Wein aus dem Sauerland: 350 Flaschen aus Neuenrade

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Hobbywinzer und Weinberg-Erschließer Klaus Peter Sasse probiert einen älteren Jahrgang des Neuenrader Cuvées. Nach zwei Jahren ohne Ernte soll es dieses Jahr besonders viele Flaschen vom Berentroper Klostergarten geben.

Neuenrade - Weinliebhaber sollten ins Sauerland blicken. Dort wird ein ganz besonderer Tropfen kreiert.

Längst nicht alle Neuenrader wissen, dass ihre Stadt auch einen kleinen, knapp 1000 Quadratmeter großen Weinberg beherbergt. Er liegt am Umweg, einer Verlängerung des Tannenweges. Initiator dieser Besonderheit war Klaus Peter Sasse, bis vor fünf Jahren Bürgermeister der Hönnestadt. Sasse ahnte beim Start des Projektes am 16. April 2011 noch nicht, dass er damit eine alte Neuenrader Tradition wiederbelebte.

Doch der Reihe nach: Zum 1. Januar 2005 wurde Neuenrades Partnerstadt in den Niederlanden – Dinxperlo – in Aalten eingemeindet. Der sauerländische Bürgermeister Sasse fuhr ins Nachbarland, um sich bei seinem Amtskollegen in Aalten vorzustellen. Man ging in ein Restaurant. Nach dem Essen kam der Wirt auf den deutschen Gast zu und präsentierte Aaltener Weißwein. Sasse erinnert sich: „Das ließ mich einfach nicht mehr los.“ 

Immer mehr Weinbergfreunde

Er suchte nach Mitstreitern und nach einem Gelände, um so etwas auch in seiner Heimat zu verwirklichen. Nach und nach fanden sich immer mehr „Weinbergfreunde“, wie das frühere Stadtoberhaupt sie nennt. Einer von insgesamt 14 ist Friedrich Wilhelm Kohlhage, dem das Grundstück gehörte. Sasse schwärmt: „Die ungenutzte Weide hatte die ideale Lage, war nicht zu steil und sonnig genug.“ Ein rechtliches Problem lastete aber schwer auf Sasse und seinen Mitstreitern: Die damalige Gesetzeslage begrenzte die Weinbergfläche für Hobby-Winzer auf 100 Quadratmeter. Doch Sasse ist clever, ein Fuchs, wie der Volksmund sagt.

„Nirgendwo im Gesetz steht, wie groß der Abstand sein muss zwischen den Flächen verschiedener Hobby-Weinbauern.“ Sasse zeichnete: Jedem Teilhaber des Neuenrader Weinbergs wurden eine Fläche kleiner als 100 Quadratmeter zugeschrieben. Die Abstände betrugen rund 50 Zentimeter links und rechts. 

Landwirtschaftskammer kontrolliert

Die zuständige Landwirtschaftskammer überprüfte die Angaben bei einer Begehung vor Ort und gab schließlich grünes Licht. Es konnte losgehen. Freizeit-Winzer dürfen ihre Erzeugnisse nur selbst verzehren, gelegentlich mal ein Fläschchen verschenken. Doch die Gefahr, den Neuenrader Wein verkaufen zu müssen, gab es bislang nicht. 2012 wurde mit Solaris eine weiße Traube angepflanzt, ein Jahr später kam mit Regent eine rote Traube hinzu. 2014 wurden die ersten Flaschen Weißwein abgefüllt. In den beiden Folgejahren wurde Schillerwein erzeugt – eine Mischung aus weißen und roten Trauben. 

Verfressene Rehe

Die ersten Reb-Erfolge wurden 2017 zunichte gemacht, denn Rehe hatten das zusätzliche Nahrungsangebot gefunden. Durch die Folgen des Wildfraßes wuchs auch im Folgejahr nichts. Es bildeten sich Triebe, aber keine Blüten. Damit 2019 nicht wieder alles für die Katz ist, wurde der Zaun um das Gelände um gut 30 Zentimeter erhöht. Der Kniff scheint aufzugehen. „2016 war unser bisher bestes Jahr. Da haben wir 283 Flaschen abgefüllt“, verrät Sasse.

Für dieses Jahr rechnet er nun mit rund 350 Flaschen. Der Ex-Bürgermeister betont: „Wir setzen dabei keine chemischen Mittel ein. Wir gießen nie. Das erledigt der Regen ganz alleine.“ Jeder der 14 Freizeit-Weinbauern übernimmt eine andere Aufgabe im Weinberg. Sasse obliegt es, zu mähen. „Das mache ich ab und zu mal.“ Er unterstreicht, wie schweißtreibend das am Hang ist: „Damit habe ich mein Fitnessprogramm dann abgespult.“ 

Fit durch Weinberg mähen

Im Laufe eines Jahres arbeite er „zwischen 100 und 150 Stunden“ im Weinberg. Aus der Ferne gebe ihm ein befreundeter Berufswinzer gelegentlich nützliche Tipps. Der Weinberg wurde schon einige Jahre bewirtschaftet, als Sasse eine Karte, die im Museum und als Kopie im Rathaus an den Wänden hängt, genauer in Augenschein nahm. „Auf dieser Karte aus dem Jahr 1771 wurde die Ortslage, in der sich unser Weinberg befindet, als ‘Am Winnenberg’ bezeichnet.“

Sasse forschte weiter: „Und in der Katasterkarte heißt die Gegend ‘Wümberg’.“ Der 75-Jährige erinnert sich: „Im ersten deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm habe ich nachgeschlagen.“ Winnen heißt im germanischen Sprachraum demnach „sich abmühen“. Und Wümmen ist gemäß dieses Standard-Werkes die „Weinlese“. Augenscheinlich hatten die Mönche des ehemaligen Klosters Berentrop dort Wein angebaut, wo Sasse und seine Freunde selbiges heute wieder tun. 

Das Familienwappen des Königlichen Rentmeisters, Landrichters und Justizkommissars Arnold Heinrich Ludwig Schniewindt (1756 bis 1825), der das säkularisierte Kloster kaufte, zeigt Trauben. Auf den heimischen Weinflaschen steht weiterhin: „Berentroper Klostergarten“.

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