Auslandsjahr auf Bauernhof in Estland: Kälte, harte Arbeit und Natur

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Auf dem Hof Naatsaku Noortetalu nahe Viljandi im Süden Estlands absolviert Wanja Zemke derzeit seinen Freiwilligen-Dienst. Auf dem Bauernhof sind gefährdete und verhaltensauffällige Jugendliche untergebracht.

Neuenrade - Wanja Zemke verbringt nach seinem Abitur an der Neuenrader Waldorfschule ein Jahr als freiwilliger Helfer auf einem traditionellen Bauernhof im Süden von Estland bei der Familie von Schwanenflügel.

Über sein Leben und die Arbeit dort sowie die Unterschiede zu Deutschland, berichtet Zemke in loser Reihenfolge in unserer Zeitung. 

„Kurz nach meinem letzen Bericht Ende November haben wir hier auf dem Hof gemeinsam die Wege aufbereitet. Dabei durfte ich viel mit dem Traktor fahren, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. In dieser Zeit wurden auch die letzten Vorbereitungen für den Winter getroffen“, berichtet Zemke aus Estland. 

Aus Äpfeln 100 Liter Saft hergestellt 

Der Vorratskeller wurde mit Heu gegen die Kälte isoliert, viele Äpfel wurden eingelagert und noch mehr mit einer selbst gebauten Presse zu rund 100 Litern Saft verarbeitet. Auch die Zäune der Sommerweiden wurden abgebaut und die Winderweiden vorbereitet. Auch Reparaturarbeiten an einem Unterstand standen auf dem Plan. Und selbstverständlich wurden Gräben gebuddelt und Bäume entastet“, schreibt Zemke. Die Gräben dienen der Entwässerung des Waldes, denn im Süden Estlands stehen vorwiegend Fichten, die „nasse Füße“ nicht gerne mögen. 

„Mein persönlicher Favorit unter den Arbeiten war jedoch das Ausheben eines dreieinhalb Meter tiefen Plumsklo-Lochs, welches ich zusammen mit der Freiwilligen Hanah, die ebenfalls auf dem Hof lebt, mit der Hand ausgehoben habe“, erinnert sich der Neuenrader. 

Katharina-Tag: Haus wird gesegnet 

Zemke war im Winter auch dabei, als in Estland Ende November der Katharina-Tag gefeiert wurde. Nach der Landestradition der Esten kommen Gruppen von Kindern auf den Hof, um das Haus und damit auch die nächste Ernte zu segnen, indem sie Getreidekörner im Wohnzimmer verstreuen. „Die Tradition besagt, dass eben jene Körner nun für ein Jahr aufbewahrt werden müssen, sonst besteht die Gefahr eine schlechte Ernte einzufahren“, erklärt Zemke. 

Auf der großen Hofanlage fallen für die Freiwilligen um Wanja Zemke häufig Arbeiten an.

In der Adventszeit erlebte Zemke mit, wie Ziegen geschlachtet wurden. „Das war eine aufregende Sache. Ich habe erstmals mit eigenen Augen gesehen, was eigentlich hinter unserem Fleischkonsum steckt“, schreibt Zemke. Aus dem Fleisch der Tiere wird auf dem Hof Wurst gemacht. „Da wir allerdings keine eigene Räucherkammer haben, wurde das Fleisch zum Schlachter gebracht und dort zu Wurst verarbeitet“, so Zemke weiter. 

Schneefall in der Adventszeit 

Weihnachten feierte Zemke mit der Familie von Schwanenflügel. „Bei der Vorbereitung kam bei mir richtige Weihnachtsstimmung auf, die durch Schneefall in der Adventszeit noch verstärkt worden ist“, erinnert sich Zemke. Als der Neuenrader nach einem kurzen Heimaturlaub über Silvester zurück in Estland war, war die Temperatur noch einmal deutlich gefallen. „Die Nächte waren extrem kalt und klar. So konnte ich einen Sternenhimmel sehen, den ich in dieser Form aus Deutschland nicht kannte, was an der geringeren Lichtverschmutzung in Estland liegt“, schreibt Zemke. 

Mit dem Frühjahr hat für den Freiwilligen auch die Arbeit wieder richtig begonnen, denn eine große Fläche mit Ulmen, Fichten, Eichen und Birken sollte gerodet werden. „Die Arbeit ist anstrengend, aber wenn wir alle im Wald schaffen, fallen die Bäume im Minutentakt – so war ein beeindruckender Arbeitsfortschritt zu erkennen“, erinnert sich Zemke. 

20 Kilometer bis zur nächsten Stadt 

Nach den ersten Monaten in Estland hat der Neuenrader mittlerweile Kontakt zu anderen Freiwilligen und heimischen Jugendlichen. „Treffen zu koordinieren, ist jedoch meist schwierig, denn die nächsten 20 Kilometer zur nächsten Stadt ohne Auto zurückzulegen, ist nicht gerade einfach, weil wir hier doch sehr abgelegen leben“, berichtet Zemke. Weil in Estland Samstage zudem als halbe Arbeitstage gelten, fällt auch der Zeitraum für Wochenendtrips nicht wirklich lang aus. 

In Absprache mit der Hoffamilie von Schwanenflügel klappe es jedoch hin und wieder, Freizeit in der nächsten Stadt verbringen zu können. Dabei kann sich Zemke häufig auf Deutsch unterhalten. „Denn interessanterweise gibt es in Estland viele Freiwillige, die aus Deutschland kommen“, schreibt Zemke abschließend.

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