Heimleiterinnen berichten

Besuchsverbot: So leiden die Senioren unter den Corona-Folgen

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Im Evangelischen Seniorenzentrum in Neuenrade gibt es – wie in den anderen heimischen Senioreneinrichtungen auch – bislang keine bestätigten Corona-Fälle.

Neuenrade/Werdohl - Mittlerweile seit Wochen herrscht auch in den Altenheimen in Werdohl und Neuenrade absolutes Besuchsverbot. Die Mitarbeiter versuchen über verschiedene Wege die Senioren nicht komplett vereinsamen zu lassen, dennoch fehlt vielen der soziale Kontakt.

Petra Wegener ist hörbar froh, dass sie verkünden kann: „Keine infizierten Bewohner, keine infizierten Mitarbeiter, keine Quarantäne, keine Symptome.“ Die Leiterin des Evangelischen Seniorenzentrums (ESZ) in Neuenrade hofft, dass es so bleibt. 

Denn sie, ihre Mitarbeiter und die wenigen erlaubten Besucher wie Ärzte oder Physiotherapeuten, hätten außerhalb der Senioreneinrichtung natürlich noch ihr Privatleben und träfen auf jede Menge Menschen. Sie könnten sich draußen theoretisch anstecken und das Virus unbewusst importieren. Doch, die penible Einhaltung der Hygienemaßnahmen, das Besuchsverbot und die Kontaktsperre helfen bislang offensichtlich. „Glück und Gottvertrauen“, spielten allerdings auch eine Rolle, sagt Wegener. So ist das Seniorenzentrum der Perthesstiftung mit seinen 74 Bewohnern bislang von bekannten Corona-Fällen verschont geblieben. 

Coronavirus in Neuenrade: Leiterin erlebt großes Verständnis

Das Leben in einer Einrichtung mit Besuchsbeschränkungen ist nicht einfach für die Senioren. Der persönliche, soziale Kontakt zu den Angehörigen fehlt. Doch die Reaktion der Bewohner auf die Krise beschreibt Wegener als gefasst: „Ich erlebe großes Verständnis für die Situation, doch einzelne vermissen den engen sozialen Kontakt mit den Angehörigen sehr.“ Was man im Alltag zu Nicht-Corona-Zeiten gar nicht bewusst spüre, vermisse man jetzt unter diesen Umständen umso mehr. Sogar mit Dementen sei ein Umgang mit der Pandemie möglich. Abstand einzuhalten funktioniere. 

Und die Angehörigen? Bisher habe es keinen Ärger gegeben. „Die reagieren verständnisvoll und geben Obst und Wäsche an der Haustür ab.“ Ausnahmen beim Zutritt zum ESZ für Privatpersonen gibt es nur bei einem Sterbefall: „Wenn der Abschied naht und wir das feststellen, dass die Sterbephase begonnen hat, sagen wir den Angehörigen Bescheid. Dann lassen wir ein bis zwei Personen zu, die den Menschen bis zum Ende begleiten.“ 

Corona führt zu Digitalisierung

Die Corona-Pandemie führte auch zu einer Digitalisierung des ESZ: Tabletts wurden von Pertheswerk und Förderverein gespendet. „Wir haben die Möglichkeit der Videotelefonie über WhatsApp und natürlich Skype“, sagt Wegener. „Da werden Termine gemacht und die Pfleger helfen bei der Anwendung. Zudem wird auch reichlich ganz konventionell telefoniert.“ 

Darüber hinaus gibt es Überlegungen, ein sogenanntes „Besucherfenster“ ähnlich wie im Wichernhaus in Werdohl und im St.-Johannes-Altenheim in Balve einzurichten. Doch im Erdgeschoss sind nur Kippfenster, deshalb überlege man ein Telefon in entsprechendem Sicherheitsabstand zu installieren, sagt Wegener. 

Kein Mangel an Ausrüstung

Ansonsten gibt es Erfreuliches unter den Umständen: An notwendiger Ausrüstung herrsche kein Mangel. Für den Fall einer Infektion sei man in der Lage, schnell eine Isolierstation einzurichten und entsprechende Hygienepläne umzusetzen. Höchst zufrieden zeigt sich Wegener, was die Zusammenarbeit mit den Behörden anbelangt: „Ich habe immer einen Ansprechpartner und einen kompetenten Berater im Hintergrund.“ 

Keine Antwort hat sie allerdings parat, was den Fortgang der Corona-Situation anbelangt: „Ich weiß nicht, wann und wie es endet. Das muss die Politik entscheiden. Ich beneide die Verantwortlichen nicht darum. Wir sind ein großer Risikobereich.“ 

Keine coronabedingten Ausfälle

Im Wichernhaus im evangelischen Perthes-Werk Werdohl ist man bislang ebenfalls gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Kerstin Medenbach, Einrichtungsleitung, zeigte sich froh, dass „hier niemand an dem Virus erkrankt ist, niemand unter Verdacht steht“ und beim Personal bislang keine coronabedingten Ausfälle zu verzeichnen seien. 

