Kommunalwahl 2020

Bürgermeister-Kandidat Thomas Wette im Porträt

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Thomas Wette an dem großen Tisch auf seiner Terrasse im Grünen. Der Bürgermeisterkandidat ist gesellig, er mag Kultur und liebt gesellschaftspolitische Debatten.

Neuenrade – Töpfe mit üppigen Blumen und Tomatenstauden säumen den Holzboden. Oben am Balkon steht Schwiegermutter Ulla Dickehage und lässt einen Drahtkorb vom Balkon herab. Elke Dickehage-Wette packt den schwedischen Apfelkuchen hinein, der Korb wird flott nach oben gezogen. „Wir haben kurze Wege hier.“

Den Kuchen hat Thomas Wette am Abend zuvor selbst gebacken. Von der Terrasse aus blickt der Bürgermeisterkandidat der SPD ins Grüne, man ahnt die Hönne nur, die dort noch ein Rinnsal ist und sich hinter den Bäumen verbirgt. Das Gras ist hoch und unter einem üppigen Baum steht eine lebensgroße Pferdeskulptur. Thomas Wette hat sie einst ersteigert. 

Das Ambiente ist angenehm leger und die Wettes mögen es offenbar genau so. Auch den beiden Katzen geht es sichtlich gut. Basti und Pitzi schleichen nonchalant über den Holzboden. Thomas Wette hat die Terrasse selbst angelegt. Die große Terrasse, der großzügige Tisch und das Ambiente sind auch eindeutig auf mehr Leute eingerichtet als nur auf das Ehepaar Thomas und Elke Dickehage-Wette. „Wir laden gerne Leute ein. Meine Frau kocht sehr gerne, wir sind sehr gesellig,“ sagt Wette. Diskutieren über alle möglichen politisch-gesellschaftlichen Themen bei gutem Essen und Rotwein – das mache man eben sehr gerne im Hause Wette. 

Leben ist durchdrungen von Politik

Und überhaupt: Das Leben von Thomas Wette ist durchdrungen von Politik. Die Fahrt zur und von der Arbeit nach Hause wird natürlich mit Diskussions- und Politikradio verbracht. „WDR 4 höre ich nicht“, betont der 64-Jährige. Auch die Freizeit besteht aus eher intellektuellen Dingen. Gerne ist man in Berlin. „Wir haben einen guten politischen Draht dorthin“, sagt Wette. So macht das Ehepaar regelmäßig Urlaub dort. Ein Bundestagsmitglied überlässt den Wettes dann seine Wohnung. In der Hauptstadt gönnt sich das Ehepaar viel Kultur. Nicht alles macht der Kandidat mit seiner Frau gemeinsam. „Tanztheater ist nicht so meins“, sagt Wette, der doch eher Spaß an Kabarett hat. Ansonsten höre er Free-Jazz und man fahre auch ins Dortmunder Konzerthaus. Anregungen holen, sich inspirieren lassen, das macht das Paar gerne. Gleichwohl: In der Toskana-Fraktion ist Thomas Wette nicht – Urlaub macht er lieber in Sizilien oder auch Frankreich schon mal. 

Intellektuell sein, das kann Thomas Wette auch – aber er gehört nicht zu denen, die außer Studium plus lebenslangem Beruf nichts vom Leben gesehen haben. Wette ist auch Handwerker, sein Lebenslauf ist nicht Standard, sondern durchaus kompliziert. Er hat am Ende Karriere gemacht und ist nun Geschäftsführer des Salvador-Allende-Hauses, ein 35-Mann-Betrieb in Oer-Erkenschwick. Das ist ein großes Haus, das Seminare und Bildungsreisen anbietet. Es ist eine Bundes- und Landesbildungsstätte der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken. Die martialisch klingende Vereinigung kümmert sich um Ideale. „Völkerverständigung, Freiheit, Gleichheit und Solidarität sind Orientierungspunkte der eigenen Fortbildungen und Veranstaltungen des Hauses“, heißt es auf der Homepage der Einrichtung. In drei separaten Gebäudetrakten stehen insgesamt 67 Zimmer mit 212 Betten zur Verfügung. Wette hat also genug zu managen in diesem international ausgerichteten Haus. Und es bereite ihm Freude „zu erleben, wie Israelis und Palästinenser miteinander diskutieren“. 

Ein weiter Weg bis zum Geschäftsführerposten

Bis zum Geschäftsführerposten war es ein durchaus langer Weg. Seine Zeit als junger Mann verbrachte Wette in Kamen und Bönen, eine Region, die mit dem Ende des Kohlebergbaus zu kämpfen hatte. Wette erzählt von „fünfeinhalbtausend Arbeitsplätzen unter der Erde, die verloren gingen“ und dass sich die Stadt dennoch wieder bekrabbelt habe, weil sie einen Autobahnanschluss erhielt, den man vor allem dem Einsatz der damaligen SPD zu verdanken habe. Neue Industrien siedelten sich an. „Es ist jetzt ein schönes Städtchen geworden,“ sagt Wette. 

