Besuch in der Jagdschule Sauerland

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Monique Kray auf dem Schießstand. - Foto: privat

Neuenrade - Die Jagd ist längst keine Männer-Domäne mehr – das zeigt ein Besuch in der Jagdschule Sauerland, auf dem ländlich-idyllisch gelegenen Gut Ruckeljahn am Rande Neuenrades. In der gemütlichen Gutsküche erzählen Thea Kratzenberg (29), Ehefrau und Assistentin des Jagdschulinhabers und Revierjagdmeisters Jens Kratzenberg, sowie die Jagdschülerin Monique Kray (32) vom Alltag in der Jagdschule und von ihren Erlebnissen im Wald.

Von Kristina Köller

Die Jägerinnen Thea Kratzenberg (links) und Monique Kray erzählen in der gemütlichen Guts-Küche über die Jagd.

Für beide gehört die Jagd ganz selbstverständlich zum Leben. „Meine Familie geht in fünfter Generation zur Jagd“, erzählt Kratzenberg, „ich bin von kleinauf mitgenommen worden und damit groß geworden“, sagt sie. Ihr Vater züchtet Jagdhunde und schon im Alter von 12 Jahren habe Kratzenberg angefangen, den Hunden den Grundgehorsam zu lehren. Mit 15 habe sie einen Jagdschein machen wollen, das aber vorerst verschieben müssen, weil ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin und später zur Tierphysiotherapeutin/Fachbereich Hunde viel Zeit in Anspruch nahm. Mit 19 Jahren habe sie dann einen neunmonatigen Kurs absolviert – immer zwei Abende in der Woche Theorieunterricht gehabt und an den Samstagen den praktischen Teil in Angriff genommen. Dazu gehörten Fahrten zum Präparator, in den Wildpark und zum Schießstand. Etliche Lernabende standen ebenso auf dem Plan.

Thea Kratzenberg zwischen verschiedenen präparierten Tieren. Die Wildtierkunde ist ein elementarer Bestandteil der Ausbildung.

Monique Kray schafft es neben ihrer Arbeit als Personalfachfrau mit diversen momentanen Fortbildungen nur am Wochenende, sich dem Jagdschein zu widmen. Von einem Hobby könne dennoch schon länger die Rede sein, da ihr Mann ein eigenes Jagdrevier hat und täglich im Wald unterwegs ist. „Ich gehe schon seit Jahren mit. Ich schieße natürlich nicht selbst, aber helfe beim Hochsitzbau, bei der Planung von Naturschutzprojekten – wie zum Beispiel bei der Anlage einer Streuobstwiese –, eben bei allem, was im Jagdgebiet an Arbeit anfällt.“

Ihr Interesse an der Jagd sei so ausgeprägt, dass sie jetzt die Gelegenheit ergriffen habe, ihre eigene Jagdausbildung zu machen. Der Wochenend-Kurs an der Jagdschule in Neuenrade sei da passend, sagt die Morsbacherin, die dafür zum Ende der Woche den Weg ins Sauerland findet. An sechs aufeinanderfolgenden Wochenenden wird theoretisch und praktisch alles vermittelt, was ein Jäger braucht – und wer mag, kann auf dem Gut Ruckeljahn übernachten.

Früher, so berichtet Thea Kratzenberg, erfolgte die Ausbildung zum Jäger über Monate. Wegen Zeitmangels entscheiden sich heutzutage viele Jagdscheinanwärter für eine kompakte Ausbildung. Und am Ende des Lehrgangs steht die Jägerprüfung – und die verlangt den Jungjägern einiges ab. „Da muss man gut vorbereitet sein!“, sagt Kray.

Im schriftlichen Part müssen hundert Fragen aus fünf verschiedenen Themenbereichen durch Ankreuzen beantwortet werden. „Wildtierkunde“, „Jagdbetrieb und Hundewesen“, „Wildhege und Naturschutz“, „Jagdrecht“ und „Waffenkunde“ sind die Fächer. Die mündlich-praktische Prüfung wird vor einer staatlichen Jägerprüfungskommission abgelegt. Und auch eine ausführliche Schießprüfung ist natürlich für jeden Jagdschüler Pflicht: Tontauben sowie eine stehende Rehbockscheibe und ein mit verschiedenenen Ringen gekennzeichneter laufender Keiler sind die Ziele, die auf das spätere Jagdhandwerk vorbereiten.

