Carbon – man gönnt sich ja sonst nichts

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„Sieben Bar bitte“. Stefan Prior vom TuS Neuenrade hilft dem Reifen dieser Teilnehmerin selbstverständlich mit Luft aus.

NEUENRADE - Die Sonne setzt den lediglich mit einem glänzenden Klarlack überzogenen Rahmen wie ein technisches Kunstwerk in Szene. Die Strukturen des kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffes – auch vereinfacht nur Carbon genannt – treten plastisch hervor. „Gut drei Kilo zu einem üblichen Rahmen gespart“, erklärt der Radsportler, der am Sonntag an der Radtouristikfahrt (RTF) des TuS Neuenrade teilnimmt.

Dabei handelt es sich keineswegs um Radsportprofis, die da die Schuhe für die Klick-Pedalen schnüren. Eine RTF zeichnet vielmehr die Tatsache aus, dass der Weg das Ziel ist. Hier wird nicht um Hunderstelsekunden gekämpft, kein Zielfoto geschossen.

Mehr als 400 Radsportler mit unterschiedlichen Ambitionen hatten sich zur Touristikfahrt mit Start und Ziel in Affeln angemeldet. Und obwohl viele einfach nur gerne Rad fahren, ist ein Hitech-Equipment, wie es vor Jahren nur den Topathleten vergönnt war, durchaus legitim. Auch wenn der ebenso teure wie leichte Carbon-Rahmen ein paar Kilogramm Gewicht einspart, ist es wahrscheinlich wie bei jedem Hobby: Man gönnt sich ja sonst nichts.

„Ich habe mir einen solchen Rahmen selbst zum Geburtstag geschenkt“, gibt der Athlet zu und ist gleichzeitig dankbar, dass er die Investition getätigt hat. Denn: Kürzlich machte er eine unliebsame Bekanntschaft mit einem Schlagloch in der Dimension eines Speisfasses. Zwei platte Reifen, eine ramponierte Felge, aber der Rahmen hat gehalten und den Fahrer im Sattel gelassen. „Einen Stahlrahmen hätte es wahrscheinlich zerlegt“, ist er überzeugt, während er genüsslich seinen Kuchen verspeist – so viel zum Thema Gewichtsersparnis.

Die Kohlefaser-Flitzer haben aber nicht nur Vorteile. „Sie reagieren empfindlicher auf Wind“, meint der Mann, der kürzlich auf der Insel Lanzarote trainiert und mit dem Wind auf der Kanareninsel zu kämpfen hatte.

Ganz anders ergeht es am Sonntag bei herrlichen Bedingungen zwei Bikern aus dem Münsterland. „Wir wären so gerne mal bei der Neuenrader RTF gestartet“, sagte das Paar, dem aber zuvor an der Borke der PKW seinen Dienst versagt hatte. „Bei der CTF sind wir schon mehrmals mitgefahren“, erklärten die Radsport-Fans, während sie auf den Abschleppwagen warten. „Dann halt im nächsten Jahr“, geben die Biker aus dem Münsterland die Hoffnung nicht auf.

Auf die Frage, was ein Radsportler vor dem Start checken müsse, fallen die Antworten einiger RTF-Teilnehmer einsilbig aus: außer dem Luftdruck eigentlich nichts. „Regelmäßige Pflege ist selbstverständlich“, gibt einer der RTF-Athleten aus dem Raum Ennepetal an. Manche drücken nur einen Fingernagel in den Reifen, andere schnippen an dem Gummi entlang und bestimmen den Luftdruck anhand des Klanges – angeblich. Mit einem Messgerät geht es aber auch. „Sieben Bar bitte“, sagt eine Frau; für Stefan Prior von der veranstaltenden Radsportabteilung des TuS Neuenrade kein Problem. Erste Hilfe ist unter Sportlern selbstverständlich.

Aber was kann man tun, wenn dem Pneu auf der Strecke die Luft ausgeht? Viele hätten gar keine klassische Luftpumpe mit einem langen Hub dabei, sagt der Ennepetaler Biker, der die Tour auf einem „Schätzchen“ antrat – auf einem Rad der Marke Rickert. Hugo Rickert machte sich nicht nur als Rennfahrer einen Namen, er betrieb auch eine Rahmenschmiede in Dortmund. „Entweder werden kleine Teleskop-Pumpen benutzt oder Druckluftkartuschen. Aber wenn die Kartuschen leer sind, war es das“, erklärt der Ennepetaler und schwört auf seine „richtige“ Pumpe.

Während die einen mit dem PKW und ihrem Sportgerät im Gepäck anreisen, nutzen andere die Anfahrt, um sich schon mal auf Betriebstemperatur zu bringen. „Wie weit ist es noch bis zum Start“, fragt eine dreiköpfige Gruppe, die am Sonntag aus Hagen ins beschauliche Affeln fährt. „Es ist nicht mehr weit“, schallt es von einem Passanten zurück.

Von Markus Jentzsch

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