Abstandsregelung nicht einzuhalten?

"Nicht umsetzbar": Kitas kritisieren Corona-Konzept des Familienministeriums

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Seit Donnerstag dürfen weitere Kinder zurück in ihre Kitas. Die Vorschulkinder gehen in einem nächsten Schritt ab Ende Mai.

Neuenrade/Werdohl – Peu à peu dürfen die Kitasihre Pforten wieder öffnen: Nach der Notbetreuung und der erweiterten Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, können seit Donnerstag auch die „But-Kinder“ („Bildungs- und Teilhabepaket“) wieder in die Kitas kommen.

In einem nächsten Öffnungsschritt sollen ab dem 28. Mai alle Vorschulkinder ihre Einrichtungen besuchen. Ab Juni – so zumindest der aktuelle Plan des Familienministeriums – soll allen Kindern der Besuch ihrer Kita oder der Kindertagespflegestelle tageweise ermöglicht werden. 

Soweit die Theorie. Was die Praxis angeht, ist Monika Batusha, Leiterin der städtischen Kita Wirbelwind in Neuenrade, skeptisch: „Was nützen denn all die Schutzmaßnahmen, wenn einem morgens direkt ein Kind weinend in die Arme fällt.“ 

Coronavirus in Neuenrade: Harte Arbeit und Kreativität gefragt

Auch Gerhard Schumacher, der bei der Stadt Neuenrade unter anderem für die Kitas zuständig ist, fürchtet, dass es um so schwieriger werde, Regeln einzuhalten, „je kleiner die Kinder sind“. Ähnliches hört man aus der Villa mittendrin. Leiterin Nina Kersting-Dunker sagt: „Es ist kaum möglich, U3-Kinder ohne Körperkontakt zu betreuen.“ 

So ist in den Kitas harte Arbeit und Kreativität gefragt, um die Hygienevorschriften einzuhalten. Viel Erklärungsarbeit sei bei den Kleinen nötig, die natürlich nicht immer alles verstehen würden. Zumindest personell könnte das Konzept funktionieren, denn in der Kita Wirbelwind und in der Villa mittendrin gibt es nur wenige Erzieher, die zur Corona-Risikogruppe gehören und damit vom Dienst befreit sind. 

Zahl der Kinder noch überschaubar

Momentan hält sich die Zahl der Kinder noch in Grenzen. Bei Monika Batusha und ihren Kollegen tummelten sich gestern 15 Kinder, zehn waren schon vorher regelmäßig da, weil sie im Rahmen der Notbetreuung Anspruch auf den Kita-Besuch hatten. Zu beachten sei der pädagogische Aspekt. „Wenn Kinder nach so langer Zeit wiederkommen, sind das besondere Umstände. Wir geben unser Bestes und schauen sehr individuell hin“, sagt Batusha. Zudem habe man als Kita zu den Familien zu Hause immer einen sehr engen Kontakt: „Von unserer Seite haben wir alles getan.“ 

Gerhard Schumacher sieht, dass die Situation nicht einfach ist. Er sagt, dass die Kitas die Hygienemaßnahmen vor Ort unter Beachtung der Vorschriften individuell regeln sollen: Wann und wo welche Eltern die Kinder ablieferten und abholten, welche Kleingruppe wie besetzt werde – das müsse in den Einrichtungen den jeweiligen Umständen entsprechend geregelt werden. 

Wöchentlich neue Verordnungen

Wobei Regeln und Vorschriften generell ein besonderes Kapitel im Rahmen der Corona-Pandemie seien. Schumacher verweist darauf, dass regelmäßig zweimal pro Woche die Pandemie betreffende Verordnungen eintrudelten – gefolgt von Ausführungsbestimmungen: „Da kommt man als Verantwortlicher kaum hinterher.“ Auch Monika Batusha sieht sich einem Berg von Vorschriften ausgesetzt: „Wir werden überhäuft mit Briefen.“ Sie ist überzeugt: Letztendlich werde erst die Praxis erweisen, wie man Dinge angehe. 

