Stadtentwicklung

Quartiermanagement bei der Arbeit

Denise Hilgenböker und David Knospe. Die beiden Quartiermanager von Neuenrade haben im Erdgeschoss des Neubautraktes des Rathauses ihr Büro. Dienstags haben sie von 11 bis 13 Uhr Sprechstunde.
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Denise Hilgenböker und David Knospe. Die beiden Quartiermanager haben im Erdgeschoss des Rathausneubaus ihr Büro. Dienstags haben sie von 11 bis 13 Uhr Sprechstunde.

Neuenrade - Seit März ist das Neuenrader Quartiermanagement bei der Arbeit. Die beiden Fachleute organisieren die Stadterneuerung.

Das Revier der beiden ist schwarz umrandet auf der großen Wandkarte in dem Zwei-Personen-Büro des Neuenrader Rathauses zu sehen: Jedes einzelne Haus ist verzeichnet, deutlich zeichnet sich die Altstadt mit seiner schachbrettartigen Struktur ab und die Erste Straße teilt Neuenrade in zwei Hälften. Im Süden reicht das Revier der beiden Quartiermanager bis zur Straße Hinterm Wall. Im Osten ist es von der Bahnhofstraße begrenzt und im Westen von Kaufpark und Tankstelle.

Die beiden Raumplaner, M.Sc Denise Hilgenböker und Diplom Ingenieur David Knospe begleiten den Prozess der Innenstadtsanierung im Rahmen von Isek (integriertes kommunales Stadtentwicklungskonzept) professionell. Ihr Job ist es, die Menschen zu vernetzen, sie für dieses gemeinsame Ziel zu motivieren, anzuleiten und Hilfestellung zu geben.

Schwieriger Start unter Corona-Bedingungen

Seit März sind sie offiziell mit eigenem Büro im Rathaus zu finden, doch seit Corona sind die Begegnungen mit Menschen häufig auf digitaler oder telefonischer Ebene. Hilgenböker und Knospe sind an drei Tagen pro Woche in Neuenrade, dienstags haben sie Sprechstunde von 11 bis 13 Uhr. Natürlich sind auch Termine nach Vereinbarung möglich. Nicht nur um Neuenrade kümmern sich die beiden. Gevelsberg ist auch auf der Agenda der Agentur Stadtkinder, bei der sie angestellt sind. Gleichwohl sind die beiden Dortmunder auf ländliche Gebiete durchaus eingestellt. Sie kennen beide Seiten. Hilgenböker sagt, dass die sozial-gesellschaftliche Komponente in Großstädten möglicherweise noch eine ganz andere Rolle spiele.

Quartiermanagement: Ihre Bedeutung für den Optimierungsprozess der Neuenrader Innenstadt schätzen die beiden durchaus als „zentral“ ein. In dem gesamten Konstrukt seien sie „ein aktiver Baustein“. Sie bringen den wissenschaftlichen Background als (Sozial-)Raumplaner mit, haben Kommunikation gelernt und führen viele Gespräche vor allem mit der Bürgerschaft. „Wir sind die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Bürgerschaft. Es gelte Hemmnisse abzubauen, die Bevölkerung zu aktivieren, Netzwerke anzuzapfen und neue zu bilden. Sie sind zudem selber sehr gut vernetzt. Doch inmitten von Pandemiezeiten gestaltet sich das nicht so einfach: „Wir hatten in diesen Coronazeiten einen schwierigen Start“, sagt David Knospe.

Gleichwohl: Erste Projekte laufen an. Und die beiden sind sicher, dass danach noch einige Leute Schlange stehen werden. Zunächst gelte es Leute zu finden, denen man zeigen könne, was man habe.