Es ist seine zweite Heimat. Wettes erste Heimat ist nun Neuenrade. Die Liebe sorgte dafür, dass er sich im Sauerland niederließ. Hier musste er allerdings erst ankommen: „Ich war zunächst der Schwiegersohn von Wilhelm, dann der Ehemann von Elke und schließlich der Thomas“, fasst er seinen Werdegang in Neuenrade zusammen. Die Hönnestadt nimmt einen eben in Anspruch: Man muss bei allem mitmachen, überall dabei sein – auch im Schützenverein. Er wurde gefragt, ob er sich engagieren wolle. Und Thomas Wette ließ sich nicht lange bitten, war auf der Bühne bei den Kompaniefesten. „Organisieren, Selbstorganisation, ich habe immer versucht Sachen zu machen.“ Politik, Freizeit und Arbeit – das lässt sich bei Wette nicht so leicht trennen. Wenn es um Freizeit geht, dann durchaus auch in Gemeinschaft. „Ich bin schon ein Vereinsmeier.“ Wette übernimmt gerne mal Funktionen oder sagt zumindest nicht nein, wenn er gefragt wird. 

Schon in der Jugendzeit Flugblätter verteilt

„Ich bin ein politischer Mensch, seit ich 16 bin“, verweist der heute 64-Jährige auf eine Episode aus seiner Jugendzeit: So hatte er einst Flugblätter verteilt mit dem Vorwurf, dass „der Bürgermeister lügen würde“. „Der hatte ein Jugendzentrum versprochen. Aber der Architekt wusste von nichts.“ Das habe Ärger gegeben. Doch sein Vater habe ihm den Rücken gestärkt. „Ich habe mich dort immer mit den Sozis gerieben“, blickt Thomas Wette zurück. 

Als Jugendlicher machte er zunächst eine Ausbildung als „Chemischer Reiniger und Färbergeselle“ und auf dem zweiten Bildungsweg Abitur. Und er entwickelte durchaus einen Plan: „Ich wollte in Italien studieren.“ Die entsprechenden Sprachprüfungen hatte er schon absolviert, bis ihn ein persönlicher Schicksalsschlag hinderte, in Italien weiterzumachen: „Meine Mutter starb und ich hatte noch eine kleine Schwester.“ Der junge Thomas Wette ging zurück. Er studierte eben hier: Volkswirtschaftslehre, Schwerpunkt EDV; lange habe er Programme geschrieben. Zusätzlich Politik und Philosophie. 1984 dann ein interessanter Punkt im Lebenslauf von Thomas Wette: „Wir wollten dicke Bretter bohren“, sagt er einleitend. Der Sozialdemokrat gründete mit Freunden eine Firma – die Brand- und Wasserschadensanierungs-GmbH. 1989 verkaufte er seine Anteile an dem immerhin 16 Angestellte zählenden Unternehmen. 

Dozent beim DGB in Lüdenscheid

Ein gutes Jahr habe er anschließend Zeit zur Orientierung gehabt und wurde Dozent beim Berufsfortbildungswerk des DGB. In Lüdenscheid dozierte er im kaufmännischen Bildungszentrum. Er machte dabei auch noch den Abschluss Industriefachwirt – das einem Niveau auf Meisterebene entspricht. Wette bildete Steuerfachgehilfen aus und bewegte sich auf der mittleren Managementebene. Es waren entscheidende Zeiten für ihn – vor allem in einer Hinsicht: Er lernte seine heutige Frau kennen. 

Wette war dann „im Bereich E-Learning tätig“ – und er war zufrieden mit seinem Leben: „So hätte es weitergehen können.“ Aber das Leben ist voller Überraschungen. Und so erhielt er eines morgens einen Anruf. Ob er sich vorstellen könne, Geschäftsführer eines Vereins zu werden. 

Die Bremer Stadtmusikanten zitiert

Wette fragte Partnerin Elke, was die davon halte. Seine Frau zitierte den bekannten Spruch der Bremer Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Wette erläutert, dass das ein Bonmot zwischen seiner Frau und ihm sei: „Den Umgang mit dem Ungewissen oder Neuen lehrt nicht nur die Aufklärungsphilosophie, sondern eben auch das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. „Wir hatten an diesem Satz immer unsere Freude“, sagt Wette. Kurz gesagt: Er bekam den Job als Geschäftsführer des Salvador-Allende-Hauses. 