In der Villa mittendrin gibt es derzeit zwei Gruppen. Die sind räumlich getrennt und die Kinder ihrer Gruppe fest zugeordnet. Grundsätzlich sei das Organisieren von Gruppen und Netzwerken nicht einfach in der Kita, sagt die Leiterin. Schon bei einem Geschwisterkind werde es schwierig. Eine Herausforderung bildeten die Abstandsregeln. „Letztlich müssen wird in der Praxis kreativ sein, um das alles umzusetzen“, so Kersting-Dunker. 

Erfreut über baldige Rückkehr der Vorschulkinder

Dass ab Ende Mai auch die Vorschulkinder kommen dürfen, findet sie gut. Bevor es für diese Kinder nach den Sommerferien in die Schule geht, „findet die Kita-Zeit wenigstens ein runderes Ende“. Alle anderen Kinder dürfen vor der Sommerpause wohl nur für wenige Tage kommen. Kersting-Dunker hält das zumindest für die berufstätigen Eltern für wenig hilfreich: „Das ist doch keine Entlastung für die Eltern.“ Familienminister Joachim Stamp (FDP) schaut deshalb gerade, wie das Konzept vielleicht noch angepasst werden kann.

Katrin Schoch, Erzieherin im Evangelischen Familienzentrum Neuenrade, freut sich, endlich wieder ein paar mehr Kinder und damit mehr Leben im Haus zu haben. Zumindest zehn Kinder tummelten sich gestern in der Kita, unter normalen Umständen sind es allerdings 47. 

Mehr Arbeit durch das neue Konzept

Gleichwohl bedeutet die pädagogische Betreuung unter diesen Pandemiebedingungen auch mehr Arbeit. Nach jedem Toilettengang der Kinder muss zum Beispiel der WC-Bereich desinfiziert werden, verstärkt müsse auf Hygiene- und Abstandsregeln geachtet werden. Die Abläufe dauerten so länger. 

Was die Praxis anbelangt, ist die Aussage von Schoch glasklar: „Die Abstandsregelung ist nicht umsetzbar.“ Diese Vorgabe vertrage sich auch kaum mit dem Selbstverständnis der Arbeit als Erzieherin. Sie betont, dass Kindern eine Lobby fehle: „Beim Fußball kann es wieder losgehen, aber nicht alle Kinder dürfen in die Kita.“ Dabei habe man in der evangelischen Kita ein Konzept entwickelt, welches allen 47 Kindern den Besuch der Einrichtung ermöglichen solle. Von diesen Problemen bekamen die Kinder, die am Donnerstag bereits in der Kita waren, nichts mit. Sie hatten vielmehr ihren Spaß. Schoch: „Die haben es genossen mit Gleichaltrigen zu spielen. Wir waren nur schmückendes Beiwerk.“ 

Auch die Tagespflege wird wieder aktiv

Nicht nur in den Kitas geht es langsam wieder rund. Auch die Tagespflege wird aktiv: Die Werdohler Tagesmutter Natalie Lel hat zwei zweijährige Kinder in ihrer Obhut, in der nächsten Woche kommt ein drittes Kind wieder dazu. 

Sie habe die Situation gut im Griff, sagt sie. Es sei schließlich eine kleine Gruppe und die Situation überschaubar. Die Hygieneregeln könnten eingehalten werden. Häufiges Händewaschen, individuelle Bring- und Abholzeiten für die Eltern – das funktioniere. Auf das Spielzeug müsse verstärkt geachtet werden. Häufiges Desinfizieren sei nötig. „Nicht einfach“ sei es mit den Abstandsregeln. „Die Kleinen verstehen das noch nicht“, sagt sie. Und natürlich müsse ein Kind in den Arm genommen und getröstet werden, wenn es sich weh getan habe. Und ein Mundschutz gehe gar nicht, da hätten die Kinder einfach Angst.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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