Entschleunigung kann auch Chance sein

Psychologin erklärt: So wirkt sich die Coronakrise auf Kinder und Jugendliche aus

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Dr. Rafaela Wingen ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Neuenrade – Soziale Kontakte sind in den Zeiten der Coronakrise auf ein Minimum beschränkt. Die Pandemie-Bestimmungen belasten auch Kinder, und vor allem Jugendliche.

Die Isolation – im Zusammenspiel mit möglichen finanziellen Sorgen der Eltern – kann zu enormem Druck in den Familien führen. 

Im Gespräch mit Carla Witt zeigt die Neuenrader Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Rafaela Wingen mögliche Probleme, aber auch Chancen dieser besonderen Situation auf. 

Wie sehr leiden Kinder unter der aktuellen Situation? 

Kinder leiden momentan eher weniger unter der Situation an sich. Allerdings leiden sie unter der teilweise angespannten Situation der Erwachsenen. Die Eltern in Sorge um die eigenen Eltern zu erleben und in einer derartig beängstigenden Ausnahmesituation zu sehen, verunsichert die Kinder in unterschiedlichem Maße. 

Sollten die Eltern sich darum bemühen, ihre Ängste zu verbergen? 

Nein, denn Kinder spüren instinktiv, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Im gemeinsamen Gespräch ist eine sachliche, dem Alter angemessene Information sehr wichtig. Eltern sollten dann etwas gegen die eigenen Ängste unternehmen, falls diese überhandnehmen oder sich gar Zwänge aus den Ängsten entwickeln. 

Einzelkinder besonders betroffen?

Sind Einzelkinder besonders betroffen? 

Nicht unbedingt. Einerseits fehlt ihnen eventuell ein Spielpartner, andererseits haben sie die Elternteile meist für sich alleine, so dass die Wahrscheinlichkeit von qualitativ erlebter gemeinsamer Zeit steigt. 

Trifft es Jugendliche, die gerade die Pubertät erleben, härter? 

Ja, die trifft es härter. Gerade in der Pubertät ist Kontakt aufbauen, halten und pflegen die größte Freizeitbeschäftigung. Viele Jugendliche haben Angst, durch die physische Distanz ihren sozialen Status zu verlieren, den sie sich schwer erarbeitet haben. Das versuchen sie durch WhatsApp, Telefonieren, Snapchat und Instagram auszugleichen, um mit den Freunden in Kontakt zu bleiben. Die mangelnde Präsenz durch „Rausgehen“ muss also kompensiert werden, was dazu führt, dass die Jugendlichen erheblich mehr Zeit in den einzelnen sozialen Medien verbringen, um ihre Kontakte angemessen zu pflegen. 

Was hat das für Konsequenzen? 

Das führt zu einem erhöhten Stresspegel und Medienkonsum. Zu diesem emotionalen Stress gesellen sich die körperlichen Veränderungen auf der neuronalen Ebene in der Pubertät. Da in dieser Phase durch die Entwicklung im Frontalhirn der Egoismus sehr ausgeprägt ist, lässt ein weit- und umsichtiges Umgehen mit den Verhaltensvorschriften manchmal auf sich warten, so dass hier mehr Konflikte auftreten können als bei jüngeren Kindern. Zudem ist bei Jugendlichen das Streben nach Selbstbestimmung, Autonomie und Handlungsfähigkeit erhöht. Wenn sie in der Phase besonders mit etwas konfrontiert werden, was von ihnen als ganz starke Freiheitseinschränkung und als Imperativ verstanden wird, ist die Chance für Trotz oder Reaktanz, also eine komplexe Abwehrreaktion, durchaus erhöht. 

Coronavirus in Neuenrade: Auswirkungen bereits zu spüren

Erleben Sie in Ihrer Praxis bereits Auswirkungen der Coronakrise? 

Ja, ich erlebe Auswirkungen. Menschen mit affektiven Störungen sind besonders betroffen. Bei einer Depression oder Angststörung fokussieren sich die Patienten überwiegend auf die negativen Dinge ihres Lebens. Schwarz-Weiß-Denken und Katastrophisieren sind eine Depression begleitende dysfunktionale kognitive Strategien. Denen stehen momentan keine haltgebenden Strukturen und keine Auftrieb gebenden sozialen Kontakte gegenüber, so dass Patienten drohen, zu dekompensieren und damit nicht mehr gewohnt stabil zu sein. Hier besteht auch die Gefahr viel zu lange Schlafenszeiten zu entwickeln oder gar den Tag ohne Struktur im Bett zu verbringen, was den Teufelskreis einer psychischen Erkrankung verstärkt. Hier bieten sich Apps wie Moodpath oder ifightdepression als Selbsthilfe, die allerdings nur genutzt werden sollten, wenn der behandelnde Psychologe die Therapie über das Tool begleitet. Somit kann die Zeit bis zum nächsten Termin überbrückt werden. 

Stichwort Entschleunigung: Bietet die aktuelle Situation auch Chancen für Kinder, Jugendliche oder für Familien? 

Im Hinblick auf die Tatsache, dass durch Langeweile, Kreativität entstehen kann, bieten sich bestimmt Chancen an. Es entsteht gerade in den Familien ein neuer Rhythmus, sozusagen öffnet sich eine neue Tür in ein anderes Leben. Die häusliche Gebundenheit, das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit und die Isolation gegenüber anderen, formt nämlich eine Familie neu. Das kann sie stärken oder natürlich verschärft Missstände aufzeigen. Vielleicht kann man positiv erlebte Einzelaspekte aus dieser Zeit für die Zukunft bewahren, wie zum Beispiel die Spieleabende, die längeren Gespräche oder andere gemeinsam entstandene Beschäftigungen.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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