Von Haftbefehl bis Kindergarten

Wenn ein Neuenrader um Hilfe bittet, einen Einbruch vermutet oder sich verfolgt fühlt, macht sich Dietmar Neuhaus auf den Weg: „Jeder Anruf wird ernst genommen, man weiß nie was dahinter steckt“

Neuenrade - Fünf Kinder sitzen in einem Bollerwagen, bereit über die Bahnhofstraße gezogen zu werden. Da biegt ein Streifenwagen um die Ecke. Staunende Blicke, fröhliches Winken. Der Polizist hinterm Steuer winkt zurück. Seit September ist Hauptkommissar Dietmar Neuhaus in Neuenrade unterwegs – und fühlt sich wohl.

Um 6.30 Uhr beginnt für den Bezirksbeamten der Dienst im Rathaus. Zunächst macht er sich ein Bild von dem, was in der Nacht im Märkischen Kreis passiert ist und welche der Einsätze in Neuenrade stattfanden. Auch einige Akten stapeln sich auf seinem Schreibtisch: Ein Fahrer einer Spedition wurde geblitzt, die Firma wurde angeschrieben, hat aber nicht reagiert. Die Kollegen von der Polizei MK bitten Dietmar Neuhaus, dort vorbei zu schauen und den Temposünder zu ermitteln. Andere Gesuche kommen von der Staatsanwaltschaft: Aufenthaltsermittlungen, manchmal auch Haftbefehle. Wenn er sich einen Überblick über die derzeitige Auftragslage verschafft hat, geht es für den 49-Jährigen raus – dorthin, wo er am liebsten ist und auch die meiste Zeit verbringt: Bei den Neuenrader selbst.

Wenn er aus der Hintertür des Rathauses tritt, steht er direkt auf dem Schulhof der Burggrundschule. Von dort aus macht er sich auf den Weg zur nächsten Kreuzung. „Jeden morgen sichere ich den Schulweg“, erklärt er. Diese Aufgabe macht ihm sichtlich Spaß. Viele grüßen ihn im Vorbeigehen, auch einige Autofahrer winken. „Man lernt auch die Kinder mit der Zeit kennen und weiß genau, wann wer kommt, wer dann guten Morgen sagt oder noch zu verschlafen ist.“ Nebenbei beobachtet er auch die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen – sind auch alle angeschnallt? Ertönt die Schulglocke, setzt Dietmar Neuhaus sein Runde fort. Normalerweise geht er bis zum Kreisverkehr, heute nur bis zum Mühlendorf und über den Lidl-Parkplatz zurück. „Hier gibt es oft Taschendiebstähle“, weiß der Polizist. „Zur Zeit sind es etwas weniger, aber sonst muss man hier schon besonders aufpassen.“

Ruhe vom Schichtdienst

Auf die Stelle in Neuenrade hat sich der Familienvater gezielt beworben. Zuvor war er 13 Jahre in der Einsatzleitstelle in Iserlohn tätig. Nach zig Jahren im Schichtdienst hatte er genug – vorher war er auch in Menden und Köln im Einsatz gewesen. „Dort habe ich besonders menschlich viel gelernt und viel erlebt“, sagt Neuhaus. Auch viel Unschönes. „Besonders die schlimmen Dinge bleiben im Kopf“, gibt er zu. „Zwar kommt mit der Zeit auch die Routine, aber an manche Dinge gewöhnt man sich nicht.“ Der Geruch einer Leiche werde er zum Beispiel nicht mehr los. Das Schlimmste sei aber ein totes Kind. „Heute werden die Beamten auf Wunsch nach so einem Einsatz psychologisch betreut“, erklärt er. „Früher gab es aber viele, die damit einfach nicht zurecht kamen.“

Doch auch in einer Kleinstadt gibt es genug zu tun: Dietmar Neuhaus ist regelmäßig in Kindergärten und Schulen unterwegs, übernimmt dort die Radfahr- und Fußgängerausbildung. Stehen Umzüge und Feste an, kontrolliert er, ob die Sicherheitsvorgaben eingehalten werden und ist selbst vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Auch mit dem Ordnungs- und dem Sozialamt arbeitet er eng zusammen. „Der Bürgerkontakt ist mir besonders wichtig“, sagt er. Viele riefen ihn auch bei persönlichen Problemen an – auch diese nimmt er ernst. „Manche rufen immer wieder an, weil sie einen Einbruch vermuten oder sich verfolgt fühlen“, weiß er. Auch wenn vielleicht nichts ernstes dahinter steckt, fährt er raus, und macht sich selbst ein Bild. „Kein Hinweis wird auf die leichte Schulter genommen – es kann immer etwas passieren.“

Gespräche statt Randale

Auf dem Tagesplan steht nun eine sogenannte „Gefährdeansprache Sport“: Ein Länderspiel zwischen Deutschland und Polen steht nächsten Monat an. Ein junger Neuenrader ist bei Fußballspielen immer wieder durch sein aggressives Verhalten aufgefallen und bekommt nun Besuch von Dietmar Neuhaus. Im Gespräch soll geklärt werden, ob der Fan vorhat, dort hin zu fahren und klar gemacht, dass man ihn im Auge hat. Der Streifenwagen biegt in ein Wohngebiet ab. Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten, künstlerisch gestaltete Hausnummern, statt einer lärmenden Türklingel ertönt eine Melodie. Keine typische Wohngegend für Krawallmacher. Die Tür bleibt verschlossen, niemand zuhause. Dietmar Neuhaus wird später nochmal vorbei schauen – nun widmet er sich erstmal wieder dem Papierkram. -

Von Laila Weiland

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