Förster sprechen von "Kyrill II"

Dramatische Zustände: Fichte und Rotbuche stehen vor dem Aus

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Neuenrade/Balve - Die Schäden, die durch Borkenkäfer an den hiesigen Wäldern entstehen, sind immens: Längst sprechen Förster von einem "Kyrill II" mit noch schlimmeren Auswirkungen als bei dem Jahrhundertsturm 2007. Nur kommt ein weiteres Problem hinzu: die Hitze. Die Situation scheint dramatisch.

Förster Richard Nikodem klingt richtig verzweifelt, als würden die schlechten Nachrichten, die nicht nur er verkündet, von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Das rundherum Fichtenwälder absterben, dass gar die Laubbäume wie Buchen durch die Trockenheit massiv gefährdet sind, ändert bislang nichts. Das Leben geht einfach weiter. Dass der Bund Deutscher Forstleute mit Geschäftssitz in Neuenrade den Klimanotstand für den Wald in Nordrhein-Westfalen ausruft, hat ebenfalls noch nicht zu einem Umdenken geführt.

Auf Parkplätzen stehen nach wie vor SUVs, deren Besitzer den Motor laufenlassen, während der Beifahrer einkaufen geht. Immer häufiger sieht man an Waldrändern und an Wirtschaftswegen Haufen von Fichtenholz, mit bröseliger Rinde und Fraßspuren von Borkenkäfern. So wurden auf dem Kohlberg recht junge Fichtenbestände – die sogar Kyrill überlebt hatten – abgeholzt.

Käferholz am Kohlberg. Hier sind einige der überlebenden Fichtenbestände vom Borkenkäfer befallen. Das ist deutlich an den Fraßspuren zu erkennen. Befallene Fichten wurden gefällt und für den Abtransport vorbereitet.

An anderer Stelle ist junges, kaum drei Meter hohes Nadelgehölz abgestorben, die Bäume und das Gebüsch, alle Pflanzen leiden sichtlich unter dem Hitzestress. An den Lennehängen gibt es viele braune Stellen mit schon abgestorbenen Fichten. Tacheless redet der Bund Deutscher Forstleute, der den Klimanotstand ausgerufen hat und um das gesamte System Wald fürchtet. Fred Josef Hansen, NRW-Vorsitzender des BDF, schreibt, dass es bereits zu einem dramatischen Baumsterben gekommen sei („Bundesweit sind 100 Millionen Altbäume abgestorben“) und noch schlimmer werde. „Ein Ende ist nicht absehbar.“

Durch Trockenheit und einen Anstieg der Temperaturen gerate der Wald unter extremen Stress. „Für den Wald ist es der Klimanotstand.“ Nicht nur die Fichte sei betroffen, jetzt drohe auch „ein Absterben der Rotbuche“ – der Mutter des Waldes und wichtigsten Laubbaumart. Das sei besonders dramatisch. „Denn auf die Rotbuche haben die Forstleute beim notwendigen Waldumbau hin zu klimastabilen Wäldern gesetzt“, heißt es in der Mitteilung des BDF.

Der Verlust der Waldgesellschaft in Rotbuche und Fichte sei nur schwer zu ersetzen. Noch ist alles überwiegend grün, doch die Laubbäume haben schon im vergangenen Jahr unter der Hitze gelitten – und jetzt erst recht: Förster Nikodem, der mit der Katastrophe vor Ort umgehen muss, sagt, dass der Wassertransport bei manchen Baumarten nicht mehr funktioniere, die Bäume absterben würden. Zudem: „Die Laubbäume leiden viel häufiger als sonst unter Pilzerkrankungen, können sich auch nicht mehr so gut wehren gegen Schädlinge.“

Er verweist auf das Eschentriebsterben, die Probleme mit Pilzkrankheiten und die Buchenkomplexkrankheit. Im Hönnetal würden sicher einzelne Bäume absterben.

Käferholz am Kohlberg. Hier sind einige der überlebenden Fichtenbestände vom Borkenkäfer befallen. Das ist deutlich an den Fraßspuren zu erkennen. Befallene Fichten wurden gefällt und für den Abtransport vorbereitet.

Bestände in Affeln gefällt

„Der Höhenrücken am Balver Wald, da hat die Fichte schon verloren“, sagt Nikodem. Resignierend ergänzt der Förster: „Es bringt nichts, dort noch etwas rauszufahren.“ In Mellen sei es noch etwas besser, in Affeln (dort macht er Vertretung) wurden gerade „neue Schäden weggenommen“. Sprich: Bestände wurden gefällt, um eine Ausbreitung des Käfers zu verhindern.

Dabei seien Grauwackestandorte wie hier eigentlich gut, weil sie das Wasser recht gut halten könnten. Aber: Auch diese Böden seien „furztrocken“. Wenn es regne, meist zu stark und zur Unzeit. Klar ist für ihn: „Die Fichte wird hier nicht mehr existieren können.“ Das sei dramatisch für die Waldbesitzer. Denn die Fichte sei Brot und Butterbaum. „Früher hat der Bauer Bäume aus dem Wald geholt, um sich vom Erlös einen neuen Trecker zu kaufen. Heute muss das Käferholz zu einem miesen Preis verkauft werden.“

Dabei habe man noch Glück im Unglück, dass die Weltpolitik den deutschen Waldbauern in die Hände spiele. Denn die Chinesen würden Holz lieber in Deutschland einkaufen als in Amerika. Davon zeuge auch der Umschlagplatz in Beckum, wo das Forstamt einen Containerverladeplatz im Steinbruch für das Käferholz betreibt. Die Fichtenstämme finden als Konstruktionsholz in China, aber auch Japan und Korea Verwendung.

