Aus dem Arbeitsleben des Obergerichtsvollziehers

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Den Dienstausweis hat er immer dabei. ▪

NEUENRADE ▪ Ulrich Töpel kommt ungelegen – meistens. Er sucht Geschäfte auf, Kneipen, Firmen, ist in Mehrfamilienhäusern genauso ungebetener Gast wie in frisch gebauten Häusern der Neubaugebiete. Viele kennen ihn, viele wollen ihn nicht kennen, manche haben ein augenzwinkerndes Verhältnis aber immer haben sie ein besonderes zu ihm. Töpel ist Obergerichtsvollzieher.

Er ist der Mann mit dem Kuckuck, wenn er kommt, will er Geld. Lange Jahre ist er im Geschäft. Er kennt die Armen und er kennt die Trickser.

So steht er in diesen Tagen an der Neuenrader Kreuzung und der erste ehemalige Kunde fährt im dicken Geländewagen vorbei, schaut verschämt-grinsend zur Seite. Auf dem Trottoir begrüßt ihn eine Frau: „Herr Töpel, sie wollen doch hoffentlich nicht zu mir...? Will er nicht - Töpel grüßt freundlich und steuert das nächste Mehrfamilienhaus an, drückt die Klingel seines Kunden, der nicht aufmacht. Doch Töpel geht einfach durch die Hoftür und ist schon im vergammelten Treppenhaus. Ganz oben unterm Dach logiert der Schuldner - ein gestandener Mann, er ist noch etwas derangiert um 10 Uhr. Töpel sitzt schnell im Sofa, erledigt den Formalkram. Pfänden soll er eine Forderung der Landeskasse Düsseldorf für einen Polizeieinsatz wegen Ruhestörung. „Ich hatte da mal die Musik etwas lauter“, sagt der Mann. Doch er, der vor fünf Jahren noch mitten im Leben und lange in Lohn und Brot war, ist nun auf Hartz IV. Mit 210 Euro monatlich bestreitet er seinen Lebensunterhalt und kann – natürlich – nicht bezahlen. Töpel tut seine Pflicht, schaut mal in die eine oder andere Schublade, nichts Pfändbares ist in Sicht. Töpel füllt ein Formular aus. Der Mann hat seine eidesstattliche Versicherung schon längst geleistet.

So manche amüsant-skurrile Geschichte rund um die Pfändung kann Töpel berichten: So sah er einmal bei einem Kunden beim Hinausgehen aus den Augenwinkeln einen 500-Mark-Schein aus einem Versteck ragen. Flugs hatte Töpel das Scheinchen in der Hand, der Noch-Besitzer des 500-ers wird aggressiv, Töpel wehrt mit Aktentasche den Stich mit dem Schraubenzieher ab. Am Ende obsiegt der sportliche Gerichtsvollzieher doch noch - wenn auch arg lädiert.

Es gab auch den Bestechungsversuch des Neuenraders der in Osnabrück ein Bordell besaß. Töpel erinnert sich: „Richtige Summen hab ich bei dem jeden Monat kassiert“. Da habe ihm der Mann eine monatliche Rente angeboten, dass er ihn nur in Ruhe lasse... .

Solche Geschichten sind nicht die Regel. Die Wirklichkeit ist oft ernüchternd, erscheint ungerecht: Da ist die junge Frau mit dem kranken Kind, die unter anderem für die Handy-Schulden ihres Ex-Mannes blechen muss. Unterhalt zahlt er nicht. Sie will unbedingt den Offenbarungseid vermeiden, um den guten Ruf zu behalten. Irgendwie hat sie 200 Euro aufgetrieben und stottert die Schuld, darunter Gerichtskosten der Unterhaltsklage, nun ab. Die beiden Hunderter legt sie wie Fremdkörper auf den Tisch. Töpel kassiert und man merkt ihm an, er zollt dieser Schuldnerin seinen Respekt.

Und was die Menschen alles nicht bezahlen: Rechnungen von Rechtsanwälten, Ärzten, Tierärzten, von Bertelsmann, Telekom, Sky, Provinzial, Gema, die Miete oder auch die Leasingraten für den „dicken, völlig fürs Einkommen überdimensionierten Audi“ . Es gibt auch welche, welche die Rechnung für die 20 000 Euro teure Hochzeit nicht bezahlen.

Töpel klingelt an der nächsten Haustür in der Innenstadt - niemand macht auf, er hinterlässt eine Botschaft, wohl wissend, dass sie ignoriert wird. Denn tatsächlich gibt es auch Menschen, die wohl bewusst nicht bezahlen und mit dem Gerichtsvollzieher kalkulieren. Erst wenn es gar nicht mehr geht, laufen sie zum heimlichen Depot (meist bei befreundeten Familien oder der Verwandtschaft) und legen dann das Geld doch noch auf den Tisch.

Der Gerichtsvollzieher hilft den Schuldnern durchaus auch, wenn sie sich denn helfen lassen: „Ich hab so manchen schuldenfrei bekommen“, sagt er und pocht auf stringente Ratenzahlung.

Wichtige Voraussetzung für seine Arbeit ist auch die Kooperation mit anderen Ämtern. Töpel lobt hier die kommunalen Ämter von Altena und Neuenrade, das Amtsgericht Altena und die Polizei. „Die sind hilfsbereit und kooperativ“.

Ulrich Töpel ist auch Beichtvater, Zuhörer und Helfer. Und dabei bekommt er ganz schlimme Schicksale zu sehen und zu hören. „Ich bleibe sitzen und höre zu. Die Zeit nehme ich mir dann“. Das ist nur eine der traurigen Seiten dieser Profession, die Ulrich Töpel ertragen muss.

Und manchmal gibt es so richtig 'was zu ärgern. Da ruft manch ein Kunde inzwischen: „Hallo, Herr Töpel, ich mach' bald Insolvenz!“

von der Beck

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