Dass er das Risiko einging, traf durchaus auf Unverständnis bei anderen – einen unkündbaren Posten bei einem DGB-Ableger aufzugeben – das scheint für manche undenkbar. Als Geschäftsführer der Bildungsstätte hatte und hat Wette gut zu tun: „Wir haben das Haus einmal durchsaniert. Kosten gesenkt, es gibt eine Solaranlage. Man wirtschaftet nachhaltig.“ 

Nun in ruhigerem Fahrwasser

Das Arbeitsleben von Thomas Wette scheint nun in ruhigerem Fahrwasser zu sein. Er spricht von einer gewissen Gelassenheit: „Ich muss nichts mehr beweisen in meinem Job.“ Er setze dabei auf einen eher kooperativen Führungsstil. Man muss die Leute mitnehmen können. Man könne das nicht so machen wie der klassische mittelständische Firmenchef. Vor diesem Hintergrund würde er auch Veränderungen im Rathaus anders durchsetzen – zum Beispiel in Sachen E-Government. Die Wettes sind vielseitig interessiert und so waren sie unlängst mit der SPD-Landtagsabgeordneten Inge Blask in den Niederlanden, um sich anzuschauen, wie dort Verwaltung funktioniert. Thomas Wette kann sich gut vorstellen, dieses auch in Neuenrade umzusetzen, das Rathaus der Zukunft zu kreieren: „E-Government – ich hätte Spaß daran, so eine Verwaltung dahin mitzunehmen.“ 

Die digitale Neuorganisation der Verwaltungen ist dabei Pflicht – auch für deutsche Kommunen. Ein Thema, das auch bei Wettes privat diskutiert wird. Politik findet bei Diskussionen am Küchentisch im Hause Wette statt. So ist Elke Dickehage-Wette dem aufgeschlossen und findet es gut, was die Niederländer das in Venlo umgesetzt haben: „Die sind da aufgeweckter.“ Hierzulande habe man als Bürger in der Verwaltung manchmal das Gefühl, als Bittsteller aufzutreten. Das sei in den Niederlanden anders, die Verfahren seien transparenter. 

Angetan vom Konzept in den Niederlanden

Thomas Wette jedenfalls ist von den Niederlanden angetan: Alle beteiligten sich, alle auf dem Laufenden zu halten. So sei der Wandel in Venlo gelungen. Mehr Eigenverantwortung für die Mitarbeiter, Homeoffice ist jederzeit möglich, im Rathaus stehen Arbeitsplätze von 7 bis 23 Uhr zur Verfügung. Das Konzept komme gut an. Die Niederlande als gutes Beispiel – auch in Sachen Nachhaltigkeit. Das Ehepaar Wette hat dort einen Teppich aus alten PET-Flaschen bestellt. 

Der SPD-Bürgermeisterkandidat stellt sich auch die Frage, wie man „die Menschen dazu bekommt sich wieder an politischen Prozessen zu beteiligen“. Es gelte zu erreichen, dass man wieder miteinander rede. Brutalstes Beispiel für die Sprachlosigkeit sei sicher die USA. Da müsse man sich die Frage stellen: „Wollen wir so eine Gesellschaft haben?“ Es gelte neue Formen der Bürgerbeteiligung zu finden. 

2009 schon einmal angetreten

Mit den neuen Debattenlinien- und formen in den Sozialen Medien befasst sich Wette auch. Er nennt Tilo Jung mit dessen Format „Jung & Naiv“. Oder er liest Sascha Lobo und dessen aktuelles Werk „Realitätsschock“. Wette schaut auch gerne gesellschaftspolitische Science Fiction wie „Black Mirror“ auf Netflix. Thomas Wette bemängelt jedenfalls, dass es heutzutage keine ordentliche Debattenkultur mehr gebe. Nur „in ganz kleinem Kreise“ werde noch so diskutiert. 

Als Bürgermeister wolle er daran arbeiten, dass es zumindest in Neuenrade besser werde, dass alle bei Entscheidungsprozessen mitgenommen würden. Das ist zumindest sein Anspruch und seine Motivation für seine erneute Bürgermeisterkandidatur. Denn 2009 ist Wette schon mal angetreten. 18,45 Prozent holte er seinerzeit. Und danach habe man als Orts-SPD weiter gute Arbeit geleistet. Und so gab es durchaus eine Angst: „Wenn wir jetzt keinen Kandidaten aufgestellt hätten, wären wir Gefahr gelaufen, dass die Arbeit der vergangenen Jahre nicht gewürdigt worden wäre. Vieles ist nicht so recht rübergekommen. Gut war, dass wir auch die Doppelspitze hatten. Als die Bundespartei auf die Idee kam, hatten wir das schon.“ In der Hönnestadt teilen sich bekanntlich Thomas Wette und Ulrike Wolfinger den Fraktionschefposten. 

Als Bürgermeister auch Moderator sein

Nun hat der Kandidat seine Vorstellungen von einem Bürgermeisterdasein: Es gelte Moderator zu sein, so habe man bessere Möglichkeiten, auf andere zuzugehen und Kompromisse zu finden. Er will mehr unters Volk gehen, er will mehr Bürgerbeteiligung. So würde er im Fall der Fälle einen „Politikstil der Offenheit pflegen, bei der die Vorstellungen aller Parteien berücksichtigt werden“. Er würde sachkundige Hilfe anfordern, um bestmöglich entscheiden zu können. Er lässt durchblicken: Keine Hinterzimmerpolitik oder kompromisslose Mehrheitspolitik.

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