Abgestorbene jungen Nadelbäume im Neuenrader Stadtwald. Derartige Bilder sind immer häufiger im Stadtgebiet zu sehen.

70 Prozent des NRW-Waldes gehören privaten Waldbesitzern, die die Situation besonders hart treffe. Nikodem: „Der Waldbesitzer kriegt für sein Fichtenholz derzeit nur das, was er an Geld reingesteckt hat. Da bleibt nichts übrig für Neuanpflanzungen.“

Nikodem sieht Staat in der Pflicht

Nikodem sieht hier den Staat in der Pflicht, denn der Wald werde dringend gebraucht: Die Bestände dienten als Wasserspeicher, hätten eine Filter- und Erholungsfunktion. Zur Not müsse mit Gift gegen den Borkenkäfer vorgegangen werden. Denn die aktuellen Schäden seien schon jetzt schlimmer als beim Jahrhundertsturm im Januar 2007. „Man spricht längst von Kyrill II“, so der Förster.

Nikodem berichtet von verzweifelten Waldbesitzern, die ihre Bestände an den Staat verkaufen wollten. Der Frust sei groß. „Alle möchten sauberes Trinkwasser und Luft – und ich soll es bezahlen“, zitiert Nikodem Waldbauern.

Zur Erklärung macht der Förster eine grobe Beispielrechnung für einen Baum auf: 2,50 Euro für den Einkauf, 2,50 Euro für Pflanzkosten, dazu rund 2 Euro fürs Hegen und Pflegen. Weil rund 500 Bäume auf den Hektar passen, könne ein Waldbauer Neuanpflanzungen bei den aktuell geringen Erlösen nicht bezahlen. „Das kann ein Privatmann nicht leisten.“

Geld und auch Personal fehlt

Für Nikodem, Forstingenieur und Revierförster, ist deshalb klar: Fördermittel sind dringend nötig. Aber nicht nur Geld fehle. Auch Personal. „Wir brauchen Fachkräfte, denn wir haben die Hälfte des Fachpersonals in den vergangenen Jahren abgebaut. Nikodem: „Ich laufe schon jetzt täglich elf bis zwölf Stunden.“ Dennoch reiche diese Zeit bei einer Reviergröße von bis zu 800 Hektar nicht, um sich intensiv um den Bestand zu kümmern. Viel Zeit gehe zudem für Arbeit im Büro drauf.

Abgestorbene junge Nadelbäume im Neuenrader Stadtwald. Derartige Bilder sind immer häufiger im Stadtgebiet zu sehen.

Unterstützung erhält Nikodem von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt Westfalen Mitte-Süd, die erklärt: „Aktuell rächt sich der jahrzehntelange Personalabbau im Forst.“ Für die künftige Mammutaufgabe benötige man qualifizierte und ordentlich bezahlte Fachkräfte.

In Neuenrade gehört der Großteil des Waldes der Stadt, also den Bürgern. Und die Stadt, als Hüter dieses biologischen Vermögens, hat nach Kyrill vorbildlich agiert – und macht es jetzt auch. Gerhard Schumacher, Kämmerer und bei der Stadt Neuenrade für den Wald zuständig, sagt: „Nach Kyrill haben uns die Wissenschaftler empfohlen, die Artenvielfalt voranzubringen. Vorher haben wir nur Fichte gehabt, danach haben wir zum Beispiel Douglasie und Nobilis gepflanzt.“

Kämmerer beklagt den Preisverfall

Gleichwohl sind auch Teile von Neuenrades Fichtenholz vom Borkenkäfer befallen. Schumacher spricht von 250 Festmetern, Tendenz steigend. Schon 50 oder 60 Jahre alte Bäume müssten verkauft werden. „Wir verlieren den Zuwachs“, so Schumacher, der über die schlechte Marktlage klagt: „Früher gab es 100 Euro für den Festmeter, jetzt noch 50 Euro.“

Abzüglich der Verladekosten von 25 Euro, blieben am Ende lediglich 25 Euro pro Festmeter übrig. Werde dieser Preisverfall nicht gestoppt, stünden künftig rote Zahlen im Wirtschaftsplan. Auch für Schumacher ist klar: „Fördermittel sind nötig.“ So habe man schon mal über den kommunalen Waldbesitzerverband die Möglichkeiten ausgelotet. Die Experten sind sich einig, dass der Wald in Zukunft mehr denn je gebraucht werde, um den Klimawandel abzumildern.

So fordert der Bund Deutscher Forstleute die Einberufung eines nationalen Waldgipfels. Richard Nikodem verweist darauf, dass das Leiden des Waldes ein europaweites Problem sei. „Die Politik muss etwas tun. Der Kohleausstieg bis 2038 ist ein Witz.“

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