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„Damit ihr Gedankenkarussell aufhört“: Demenz-Betroffene tauschen sich aus

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Von: Michael Koll

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Die Betroffenen hörten gut zu, berichteten bei einem regen Austausch aber auch von ihren eigenen Erfahrungen.
Die Betroffenen hörten gut zu, berichteten bei einem regen Austausch aber auch von ihren eigenen Erfahrungen. © Michael Koll

„Ein Demenz-Patient kann in einer einzigen Nacht plötzlich 30 Jahre verlieren. Dann fragt er morgens nach dem Aufwachen seinen Partner mit einem Mal: ‘Wer sind Sie denn?’“, schilderte eine Besucherin der Informationsveranstaltung, zu welcher die Perthes-Tagespflege eingeladen hatte.

Neuenrade – Die Teilnehmerin stellte sich als erfahrene Pflegekraft vor. Die anderen waren selbst Betroffene, oder Angehörige von solchen. Und was als Vortragsabend geplant war, entwickelte sich im Handumdrehen zu einem Erfahrungsaustausch. Ehefrauen und -männer, Söhne sowie Schwiegertöchter von Erkrankten schilderten ihren Alltag. Damit spendeten sie einander Trost, erfuhren, dass sie mit ihren Erlebnissen nicht alleine sind.

Einrichtungsleiterin Christina Meier appellierte an die Angehörigen: „Sie sollten echt und ehrlich sein zu den Patienten.“ Konkret riet sie: „Sagen Sie ihm, dass er krank ist. Und sagen Sie ihm, wie es Ihnen damit geht.“ Sie verdeutlichte: „Sicher wird zwar eine Gegenrede kommen, aber wenn Sie nicht offen sind, dann haben sie gleich ganz verloren.“

Mahnend fügt Meier hinzu: „Aber machen Sie dem Kranken keine Vorwürfe wie ,Das hast Du mir doch heute Früh schon erzählt.’“ Zwischen Verständnis-Zeigen und dem Verletzen durch Vorhaltungen sei es eben ein schmaler Grat.

Meier und Betreuungsbeauftragte Melanie Latzer hatten 19 Teilnehmer in der evangelischen Tagespflege begrüßt, die in unmittelbarer Nähe des Hotels Kaisergarten an der Straße Hinterm Wall – dem sogenannten Wallkarree – gelegen ist. Die beiden führten die Besucher zunächst durch die Räume und erläuterten, was dort den ganzen Tag über mit den Senioren, die sie besuchten, unternommen werde.

Von der Witzparade, über das Bibel-Quiz und die Erinnerungen an Schlesien, bis hin zu Bewegungsspielen, Singen und Spaziergängen im nahe gelegenen Stadtpark reichten die Beschäftigungsangebote in der erst im Januar eröffneten Einrichtung, die zunächst nur an drei Tagen pro Woche – montags, mittwochs und freitags – geöffnet ist, aber laut Einrichtungsleiterin Meier bald auch fünf Tage pro Woche ihre Pforten öffne.

Christina Meier (stehend rechts) und Melanie Latzer begrüßten die Gäste.
Christina Meier (stehend rechts) und Melanie Latzer begrüßten die Gäste. © Mcihael Koll

„Wir versuchen hier“, unterstrich Latzer, „die Senioren abzuholen, wo sie sind, damit ihr Gedankenkarussell aufhört, damit sie zur Ruhe kommen.“ Thema des Informationsabends war „Demenz“. Die Teilnehmer erfuhren also zunächst, „dass demenzielle Veränderungen durch die Alzheimer-Erkrankung ebenso wie durch Parkinson ausgelöst werden können“.

Die Symptome seien bei einer Depression wie auch bei einer Mangelernährung allerdings dieselben – mit dem Unterschied, dass es in den beiden letzteren Fällen möglich sei, die demenziellen Effekte durch eine Behandlung beziehungsweise Medikation zu beheben.

Bei einer Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankung sei dies eben nicht möglich. „Alltagsdepressionen werden jedoch oft nicht diagnostiziert“, berichtete die erfahrene Pflegekraft im Publikum aus ihrem beruflichen Alltag: „Die Ärzte sagen dann: Der Patient ist dement. Das ist einfach. Dann sind die ganz schnell fertig damit.“

Diejenigen, für die der Umgang mit einer Demenz noch ganz frisch war, bekamen den Tipp, zunächst einmal einen Antrag auf Pflegebedürftigkeit bei der Krankenkasse zu stellen. Doch das machen derzeit viele. Satte 30 000 solcher Anträge lägen derzeit noch bei den Kassen. Die Einteilung in einen Pflegegrad stehe in diesen Fällen aktuell noch aus, hieß es bei dieser Informationsveranstaltung.

Einrichtungsleiterin Meier aber betonte: „Sie können jederzeit mit Fragen – nicht nur, aber auch eben zur Antragstellung – zu uns kommen.“ Das sei telefonisch auch dienstags und donnerstags möglich. „Wenn Sie uns nicht direkt erreichen, rufen wir Sie auch garantiert zurück.“

Information

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.tp-neuenrade.de.

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