Auch sonst laufe es den Umständen entsprechend rund. „Es ist für alle schwierig. Die Bewohner reagieren verständnisvoll und wir versuchen die fehlenden Kontakte zu kompensieren“, sagt Medenbach. Sehr viel werde telefoniert, zudem werde man zwei Tabletts besorgen, sodass die Bewohner die Möglichkeit hätten, unter der Assistenz von Pflegekräften und Mitarbeitern des sozialen Dienstes mit den Angehörigen zu skypen. Zudem gibt es ein Besucherfenster, durch das Angehörige – auf Abstand – ihre Angehörigen sehen und mit diesen auch sprechen können. 

Kontakt über das Besucherfenster

Dieses Angebot werde zum Beispiel von Ehepartnern gerne genutzt. So habe eine Frau aktuell nicht die Möglichkeit, ihren Mann im Wichernhaus zu besuchen. Daher nutze sie eben dieses Fenster dreimal pro Woche. Grundsätzlich würde der überwiegende Teil der Angehörigen für die Situation Verständnis zeigen. „Allerdings haben wir am Anfang viel Erklärungsarbeit leisten müssen“, sagte Medenbach. 

Aber es gebe eben auch unterschiedliche Schicksale. Das sei nicht immer einfach. Das betreffe auch Sterbesituationen. Hier könne man maximal zwei Personen als Sterbebegleitung zulassen. 

Dreilagige OP-Masken

Mit der Corona-Situation würden die Mitarbeiter inzwischen gut zurecht kommen. An das Maskentragen hätten sich alle gewöhnt. Anfangs – man trägt dreilagige OP-Masken – seien die Mitarbeiter über das korrekte Tragen und Anlegen der Maske informiert worden. „Alle Mitarbeiter haben inzwischen für sich herausgefunden, wie sie am besten damit zurechtkommen, haben sich zum Teil kleine Hilfsmittel gebastelt, um die Masken besser tragen zu können“, sagt die Einrichtungsleiterin. Medenbach selbst hat sich inzwischen so an die Maske gewöhnt, dass sie schon vergessen hat, diese abzunehmen. „Mein Mann hat mir dann zuhause gesagt: ,Du hast die Maske noch auf.’“, erzählt sie lachend. 

Im Seniorenheim Haus Versetal befindet man sich ebenfalls in der glücklichen Lage, dass „bis jetzt alles super gelaufen ist“. „Es ist noch entspannt“, sagt Leiterin Susanne Thöne. Natürlich seien einige Bewohner genervt und hofften, dass die Situation bald vorbei gehe. Aber inzwischen sei allen bewusst, dass es anders eben nicht machbar sei. 

Beschäftigung auch am Sonntag

Auch im Haus Versetal versuchen die Mitarbeiter die Situation für die Bewohner zu verbessern: Sonntags – am traditionellen Besuchstag – biete man den Bewohnern nun auch Beschäftigung an. Zudem habe man Tabletts bestellt, damit die Bewohner Videotelefonie mit den Angehörigen machen könnten. Außerdem verfüge die Einrichtung über eine große Cafeteria, sodass die Abstandsgebote einhalten werden könnten. Deshalb sei in der Cafeteria für den 8. Mai auch ein evangelischer Gottesdienst mit Pfarrer Dirk Grzegorek und Gitarrenmusik geplant. Thöne: „Darauf freuen wir uns schon alle.“ So haben die Bewohner auch in Corona-Zeiten Unterhaltung und seelischen Beistand. 

Auch versucht die Einrichtungsleitung die fehlenden sozialen Kontakte zu kompensieren: „Wir organisieren, dass die Bewohner in der Cafeteria sitzen, während die Angehörigen draußen im zulässigen Abstand am Fenster stehen, erläutert Thöne. Auch die Angehörigen würden in diesen schwierigen Zeiten „mitziehen“. Gelegentliche Ausnahmen gebe es. Lob hat Thöne für die Mitarbeiter übrig. Die gingen gut mit der Situation um. Masken und Desinfektionsmittel seien ausreichend vorhanden. „Da scheint sich die Situation zu entspannen. Nur mit Schutzkleidung würde es im Fall der Fälle eng“, sagt Thöne. 

Maßnahmen funktionieren

Im sensiblen Bereich einer Senioreneinrichtung ist Thöne froh, dass die Pandemie-Maßnahmen funktionieren. Sie hält das nach wie vor für okay. „Man sieht ja, was in anderen Heimen passiert ist, wo es eine Vielzahl an Erkrankten und leider auch Todesfällen gab und gibt.“ Häufig seien es die Angehörigen, die das Virus unbewusst in die Einrichtung tragen würden. Thöne geht deshalb davon aus, dass die Senioren noch eine Weile mit dem Besuchsverbot leben müssen. Sie kann sich „nicht vorstellen“, dass es demnächst eine Lockerung geben werde.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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