Christian Tasche entlarvt die Schwächen seiner Zuhörer

Die Zuhörer genossen den vernüglichen Abend, der aber auch ernste Momente zu bieten hatte.

NEUENRADE - Mehr als zwei Stunden mit Tatort-Darsteller Christian Tasche am Freitagabend in der Villa am Wall vergingen wie im Fluge. Der Schauspieler las literarische Werke und spielte dabei gekonnt auf der emotionalen Klaviatur. Dadurch brachte er sein Publikum immer wieder zum Lachen, entlarvte nebenbei aber allerlei menschliche Unzulänglichkeiten. Ernste Momente hatte die Verantstaltung derweil aber auch zu bieten.

Von Michael Koll

Der kurzweilige Abend stand unter dem Motto „Die Welt könnte so schön sein“. Die Titel-gebende Abhandlung von Florian Illies über typisch deutsche Eigenarten beim Thema Mülltrennung stand am Anfang der Lesung. Tasche brauchte nur wenige Augenblicke, um seine Zuhörer gefangen zu nehmen. Und die ließen das nur allzu gerne zu.

Das Publikum raunte, schmunzelte, stöhnte, schlug mit den Händen auf Schenkel und applaudierte befreit und losgelöst. Mit Hilfe der vom Schauspieler selbst zusammengestellten Texte hielt der prominente Gast der Veranstaltungsreihe des Schuppenteams vom Kulturverein Forum Neuenrade freundlich, aber keineswegs versteckt, den Lesungs-Besuchern einen Spiegel vor.

Tasche spitzte menschliche Eigenheiten zu und entlarvte damit ihre im Alltag oft nicht sichtbare Absurditäten. Dabei klang der Vortrag des Schauspielers mal süffisant, aber wohlwollend, dann wieder selbstironisch und schließlich satirisch-beißend, nie jedoch bloß albern.

Der gebürtige Altenaer verfügt über eine perfekte Lese-Stimme, mit welcher er die Texte pointiert und humoresk vortrug. Tasche jonglierte gekonnt mit unterschiedlichen Lautstärken, verschiedenen klanglichen Stimmungslagen, bewusst und geschickt gesetzten Pausen sowie diversen Redegeschwindigkeiten. Derart trug er Werke von unter anderem Hanns-Dieter Hüsch, Herbert Rosendorfer, Kurt Tucholsky und David Sedaris vor.

Der Film-Mime fesselte sein Publikum, leger auf dem Stuhl hockend, mit einem äußerst charakterstarken Organ. Vorurteile und Klischees entluden sich bei den Zuhörern alsbald in atemlosen Lachern. Ein Text Robert Gernhardts befasste sich etwa mit dem Umgang mit Menschen mit Handicap und dem so entstehenden Spannungsfeld zwischen krampfhafter Vermeidung von Diskriminierungen und dem Neid auf eine vermeintliche gesellschaftliche Sonderstellung Behinderter.

Nach einer Pause nutzte der Schauspieler die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer, um den Tatort-Verein „Straßen der Welt“ vorzustellen. Tasche berichtete von einer Reise auf die Phillipinen. Dort unterstütze der Verein Kinder, hole sie von der Straße oder aus Gefängnissen. 20 000 Mädchen und Jungen seien in dem Land inhaftiert. 100 000 lebten von ihrer Prostitution. Sextourismus, Hunger, Jugendarbeitslosigkeit und Drogenmissbrauch prägten das Leben auf den Phillipinen. Der Verein wolle betroffenen Kindern ein Zuhause geben und sie ausbilden.

Schließlich trug Tasche weitere literarische Werke vor. Es ging um Revolution, um naive Frauen, um gefährliche und um nervende Frauen. Der Prominente genoss den Abend und seine Lese-Aufgabe sicht- und hörbar. Mehrfach erkundigte er sich beim Publikum, ob es denn noch mehr hören wolle, ob es noch könne. „Wenn nicht, müssen Sie nur sagen: ‘Hör auf’“ – was aber keiner tat.

www.tatort-verein.org

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