Altstadt als erstes Projekt

Im Fokus haben die beiden Raumplaner nun aktuell die Altstadt. Hier wurde im Frühjahr zunächst einmal eine Online-Beteiligung durchgeführt, um das Meinungsbild abzufragen. Da hat sich dann auch die Altstadtgemeinschaft eingebracht. Im nächtsen Schritt wurde ein Katalog wurde, geordnet nach Begriffen/Stichworten und Themengebieten, erstellt. Auch die Stadtverwaltung wurde involviert sowie die Sichtweise der Quartiermanager mit eingepflegt, ein Rahmen gesetzt. All das muss nun ein externes Planungsbüro gestalterisch umsetzen. Sobald dann der erste Entwurf vorliegt, geht es erneut rund. Die Öffentlichkeit dafür wird hergestellt, der Planentwurf wird der Bürgerschaft präsentiert und auch die Quartiermanager schauen sich das ganze natürlich an. „Das wird im Frühjahr passieren,“ sagen Knospe und Hilgenböker. Auf welche Art und Weise das zu Pandemiezeiten geschehen soll, weiß man noch nicht. Hilgenböker: „Wir müssen da kreativ werden.“ Ausschließlich digital ist dabei nicht der Stein der Weisen. „Online erreicht man nicht jeden.“

Hof- und Fassadenprogramm für Eigentümer

Konkret in Arbeit haben die beiden nun das Hof- und Fassadenprogramm. Hier gilt es, die Eigentümer zu aktivieren, hier gelte es eben finanzielle Anreize für Eigentümer zu schaffen, ihre Hausfassade oder den Vorgarten neu zu machen: Bis zu 50 Prozent Förderung, höchstens 30 Euro pro Quadratmeter seien hier möglich. „Wir haben vor diesem Hintergrund sogar Gespräche mit Banken wegen Mikrokrediten im Rahmen des Hof- und Fassadenprogramms geführt.“ Denn: Nicht jeder habe eben genug Geld da liegen, um den Eigenanteil aufzubringen – deshalb die mögliche Unterstützung durch Mikrokredite.

Knospe betonte, dass man in Sachen Förderanträge für das Hof- und Fassadenprogramm beraten werde. „Wir helfen hier gerne. Einfach vorbeikommen, wir unterstützen bei der Antragstellung.“ Benötigt werde unter anderem ein Kostenvoranschlag von einem Meisterbetrieb, die Stadt prüfe auf Plausibilität, dann gelte es noch die Rechnung einzureichen. „Das läuft ziemlich unbürokratisch.“ Es gelte eben aber ein paar Dinge zu beachten. Wichtig sei zum Beispiel, dass die Verschönerungsarbeiten noch nicht begonnen haben. Hilgenböker und Knospe betonten zudem, dass nicht nur Fassaden gefördert würden, sondern auch die Verbesserung/Verschönerung der Vorgärten. Förderungswürdig seien hier zum Beispiel ökologische Maßnahmen. Wichtige Voraussetzung auch hier: „Das Projekt muss sichtbar sein.“ Kurzfristig geht nun das Quartiermanagement mit all dem an die Öffentlichkeit, Eigentümer werden angeschrieben.

Weitere Projekte der Quartiermanager sind in Arbeit: So wird an Organisation und Aufbau eines Verfügungsfonds gearbeitet. Aus diesem Verfügungsfonds sollen Ideen finanziell untermauert, finanzielle Anreize geschaffen werden. Knospe nannte hier als Beispiel, dass sich jemand eine Parkbank wünsche. Die werde dann mit der Hälfte der Kosten gefördert. Die andere Hälfte müsse eben aus Eigenmitteln oder über Spenden finanziert werden. Hilgenböker betonte, dass dabei nicht nur gestalterische Dinge gefördert werden sondern eben auch bürgerschaftliche Projekte wie Stadtteilfeste.

