Neuenrader zu Arrest verurteilt

Berufung: Sieben warten auf einen Angeklagten

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Neuenrade/Hagen – „Kost’ ja nix“, dachte sich offenbar ein Neuenrader (23), und so legte er im März Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts Altena ein.

Kurz zuvor hatte ihn ein Jugendschöffengericht wegen mehrerer Straftaten zu einem Dauerarrest von vier Wochen verurteilt. 

So machte sich Rechtsanwalt Ulrich Schorner vier Monate später auf den Weg ins Landgericht Hagen, kehrte wegen eines technischen Defekts seines Autos zurück nach Neuenrade und fuhr mit einem anderen Fahrzeug erneut Richtung Hagen. Dort warteten zwei Richter, zwei Schöffen, eine Staatsanwältin, ein Protokollführer und eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe auf den Angeklagten, der nicht erschien. 

Auch der Verteidiger ist überrascht

„Ich bin überrascht, dass er nicht hier ist“, wunderte sich der Verteidiger. „Es war der Wunsch des Angeklagten, dass man den Termin wahrnimmt.“ Immerhin hatte der Anwalt einen klaren Auftrag von seinem Mandanten: Diesem gehe es nicht um ein erneutes Infragestellen der Tatsachenfeststellungen der ersten Instanz, sondern um das Strafmaß – speziell die „Vermeidung des Jugendarrests“. 

Mit dessen Länge war der Angeklagte indes recht gut bedient gewesen nach einem Streit über den drahtlosen Zugang zum Internet, in dessen Verlauf er einem Freund seines Vaters einen Faustschlag versetzt hatte. Weitere Straftaten waren hinzugekommen: Vor allem neun gewerbsmäßige Betrügereien über das Internet – vorzugsweise mit angeblich hochwertigen, aber nicht gelieferten Smartphones. Schmerzhafte Verluste für die Geschädigten waren die Folge. 

Vater des Angeklagten bemüht sich um Wiedergutmachung

Im Amtsgericht war berichtet worden, dass sich der Vater des Angeklagten um eine Wiedergutmachung der angerichteten Schäden bemühe. Der Besitz einer kleinen Menge Marihuana und der Anbau von zwei Hanfpflanzen, die die Polizei bei einer Durchsuchung beim Angeklagten gefunden hatte, fielen demgegenüber nicht mehr so sehr ins Gewicht. 

Ohne den Angeklagten konnte die Berufungskammer nicht verhandeln. Die einsame Anwesenheit des Verteidigers bot stark eingeschränkte Möglichkeiten. Dazu gehörte aber keine Abänderung des Strafmaßes. Das Jugendgerichtsgesetz sieht die Beschränkung einer Berufung auf den sogenannten „Rechtsfolgenausspruch“, also das Strafmaß, nicht vor. 

Verteidiger nimmt Berufung zurück

Entsprechend belehrt nahm der Verteidiger die Berufung zurück. Die Beteiligten waren sich allerdings insgeheim einig, dass das Urteil des Amtsgerichts bereits ein Vorschlag zur Güte gewesen war. Längere Jugendarreste werden tatsächlich eher selten verhängt. 

Allerdings hatte sich der Angeklagte zuvor in keiner Weise kooperativ gezeigt. Es sei traurig, „wenn man einen jungen Menschen nicht mehr erreicht“, hatte der Staatsanwalt im Amtsgericht den Bericht der Jugendgerichtshilfe kommentiert.

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