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Bürgermeister wagt sich zu den Baumfreunden

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Von: Michael Koll

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Stadtoberhaupt Antonius Wiesemann stellte sich der teilweisen Wut der Bürger.
Stadtoberhaupt Antonius Wiesemann stellte sich der teilweisen Wut der Bürger. © Koll

Mehr als 20 Interessierte kamen am Samstag zur Infoveranstaltung der Baumfreunde-Gruppe an der ehemaligen Villa der Familie Puder. In unmittelbarer Nähe zur Burgschule sollen bekanntlich aufgrund eines Schul-Neubaus mehrere Bäume gefällt werden. Das stößt bei den Baumfreunden auf Unverständnis und sogar Wut. Als Bürgermeister Wiesemann (CDU) zu den Protestierenden kam, verhärteten sich die gegensätzlichen Positionen noch weiter.

Neuenrade - Zunächst hörten die Neuenrader Bürger, Burgschul-Anwohner und Vertreter der Ratsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, FWG und SPD dem Diplom-Ökologen Alfons Schmidt zu. Der Baum-Experte aus dem Olsberger Stadtteil Wulmeringhausen im Hochsauerlandkreis hat ein Gutachten erstellt über die laut derzeitigem Architekten-Plan von der Fällung bedrohten Bäume.

Der Garten der vormaligen Puder-Villa biete seiner Expertise nach nicht nur einen wertvollen Unterrichtsraum für die Grundschüler. Die Bäume böten zudem vielen Tieren – vom kleinen Käfer bis hin zur Fledermaus – Lebensraum. Und die Villa selbst, die nach einem Alternativ-Entwurf für einen Schul-Anbau abgerissen werden soll, „bietet den Bäumen einen Windschutz, auf den diese sich verlassen“, führt Schmidt aus.

Weiterhin gebe es zwar einige Bäume auf dem Areal, welche die Architekten stehen lassen wollten, doch sogar diese sieht der Diplom-Ökologe in Gefahr: „Da gehen die Baugeräte so nah ans empfindliche Wurzelwerk, dass dieses verletzt werden kann. Doch allein die Bewegungen der Bagger oberhalb des Bodens werden spätestens drei Monate danach erhebliche Schäden nach sich ziehen.“

Diplom-Ökologe Alfons Schmidt widersprach dem Bürgermeister in nahezu allen Punkten.	Fotos: Koll
Diplom-Ökologe Alfons Schmidt widersprach dem Bürgermeister in nahezu allen Punkten. Fotos: Koll © Koll

Letztlich würden die Klassenräume im Schul-Neubau nach Norden ausgerichtet. „Die Kinder sitzen folglich den gesamten Tag über im Dunkeln“, führt Schmidt aus. Der Experte zeigt auf die hochgewachsenen Bäume und ruft aus: „Das sind für mich Idealbilder eines Baums. Es ist mir unbegreiflich, wieso man sowas fällen will.“

Er habe mit Bürgermeister Wiesemann darüber gesprochen, doch dieser habe „als einziges Argument immer wieder vom pädagogischen Konzept der Schule gesprochen“, führte der Hochsauerländer aus. Thomas Wette, Fraktionssprecher der Neuenrader Sozialdemokraten, hakte an dieser Stelle ein: „Unsere Fraktion hat besagtes pädagogische Konzept vom Bürgermeister angefordert. Doch er hat uns geantwortet, dass es ein solches gar nicht gibt.“

Als der derart Gescholtene Augenblicke später auftauchte, sah er sich der Wut der Bürger gegenüber. Und wieder sprach Wiesemann vom pädagogischen Konzept der Burgschule. Er verwies auf „die Verhältnismäßigkeit des Ganzen“ und auf Ersatzpflanzungen von 35 Jahre alten Bäumen.

Als der Bürgermeister nach den Kosten solcher Ersatzpflanzungen gefragt wurde, antwortete er: „Zunächst einmal muss jetzt feststehen, welcher Baukörper wirklich errichtet werden soll.“ Das sei nicht seine Entscheidung, betonte er. Das entscheide am 26. April der Rat. „Und erst danach können die Architekten die Kosten ermitteln.“

Baum-Experte Schmidt widersprach ihm: „Allein ein einzelner Baum in solch einem Alter kostet mindestens 40 000 Euro. Da sind die Kosten für den Transport und die Einpflanzung noch gar nicht eingerechnet.“ Summa summarum könnte für das Burgschul-Areal von einer halben Million Euro gesprochen werden.

Bürgermeister Wiesemann wies diese Rechnung weit von sich, nannte diese Zahlen unrealistisch und wollte aber selbst weiterhin keine Berechnungen aufstellen.

Wohl aber warf er ein paar Euro in die aufgestellte Spendenbox für das von Schmidt vorgelegte Gutachten. „Ich weiß, wie viel Arbeit das ist“, sagte das Stadtoberhaupt und wurde prompt von Ulrich Naumann (Die Grünen) gelobt, weil er erschienen war und damit seine Kompromissbereitschaft zeige. Naumann zeigt sich aber verwundert, dass beim Bürgermeister-Schmerbeck-Platz eine breite Bürgerbeteiligung erfolgte, an dieser Stelle „aber gar nicht“.

Petra Rotthaus, eine Anwohnerin der Burgschule, wird emotional: „Da entsteht mit dem Schul-Neubau ein Betonklotz, der hier gar nicht reinpasst.“ Dann entschuldigte sie sich, wandte sich weinend ab und sagte: „Das nimmt mich alles so sehr mit, echt.“

Bürgermeister Wiesemann rief ihr hinterher: „Ich verstehe das. Es tut mir auch um jeden einzelnen Baum leid.“ Die Umstehenden lächelten. Ihre Blicke sahen aus, als glaubten sie ihm kein Wort.

Experte Alfons Schmidt war sich sowieso sicher: „Das Fällen dieser Bäume verstößt gegen die Neuenrader Baumschutzsatzung.“ Und er regte bei den Mitgliedern der anwesenden Oppostionsparteien an: „Es ist auch jetzt noch möglich, bei der Unteren Naturschutzbehörde des Märkischen Kreises zu beantragen, dass die Bäume als Naturdenkmäler eingestuft werden.“ Damit dürften sie dann gar nicht mehr gefällt werden.

Gutachter Schmidt umreißt die Dimension des Schadens, der seiner Auffassung nach entstehe: „Selbst 500 Ersatzpflanzungen reichen nicht aus, um solch einen Verlust aufzuwiegen.“

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