Bio-Produkte als Marktlücke in Neuenrade

+
Margot und Waldemar Kuschmiersz betreiben das Geschäft Gaumenreiz an der Ersten Straße in Neuenrade. Die Inhaber setzen auf Bio-Produkte aus der Region.

Neuenrade - Es hat sich etwas verändert. Oder besser gesagt, die Einstellung vieler Menschen zu dem, was sie essen und trinken hat sich verändert.

Und so beantworten Margot und Waldemar Kuschmiersz, die Inhaber des Spezialitätenhauses Gaumenreiz an der Ersten Straße, geduldig alle Fragen der Kundschaft. 

Quer durch alle Altersschichten fragen die Menschen, die in das Geschäft kommen. Besonders häufig seien jüngere Leute darunter, die gerne möglichst alles zu den Lebensmitteln wissen wollten. „Die fragen mir Löcher in den Bauch“, sagt Margot Kuschmiersz. „Die wollen sich bewusst und gesund ernähren.“ 

Tierwohl spielt eine Rolle

Das Tierwohl spielt laut Kuschmiersz genauso eine Rolle wie die Zucht- und Verarbeitungsmethoden. Für manche sei wichtig, dass das Kälbchen bei der Mutter bleibe, und dass der Kuh nicht die Hörner geschnitten würden. „Andere finden es gut, dass die Schweine frei herumlaufen und ein ordentliches Leben haben.“ 

Waldemar Kuschmiersz und seine Frau schauen sich genau an, woher sie ihre Ware beziehen. So die freilaufenden Schweine, deren Fleisch später im Gaumenreiz verkauft wird. Oder besondere Gewächshäuser „mit umherfliegenden dicken Hummeln“ und einem Sprühsystem, das Schädlinge schadstofffrei von den Pflanzen spült. 

Arbeitstag beginnt um 2.30 Uhr

Dabei sei noch nicht einmal leicht, bei jemandem als Abnehmer von Bioprodukten gelistet zu werden. „So muss man sich selbst beim Biobrot bemühen, dass man es überhaupt verkaufen darf“, erzählt Margot Kuschmiersz. 

Die Gaumenreiz-Betreiber kommen viel herum und haben einen mehr als ausgefüllten Arbeitstag. Sie stehen meist um 2.30 Uhr in der Frühe auf, um das frische Brot bei ihrem Biobäcker Backdat in Dortmund abzuholen und um nächtens die Tomaten aus Werl entgegenzunehmen. 

Regionale Produkte

Welche Produktlinien sie führen, ist schon erstaunlich, die Liste lang: Regionale Bioprodukte, das bedeutet Obst, Gemüse, Milch und Molkereiprodukte, Müsli, Wurst und Käse. Auch Essen für Veganer und Vegetarier hat Familie Kuschmiersz. Räucherfisch gibt es ebenfalls. Forellen, Aale und Seefische kommen aus einem Betrieb in Wickede. Kartoffeln aus Fröndenberg, Freiland-Eier aus Valbert. Sogar Bio-Kosmetik, Zahncreme, Shampoo und Seife haben sie im Regal stehen. „Für diese Produkte kommen Kunden gezielt zu uns“, sagt Margot Kuschmiersz. 

Nicht alles im Laden an der Ersten Straße ist Bio – aber immer anders als anderswo: Ausgefallene Biersorten einer Rügener Brauerei, die Champagnerbier herstellt. Sogar Niggenroder Bier, das von der Soester Zwiebelbrauerei gebraut wird, haben sie im Programm. Bier besorgen die Gaumenreiz-Betreiber auch aus Detmold von Familie Strate. „Drei Damen machen das dort. Wir haben persönlichen Kontakt. Sogar unser Hund und der Hund von Strates sind bestens befreundet“, sagt Waldemar Kuschmiersz augenzwinkernd. 

Bio-Weine und hochwertige Kaffeesorten

Spirituosen, Essig, Öle, diverse Essigsorten, Weine (darunter auch Bio-Weine) und hochwertige Kaffeesorten führt das Ehepaar im Gaumenreiz. So setzen sie auf kleine Händler und Produzenten, aber auch den gut sortierten Bio-Großhandel. Und überhaupt: „Bio gibt es nicht viel in der Gegend. Wir haben viele Kunden, die vorher nach Lüdenscheid, Iserlohn oder Menden fahren mussten. Wir haben das gleiche Sortiment, wir haben die gleichen Preise. Das ist unsere Marktlücke hier in Neuenrade“, so Waldemar Kuschmiersz. 

Gaumenreiz bietet auch einen Lieferservice in die umliegenden Städte an. Ohne dieses Angebot könne man einen solchen Laden heutzutage nicht mehr führen. So hat Waldemar Kuschmiersz manche Tour nach Wiblingwerde oder Hohenlimburg. Allein in diesen beiden Kommunen hat er rund 150 bis 160 Kunden. 

Glaubwürdigkeit als Kapital

Zu wissen, was und wie Bio-Produkte hergestellt werden, die Philosophie, sich als Mittelständler untereinander zu helfen, das ist für Familie Kuschmiersz durchaus gesellschaftspolitisches Handeln. So kaufen sie Nudeln bei der bayrischen Familie Mühlbacher oder Honig von der Imkerei Tietjen aus Niedersachsen. „Wir sind Mittelständler, das sind Mittelständler, das ist eine Ebene“, erzählen sie. 

Für Margot und Waldemar Kuschmiersz ist dieses Miteinander die Basis ihres Geschäfts: „Schließlich ist unser Kapital die Glaubwürdigkeit. Deshalb schauen wir bei den Produkten genau hin, weil auch unsere Kunden genau hinschauen. Wir machen kein Geheimnis aus den Adressen unserer Anbieter, es muss transparent sein“, sagt Margot Kuschmiersz. 

Geschäft ist eine „Mordsarbeit“

Sie und ihr Mann hören auch genau hin, was die Kunden wollen, holen sich so manche Anregung. Auf Wunsch helfen sie auch, besorgen spezielle Produkte, die sich noch nicht im Sortiment befinden. So fanden sie eine spezielle italienische Brühe, die eine Kundin unbedingt haben wollte. „Wir bemühen uns“, sagt Margot Kuschmiersz. 

Doch all das ist auch „eine Mordsarbeit“. Und allein von dem Geschäft könnte die Familie dennoch nicht überleben. Das Ausliefern gehört deshalb dazu. Zwölf Jahre ist das Ehepaar mittlerweile im Einzelhandel tätig. 

Die Waren, mit denen sie einst anfingen, spielen inzwischen keine große Rolle mehr. So ist das Schmuckangebot deutlich reduziert. Den Service, Uhrenbatterien zu wechseln, gibt es aber noch. Auch Tischwäsche ist im Geschäft an der Ersten Straße in Neuenrade weiterhin zu haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare