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„Die Ängste ernst nehmen“: So sollten Eltern das Thema Krieg mit ihren Kindern thematisieren

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Von: Carla Witt

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Dr. Rafaela Wingen, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche.
Dr. Rafaela Wingen, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. © Witt, Carla

Ein Krieg in Europa war selbst für Erwachsene bis vor Kurzem kaum denkbar. Auch Kinder werden an vielen Stellen mit Nachrichten vom Ukraine-Konflikt konfrontiert. Wie soll man das, was in diesem Land passiert, einem Kind vermitteln? Eine Kinderpsychotherapeutin klärt auf.

Neuenrade – Dr. Rafaela Wingen, die in ihrer Praxis in Neuenrade Psychotherapie und Verhaltenstherapie für Kinder und Jugendliche anbietet, hat Redakteurin Carla Witt Fragen zu diesem Thema beantwortet.

Sollten Eltern und Lehrkräfte grundsätzlich mit Kindern über den Krieg sprechen – auch proaktiv?

Wenn das Thema Krieg allgegenwärtig ist, sollte es im besten Fall proaktiv von den Eltern angesprochen werden, damit die Kinder es nicht auf dem Spielplatz oder ungefiltert und nicht begleitet aus den Medien erfahren und dadurch verunsichert werden.

Wie würden Sie einem Grundschulkind die aktuelle Situation in der Ukraine erklären?

Die Elemente eines Krieges sollten kindgerecht erwähnt werden. Dazu zählen auch Gewalt und Tod. Das sollte nicht verschwiegen werden. Denn ansonsten hören Kinder woanders etwas über die schlimmen Zustände im Krieg und können dann viel mehr verunsichert werden, da sie es nicht einordnen können. Als Gegenpol dazu, sollten auch die Aspekte der Solidarität und Menschlichkeit besprochen werden, die in Zeiten eines Krieges ebenfalls bestehen. Auf ein altruistisches Menschenbild sollten sich Eltern im Gespräch mit ihren Kindern fokussieren. Welche Waffen benutzt werden und die Anzahl der einrollenden Panzer in der Ukraine sind Details, die eher verängstigend auf Kinder wirken.

Was können die aktuellen Bilder und Medienberichte bei Kindern bewirken?

Die Berichte eines Nachrichtenmagazins und im Radio können bei jüngeren Kindern Angst und Sorge hervorrufen. Es sollte darauf geachtet werden, dass kindgerechte Nachrichten geschaut werden. Auch wenn die Tagesschau in ihren Berichterstattungen nicht direkt Leichen, Verletzte und Kämpfe zeigt, können Bilder zensiert für Erwachsene durchaus verstörend auf Kinder wirken.

Wie sollte man mit entstehenden Ängsten umgehen?

Eltern sollten die Ängste der Kinder ernst nehmen und mit ihnen besprechen. Es sollte versucht werden, die Sorge zu nehmen, dass das eigene Land bald vom Kriegsgeschehen betroffen wird. Zudem sollte verdeutlicht werden, was von der Politik und den Regierenden versucht wird, um den Krieg schnellstmöglich zu beenden.

Sollten eigene Ängste und Wissenslücken zugegeben werden – oder beunruhigt das die Kinder nur noch weiter?

Eltern sollten Wissenslücken zugeben. Gemeinsam kann man versuchen, sich das Wissen anzueignen. Ein Ignorieren oder Leugnen von Ängsten würde nicht der Wahrheit entsprechen. Das spüren Kinder und sie würden dadurch unnötig verunsichert. Die Orientierung hinsichtlich der Verarbeitung und dem Umgang mit dem Krieg erfolgt an den Eltern. Ein Leugnen von Angst oder Wissenslücken wäre ein schlechtes Modellvorleben.

Sollten Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder einschränken?

Zumindest sollte sehr darauf geachtet werden, dass alle Nachrichten altersgerecht sind.

Welche Medienformate können Sie für Kinder empfehlen?

Den Kinderradiokanal des WDR (Kiraka) und die Logo Kindernachrichten (ZDF). Die Sendung mit der Maus erklärt den Ukraine-Konflikt im Internet (www.wdrmaus.de/extras/mausthemen/ukraine). Der Webcomic Hanisauland (www.hanisauland.de) der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt Politik kindgerecht.

Welche Tipps können Eltern ihren Kindern für den Umgang mit Gleichaltrigen geben?

Altersadäquate Gespräche in Peer-Groups wird es geben. Hier kann es passieren, dass Infos ausgetauscht werden, die noch nicht im Elternhaus thematisiert wurden und verunsichern oder gar Ängste hervorrufen. An dieser Stelle ist es wichtig, Offenheit und Gesprächsbereitschaft als Eltern zu signalisieren, sodass die Kinder ihre Sorgen und Ängste ansprechen können.

Ist es sinnvoll, mit dem eigenen Kind Friedensbekundungen oder ähnliche Veranstaltungen zu besuchen?

Die Wichtigkeit von Frieden sollte den Kindern nähergebracht werden. Jedoch sind politische Kundgebungen oftmals in Bezug auf potenzielle Ausschreitungen nicht planbar, sodass die Gefahr zu groß ist, Kinder mitzunehmen.

Wie können Familien die aktuell doppelt belastenden Zeiten zwischen Corona und dem Krieg etwas aufhellen?

Der Freizeitbereich ist nun mit den Lockerungen in Bezug auf die Corona-Pandemie wieder deutlich erweitert, sodass hier eine Entlastung in den Familien zu konstatieren ist. In Bezug auf den Krieg sind gemeinsame Aktionen, die den Gedanken der Solidarität und Menschlichkeit transportieren, hilfreich. Sie fördern einerseits das Gefühl der Wirksamkeit und lindern andererseits das Gefühl von Hilflosigkeit bei den Kindern.

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