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„Wenn ich das täte, wäre ich ein Scharlatan“

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Von: Michael Koll

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Professor Armin Nassehi referierte vor rund 230 Interessierten im Hotel Kaisergarten.
Professor Armin Nassehi referierte vor rund 230 Interessierten im Hotel Kaisergarten. © KOLL

Der Gegenwartsanalytiker Professor Armin Nassehi wagt im Kaisergarten nicht den Blick in die Zukunft.

Neuenrade – Wie hat Corona unser Leben und unsere Gesellschaft verändert? Auf diese und weitere Fragen ging der Soziologe Professor Armin Nassehi am Donnerstagabend vor 230 Interessierten im Hotel Kaisergarten ein. Er wolle kein Rückblick auf die Pandemie-Jahre liefern, stellte allerdings auch klar: „Ich werde Ihnen nicht sagen, wie die Zukunft aussieht. Wenn ich das täte, wäre ich ein Scharlatan.“ Der Vortrag fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Volksbank trifft...“ vor geladenen Gästen statt. Nach der Corona-Pause und der Verabschiedung von Vorstandssprecher Karl-Michael Dommes im September 2022 war die erste Vortragsabend seit 2019.

„Wir Menschen vergessen“

Nassehi ist auch Gegenwartsanalytiker und blicke daher darauf, wie sich die Gesellschaft nun verändert habe. „Wir Menschen vergessen“, rief er sogleich aus. „Heute geben sich fast alle wieder die Hände“, stellte er fest. „Und an die Hongkong-Grippe, die zwischen 1968 und 1970 weltweit eine Million Tote verursachte, kann sich heute keiner mehr erinnern“.

Was früher wünschenswert war, ist heute ein Problem

Die Zukunft finde heute statt, erklärte der Soziologe. Er verdeutlichte: „Was wir uns früher als wünschenswert für die Zukunft vorgestellt haben, sehen wir heute als Problem an“. Als Beispiel nannte er anonyme Wohnblocks in Hochhäusern, einst als Sinnbild für Freiheit und als das Ende der Überwachung durch den Nachbarn gepriesen. „Und am Anfang haben die Menschen geglaubt, das Auto werde sich nicht durchsetzen – und zwar weil es zu wenig Fahrer geben würde“. Entscheidend sei der Wissensstand.

Der haken für Habeck

Der Referent machte die komplexe Konfliktlage deutlich am aktuellen Thema Klimawandel: „Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck stellt gerade fest, dass sein Heizungsprogramm, das eigentlich richtig ist, den Menschen nur schlecht vermittelt werden kann.“ Der Zielkonflikt zwischen Ukrainehilfe und steigenden Energiepreisen sei beispielsweise „nicht trivial“. Dabei sei es nicht einmal ein Dilemma, dass der Minister Kinderbuchautor sei, vielmehr scheiterten vermeintliche Experten in der Politik erfahrungsgemäß viel schneller. Nassehi verweist etwa auf den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Der Haken für Habeck sei vielmehr, „dass einerseits der Bürger zugleich auch mit ganz anderen Problemen umgehen muss und andererseits seine Partei bei all seinem Handeln noch wählbar bleiben soll“.

Zielkonflikte der komplexen Gesellschaft

Der Referent erinnerte an die „Agenda 2010“ des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, „die nicht so ganz falsch gewesen ist, allerdings die SPD für viele unwählbar gemacht hat“. Und so habe es in der Pandemie auch Fehler gegeben, die Politik und Gesundheitsexperten allerdings erst heute als solche erkennen würden. In einer komplexen Gesellschaft, wie sie heute gegeben sei, „müssen Unternehmensmanager, Politiker und Wissenschaftler Übersetzer zwischen Zielkonflikten sein“. Das bedeute, „sie müssen in der Lage sein, die Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten“.

Digitaler Wandel

Nassehi ging über zum Thema digitaler Wandel und stellte fest: „Digitalisierung bedeutet, dass wir die gesellschaftliche Entwicklung auf Mustererkennung abstellen“. Genau das aber „haben Menschen schon längst vor der Erfindung des Computers getan“, zog der Fachmann einer modernen Sichtweise der Welt den Zahn. Und so kam er zum nächsten Aspekt seiner Ausführungen: „Wir Deutschen gehen mit Datenschutz extremistisch um.“ Er betonte: „Dabei ist die entscheidende Frage doch, ob wir mit unseren Daten produktiv oder destruktiv umgehen.“ Schon heute könnte eine Vernetzung aller Krankenkassen etwa die Zahl aller Krebstoten um 15 Prozent senken.

Fragen aus dem Publikum

Im Anschluss an seinen Vortrag, beantwortete der Professor noch einige Fragen aus dem Publikum. So führte er aus: „Der Fachkräftemangel ist in der Großstadt nicht weniger drastisch als in ländlichen Regionen.“ Nassehi ging sogar noch weiter: „Vielmehr hat das Land sogar Vorteile, weil dort das Wohnen noch bezahlbar und langfristig – etwa in Hinblick auf das Aufwachsen der Kinder – atttraktiver als die Stadt“.

Professor Armin Nassehi referierte vor rund 230 Interessierten im Hotel Kaisergarten.
Professor Armin Nassehi referierte vor rund 230 Interessierten im Hotel Kaisergarten. © KOLL

Zur Person

Prof. Dr. Armin Nassehi ist Soziologe und Gegenwartsanalytiker an der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität. Er stammt ursprünglich aus NRW, machte in Gelsenkirchen Abitur und studierte an der Hagener Fernuniversität sowie in Münster. Er war Mitglied des Corona-Expertenrates des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet und gehört zum Gremium der Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. Nassehis Vater stammt aus dem Iran, seine Mutter war eine katholische Schwäbin.

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