitig wusste wohl die ganze Republik von der Kopfprämie, welche die CDU-Fraktion angeleiert und der Rat verabschiedet hatte: 10 000 Euro Prämie für denjenigen zu zahlen, der einen Arzt nach Neuenrade holt. 

Auch weitere Initiativen aus der Politik gibt es: Die SPD wirft mögliche Ideen in den Ring, vielleicht gar als Stadt einen Arzt einzustellen, die FWG wünscht sich eine intensive Werbekampagne. 

Hinzu kommen eine ganze Reihe von Maßnahmen der Stadtverwaltung, die von Messebesuchen über laufende Gespräche mit Ärzten, Strippenziehen und Flyerverteilung reichen. 

Erstes Gespräch schon nach sechs Wochen 

Bürgermeister Antonius Wiesemann hängt sich da durchaus rein – „gleich sechs Wochen nach meinem Amtsantritt“, habe er das erste Gespräch geführt, sagte das Stadtoberhaupt – nun im vierten Amtsjahr. Es habe sich dabei um ein Vier-Augen-Gespräch mit einem niedergelassenen Mediziner gehandelt. „Ich wollte hören, was Sache ist, Perspektiven erfahren. Wie sieht es aus, was können wir tun als Kommune“. Wiesemann betont dabei: „Damals war der Jüngste 60 Jahre alt, alle anderen 61 und älter“. Und er sei durchaus erschrocken gewesen, als es mit möglichen Nachfolgern mau aussah. Dabei, so sagte der Bürgermeister ausdrücklich, sei doch die Versorgung der Bürger mit Ärzten die Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung (KV): „Die KV hat den Sicherstellungsauftrag. Und nicht die Stadtverwaltung oder der Bürgermeister. Doch von der KV kommt nichts. Wir haben das Gespräch gesucht, nicht die KV. Das ist das, was uns unzufrieden macht.“ 

Die KV hat dabei durchaus generelle Angebote für Mediziner, die sich selbstständig machen wollen, von denen Startup-Gründer in anderen Branchen nur träumen können: Umsatzgarantien oder zinslose Darlehen, die teils gar nicht zurückgezahlt werden müssen. Indes – das kann Mediziner nicht unbedingt überzeugen. So scheinen die bisherigen Strukturen und Rahmenbedingungen nicht den Lebensvorstellungen der jungen Leute zu entsprechen. 

Frauen scheuten die „hohe Verantwortung“ 

Was Bürgermeister Antonius Wiesemann bei all seinen Gesprächen und Unternehmungen erfahren hat: 70 Prozent der Absolventen seien Frauen. Viele seien nicht bereit „diese hohe Verantwortung“ zu übernehmen. Sprich: Sie wollten nicht, (auch vor dem Hintergrund einer Familienplanung) in das Belastungsszenario eines niedergelassenen Allgemeinmediziners einsteigen. Dabei gehe es nicht ums Finanzielle. Vielmehr spielten vernünftige Arbeitszeiten, gutes Betriebsklima, das Wohnumfeld, sowie Kultur- und Sportmöglichkeiten bei der Lebensplanung eine Rolle. So ähnlich hätten sich im übrigen auch die Menschen in der Leader-Umfrage geäußert. 

Bürgermeister Antonius Wiesemann: „Keine Denkverbote“ und „nach allen Seiten offen“.

Ähnliche Erkenntnisse gibt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Noch im Januar hatte Sprecher Jens Flintrop auf Nachfrage berichtet, dass es eine große Gemengelage gebe und Faktoren wie Arbeitsplatz des Partners, die Frage wo man mit Familie leben möchte und die Work-Life-Balance eine wichtige Rolle spielten. Darauf habe die KV reagiert. Nachwuchskampagnen und Vorurteile-Abbau, flexiblere Bedingungen für die Vertragsärzte. Letztlich sei es eben ein langfristiges Geschäft. 

Wie dem auch sei: Seitens der Stadt will der Bürgermeister jenen Ärzten, die sich hier niederlassen wollen, „Hilfestellungen in jeglicher Form“ geben. 

Prämie: Lediglich zwei Interessenten 

Und was ist nach dem Hype um die 10 000-Euro-Kopfprämie passiert? Nicht gerade viele Ärzte haben sich gemeldet. Bürgermeister Antonius Wiesemann hat ganze zwei Gespräche geführt und mal den einen oder anderen Headhunter an der Strippe gehabt. Und er hat Kontakt zu den Allgemeinmedizinern in Neuenrade vermittelt. Möglicherweise ergibt sich nun in einem Fall etwas, aber das ist noch nicht spruchreif. 

Ansonsten ist der Bürgermeister bei der Problemlösung in Sachen Gesundheitsversorgung Neuenrades flexibel: Ob Kommunale Medizinische Versorgungszentren wie in Büsum oder ganz andere Konzepte – er sei nach allen Seiten offen. Auch in der Unternehmerschaft habe er sich umgehört, schließlich ist die ordentliche Gesundheitsversorgung ja Standortfaktor. Unterstützung, zumindest moralischer Art, ist ihm sicher. 

Gespräche habe er mit den Verantwortlichen in Krankenhäusern in Werdohl und Plettenberg geführt. „Ich wollte dahinterkommen, wie die denken und welche Strukturen sich da offenbaren.“ Klar sei für ihn: „Jeder will etwas rausholen.“ Sogar städtische Subventionierung für ein Medizinisches Versorgungszentrum will der Bürgermeister nicht ausschließen: „Es gibt keine Denkverbote und das war ja eine politische Entscheidung.“ Klar scheint für ihn aber in Sachen Gesundheitsversorgung eines: „Es wird nicht alles zu halten sein.“ 

Auch Unternehmen bemühen sich 

Nicht nur die Kassenärztliche Vereinigung sieht der Bürgermeister übrigens in der Pflicht: „Auch die Allgemeinmediziner müssen sich bemühen. Sie haben ebenfalls eine Verantwortung.“ Und es sind nicht nur Gespräche mit Medizinern, auch die Infrastrukturverbesserung spiele eine Rolle, sagte Wiesemann. So sei – Stichwort Telemedizin – auch eine flächendeckende Breitbandversorgung höchst wichtig. 

Auch außerhalb von Politik, Verwaltung und dem etabliertem Medizinbetrieb tut sich übrigens etwas: So gibt es in Neuenrade Unternehmer, die ein Medizinstudium finanzieren, wenn die Kandidaten später auch in Neuenrade praktizieren.

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