Finanziert werden könnten dann beispielsweise die Stadtteilputz-Banner. Knospe ergänzte: „Es könnte auch ein öffentlicher Desinfektionsspender sein.“ Wer nun aus diesem Topf und welches Projekt gefördert wird, das entscheiden nicht Hilgenböker und Knospe, sondern ein an den Verfügungsfonds angeschlossenes Entscheidungsgremium. Das ist mit zentralen Akteuren, Multiplikatoren und Vertretern der Verwaltung besetzt. „Wir sind grade in der Anfragephase“, hieß es von den Quartiermanagern.

Einzelhandel im Fokus des Quartiermanagments

Ein „sehr wichtiges“ Unterfangen des Quartiermanagements ist das Leerstandsmanagement, der Blick auf den Einzelhandel der Stadt. Im Fokus haben die beiden dabei zunächst die Erste Straße und die Zweite Straße. Da schaue man sich den Bestand an und überlege, was man da machen könne. Gut trifft es sich dabei, dass Knospe dazu der passende Mann zu sein scheint. Er ist gelernter Kaufmann, kommt ursprünglich aus dem Einzelhandel und weiß um Befindlichkeiten und Selbstverständnis dieser Unternehmerschaft. Wie auch immer – Einzelhandel zu managen ist in diesen Zeiten ein anspruchsvollen Projekt.

„Wir haben die Aufgaben, Flächen zu besetzen, die von 20 bis 400 Quadratmetern reichen. Knospe betont: „Wir werden aber nicht den Makler machen.“ Aber Ziel sei eben die Vollvermietung. Da passt die jüngst versprochen Fördergabe des Heimatministeriums zur Leerstandsbeseitigung gerade recht zu kommen. Die Quartiermanager und Verwaltungsmitarbeiter Richard Schwartpaul hatten den entsprechenden Antrag gestellt – mit Erfolg. Mit dem Geld können nun Mietanreize gesetzt werden. Ein weiterer Klassiker zur Leerstandsbeseitigung ist es natürlich „die leeren Flächen für Kunst zu nutzen.“ Als unterstützende Maßnahmen zählen dabei das Ausbilden eines Netzwerkes und die Verknüpfung mit anderen. Zudem ist man dabei, junge Unternehmer anzulocken. Da will Denise Hilgenböker aber nicht viel mehr verraten. Man habe da etwas in der Pipeline. Letztlich geht es auch nicht um die großen Händler, sondern vor allem um die kleinen.

„Wir sehen da großes Potenzial“

Es gibt auch schon Feedback für die Quartiermanager: Die Erste Straße wird „als große Barriere“ wahrgenommen, diese Straße zerschneide die Innenstadt. Für das Quartiermanagement gilt aber: Die Barriere in den Köpfen abzubauen bei der Suche nach Lösungen, um die Situation mit der Ersten Straße zu verbessern. Hilgenböker: „Vor allem wie mit bestehenden Mittel und Strukturen die Situation verbessert werden kann.“ Zum Beispiel seien „die Eingänge in die Altstadt nicht ersichtlich“. Mehr Leben will man also in die Altstadt holen. „Wir sehen da großes Potenzial.“

Bleibt noch die Frage, wie die beiden Dortmunder nun Neuenrade einordnen würden in der Liste der Sauerländer Kleinstädte. Hilgenböker findet es schwierig, hier Neuenrade einzuordnen und einen Vergleich zu erstellen. Bewohner, Altersstruktur, demographischer Wandel – es sei schwierig, Neuenrade über einen Kamm zu scheren. „Ich sehe aber viele Potenziale. Es gibt tolle Netzwerke. Wir versuchen das jedenfalls zu nutzen.“

Sie verweist noch auf das Jugendnetzwerk und die Bedeutung der Jugend für die Stadt. Es gelte bei den jungen Leute vor allem die Bindung zu ihrer Heimatstadt zu erhalten. Das gehöre auch zur Philosophie ihrer Agentur „Stadt-Kinder“ – der Agenturname sei daher eben Programm. Es gelte andere Blickwinkel auf die Stadt zu bekommen. Von daher sei die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf die Zukunft Neuenrades wichtig.

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