Diskussion zur Gesundheitsversorgung in Neuenrade

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Rund 60 Gäste schauten sich die Informationsveranstaltung mit integrierter Podiumsdiskussion an. 

Neuenrade - Gesundheitsversorgung in Neuenrade ist ein Thema, das recht viele Leute zu der von der SPD Neuenrade organisierten Diskussionsveranstaltung in den Kaisergarten zog. Die gut 70 Zuhörer wurden mit rollenden Hausarztpraxen, Medizinern, einer SPD-Politikerin, einem KV-Funktionär und einem Berater konfrontiert.

Erhellendes, Interessantes, Altbekanntes und auch ein paar neue Fakten gab es zu hören. 

Nicht aufs Podium kam eine junge Ärztin, der es nach den Worten von SPD-Chef Thomas Wette (er hatte die Veranstaltung auf die Beine gestellt) wohl „mulmig geworden“ sei. Das Publikum selbst war recht gut gemischt, außer den Kommunalpolitikern diverser Fraktionen waren auch nicht organisierte Bürger gekommen, auch ein Arzt aus Lüdenscheid und ein in Neuenrade wohnender und in Werdohl tätiger Arzt war dabei und lieferten Diskussionsbeiträge. 

Situation ist dramatisch

Wer es bislang noch nicht wusste, dem wurde bei dieser Diskussionsrunde klar, wie dramatisch die Situation nicht nur in Neuenrade ist. Spätestens als der Funktionär der Kassenärztlichen Vereinigung, Geschäftsstellenleiter Ansgar von der Osten, sagte, dass „Neuenrade hausärztlich die älteste Gemeinde in Westfalen-Lippe ist“ (Dr. Paul Gotthardt, der kurz vorm Pensionsalter steht, ist dabei noch der jüngste, der älteste bewegt sich auf die 80 Jahre zu). Und er sagte, dass 37 Prozent der Hausärzte über 60 Jahre alt seien und dass alle Maßnahmen, die jetzt anliefen, um die Situation zu verbessern, erst in zwölf bis 13 Jahren greifen würden. Auch die aktuelle Versorgungslage für Werdohl-Neuenrade hatte er parat: Der Versorgungsgrad beträgt nur 85 Prozent. 

Zunächst aber wurde den Gästen im Kaisergarten der Medi-Bus präsentiert. Der Marketingmann der Deutschen Bahn, Guido Verhoefen, präsentierte den umgebauten DB-Linienbus, der zum Beispiel im Auftrag der Hessischen Kassenärztlichen Vereinigung mit angestellten Ärzten in abgelegenen Gemeinden unterwegs ist. Das ist ein offenbar erfolgreiches Modell. 

Ein Bündel von Ursachen

Dass nun niemand aus der Ärzteschaft Interesse hat, sich als Hausarzt auf dem Land niederzulassen, hat wohl ein ganzes Bündel von Ursachen. So ergab es sich bei den Beiträgen der Mediziner, dass vorhandene Infrastrukturen einer eingeführten Praxis ungemein wichtig seien. Ein Lüdenscheider Nierenarzt sagte, dass er es „niemals geschafft hätte, sich zu etablieren, wenn ihm nicht die eingeführten Ärzte und die Angestellten zur Seite gestanden hätten“. Ein Ansatz, der im Verlaufe der Diskussionen Befürworter fand: Den Ärzten müsse ein umfassendes Angebot gemacht werden. Aus der Praxis berichtete Dr. Paul Gotthard und legte so dar, was neue Hausärzte erwartet. Er legte dar, dass er eine 55- bis 60-Stunden-Woche habe, dass es viele Vorschriften und jede Menge Bürokratie gebe, dass die Familie unbedingt mitziehen müsse und er verwies auch auf das Haftungsrisiko. 

Die Podiumsdiskussion wurde mit Ansgar von der Osten (2. von links), SPD-Landtagsmitglied Inge Blask, DB-Marketingleiter Guido Verhoefen, Adrian Dostal und Dr. Paul Gotthard geführt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Wolfgang Teipel (links) und Uwe Tonscheidt.

Der Medizinberater Adrian Dostal aus Bayern sprach davon, „die Ressource Hausarzt effizienter zu nutzen“. Ganz andere Geschäftsmodelle seien in der Fläche nötig: Und dass seien eben Gemeinschaftspraxen oder medizinische Versorgungszentren, die auch kleine Ortschaften schon stemmen könnten. Bis ein derartiges, unter kommunaler Trägerschaft aufgebaut sei, würden gut zwei Jahre ins Land gehen. 

Blask will alle an einen Tisch holen

SPD-Landtagsmitglied Inge Blask votierte in einem ihrer Beiträge dafür, dass jetzt mal alle an einen Tisch müssten, um einen Masterplan aufzustellen. Dostal sagte jedoch, dass man „dafür überhaupt keine Zeit“ hätte und dass man in Bayern doch viel weiter sei. Er plädierte zudem für eine „Ent-Ängstigung“ der Mediziner durch Kommunen als Arbeitgeber. Und er verwies darauf, dass Frauen – die die Mehrheit der Mediziner künftig stellen – Teilzeitbeschäftigung wollten. Da seien eben „Mehrbehandlerpraxen“ nötig. Die Vertreterin der Stadt Brilon, Elena Albracht, verwies auf Fördertöpfe in Berlin und interkommunale Zusammenarbeit als hilfreiche Mittel. Der Boden müsse für Ärzte bereitet werden. Wichtig sei es, für die Klientel einen attraktiven Wohnort und eine gute Work-Life-Balance möglich zu machen. 

Wie auch immer: Bürgermeister Antonius Wiesemann betonte, dass die Städte viel machen könnten – doch letztlich fehle es eben an den Köpfen. 

Sind auch die Patienten ein Problem?

Hausarzt Gotthard brachte noch einen anderen Aspekt, den bislang niemand so berücksichtigt hatte. Die Tatsache, dass die Medizin dem Patienten nichts koste, sei ein Problem. Er verwies auf Patienten, die wegen Kleinigkeiten dem Mediziner viel Zeit rauben würden. Daher müsse auch die Patientenseite in der Debatte betrachtet werden. „Hilfreich wäre eine Gesundheitserziehung in der Schule“, sagte Gotthard. Zum Abschluss gab es als Dank für fast alle Beteiligten von SPD-Frau Ulrike Wolfinger Kräuter-Medizin: Buba-Bitter.

Von Peter von der Beck

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