Wie es ist, auf ein Tier zu schießen, kann bis dato nur Thea Kratzenberg erzählen, da Monique Kray diese Erfahrung erst selbst machen wird, wenn sie die Prüfung bestanden hat. „Ich bin ganz konzentriert und mache mir viele Gedanken, bevor ich auf ein Tier schieße“, erzählt Kratzenberg. „In welchem Zustand ist das Tier? Ist es krank und muss erlöst werden? Hat es vielleicht Junge und darf auf keinen Fall erlegt werden? Man muss lange beobachten und sehr aufmerksam sein, man ist enorm leise und atmet anders.“ Kratzenberg schießt nur – und das werde an jeden einzelnen Jagdschüler so weitergegeben – wenn sie sich absolut sicher ist, dass es richtig ist, und sie genau weiß, dass sie das Tier an richtiger Stelle treffen wird.

Kray ergänzt: „Und das ist eine ganz natürliche Sache. Wenn man ein Tier geschossen hat, bricht man es natürlich sofort auf.“ Das heißt, dass an einem zentralen Platz – zum Beispiel auf einem Forstbetriebshof – die Organe entnommen und auf gesundheitlich bedenkliche Merkmale untersucht werden, wie es die gesetzliche Hygiene in Deutschland fordert. Schließlich sei Wildfleisch ein Lebensmittel, erzählen die Frauen, und müsse für den menschlichen Verzehr unbedenklich sein. Auch das ist Lehrinhalt bei der Jagdausbildung: Wie wird etwa ein Wildkaninchen, eine Stockente oder ein Reh aufgebrochen und zerwirkt?

„Viele stellen sich das sehr blutig vor“, sagt Thea Kratzenberg, doch das sei es gar nicht, und vor allem nicht eklig, da das Tier dann noch ganz frisch sei. „Vom Wild kommt auf jeden Fall das Fleisch, das man mit ruhigem Gewissen essen kann, da das Wild nicht leidet und nicht wie viele Schlachttiere unter unwürdigen Bedingungen gehalten wird“, findet Kratzenberg. Und ein Jäger schieße längst nicht jedes Mal, wenn er im Revier unterwegs ist. Es gehöre viel Beobachtung und Revierpflege – Naturschutz – dazu. Davon erzählt auch Monique Kray: „Zu den täglichen Aufgaben gehört es auch, das Revier sauber zu halten, es von Ästen zu befreien, Äsungsflächen anzulegen und die Schlammbäder für die Wildschweine sauber zu halten.“

Bei all dem seien Frauen allgegenwärtig, packten mit an, seien aus voller Überzeugung Jägerinnen. „Für Männer ist das mittlerweile auch ganz normal“, weiß Kratzenberg, und Kray sagt: „Ich habe in dem Zusammenhang auch schon viele Frauen getroffen und ich habe bisher nie irgendwelche negativen Reaktionen auf meine Passion erfahren. Zum Beispiel auch meine Arbeitskollegen würden nie etwas Abfälliges sagen.“

Die Jagdschule Sauerland wird von Jens Kratzenberg betrieben. Der Revierjagdmeister hat eine dreijährige Ausbildung zum Facharbeiter Revierjäger (Berufsjäger) absolviert und später eine zweijährige Meisterschule besucht. Heute gibt er das erlangte Wissen an seine Jagdschüler weiter – zusammen mit einem Dozententeam für die Bereiche Wildschutz/Wildhege, Waffenkunde, Waffenrecht sowie jagdliche Praxis und Wald- und Landbau. Eine Jagdausbildung, die in verschiedenen Kursmodellen absolviert werden kann, kostet zwischen 2000 und 3000 Euro – Bücher, Lehrmaterial, Schießstand- und Prüfungsgebühren sowie Munition sind eingerechnet. Jens Kratzenberg sagt: „Wir vermitteln eine Mischung aus Jungjäger-, Jagdaufseher-, und Berufsjägerwissen. Die Hege zu erlernen ist ein ewiger Prozess, draußen in der Natur, jeden Tag aufs Neue.“

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