"Dunkelziffer liegt auf jeden Fall deutlich höher"

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Die beiden Mitarbeiter der Drobs Daniel Kämmer, Sebastian Niekrens (sitzend) und Geschäftsführer Stefan Tertel (Mitte) schätzen, dass es im Märkischen Kreis rund 3000 Drogenabhängige gibt.

Neuenrade - In Neuenrade haben 2014 insgesamt 37 Klienten die Hilfe der Drogenberatungsstelle (Drobs) des Märkischen Kreises in Anspruch genommen. Das entspricht einer Zunahme um über 100 Prozent. 2013 waren es gerade mal 17 Neuenrader Bürger, wobei die Dunkelziffer höher sein dürfte.

Auch die chemischen Drogen haben langsam Einzug gefunden im südlichen Märkischen Kreis. „Natürlich sind die absoluten Zahlen nicht mit Großstädten vergleichbar, aber die Probleme sind exakt die selben“, meint Stefan Tertel, der seit 2003 Geschäftsführer der Drobs ist, die ihren Sitz in Iserlohn haben.

Der Anstieg der Zahlen sei aber bemerkenswert. 27 der insgesamt 37 Klienten seien direkt mit den beiden Mitarbeitern der Drobs, Daniel Kämmer und Sebastian Niekrens, in Kontakt getreten. Die restlichen zehn Personen waren Angehörige, die sich in Sorge um die Verwandtschaft an die anonyme Beratungsstelle gewandt hatten.

„Primär sind das oft die Mütter der jeweilige Delinquenten oder die engsten Freunde“, berichtet Kämmer, der seit 2011 bei der Drobs arbeitet. Gerade bei Jugendlichen unter 18 Jahren sei es sogar wichtig, dass von externen Quellen Druck gemacht wird: „Die sind in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt.“

Zudem gäbe es primär zwei Gruppen, die verstärkt auftreten. „Die Problematik der 16- bis 20-Jährigen ist häufig der Cannabiskonsum, während bei der Gruppe der über 30-Jährigen vermehrt Opiate konsumiert werden oder Alkoholmissbrauch im Vordergrund steht“, weiß Niekrens zu berichten.

Doch wie sieht mit der Verbreitung neuerer Modedrogen aus? „Vor zwei Monaten hätte ich noch wahrheitsgetreu sagen können: Wir haben hier damit nichts am Hut“, sagte Tertel über die Verbreitung von Crystal Meth. Die synthetische Droge, die primär aus Tschechien nach Deutschland kommen würde, da dort die chemischen Substanzen legal erworben werden können, ist laut Tertel nun auch im Sauerland angekommen.

„Durch die Informationen in den großen Medien sind viele Konsumenten erst dadurch aufmerksam geworden“, vermutet Sozialarbeiter Sebastian Niekrens. Dazu würden auch die neuartigen „legal highs“, Kräutermischungen und Badesalze, die berauschend wirken können, gehören, die Jugendliche (noch) legal im Handel kaufen könnten.

Allerdings müsste unterschieden werden zwischen wirklich süchtigen Personen und den nur gefährdeten Risiko-Klientel. „Süchtig in dem Sinne sind die Personen, die abstinenzunfähig sind und somit zunehmend unter Kontrollverlust leiden“, erklärt Niekrens.

Bei Drogenproblematiken und der Dunkelziffer gäbe es eine Hochrechnung, die bis heute bestand habe: „Die Dunkelziffer liegt auf jeden Fall deutlich höher. Ein Drittel der Süchtigen ist im Gefängnis, das zweite Drittel ist auf der Straße.“ Das dritte Drittel ist die Klientel, die in Kontakt mit einer Beratungsstelle stehen würden. So seien geschätzt nur 33 Prozent bereit, sich helfen zu lassen.

Geschätzt rund 3000 Drogenabhängige in MK

Die Gesamtzahl an Drogenabhängigen - jeglicher Art und Substanzen - schätzt Geschäftsführer Tertel auf rund 3000 im Märkischen Kreis. „Die Tendenz ist steigend. Dabei wollen wir auch vermitteln, dass es keine Probleme löst, wenn man sich einfach die Wahrnehmung vernebelt, auch wenn es kurzzeitig der einfachste Weg erscheint.“

Im Jahr 2013 feierte die Drogenberatung des Kreises ihr 40-jähriges Bestehen. Im Einzugsgebiet, für das die Drogenberatungsstelle mit ihrem Standort Werdohl zuständig ist, wohnen fast 100 000 Menschen. Das schließt die Kommunen Neuenrade, Balve, Plettenberg und Nachrodt-Wiblingwerde mit ein. Der Standort in Werdohl an der Goethestraße 47 ist von montags bis donnerstags von 8.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet, freitags bis 15 Uhr. Mit den Präventionsprogrammen „Papilo“ und „Schule 2000“ sind die Mitarbeiter auch an Grund- und weiterführenden Schulen tätig.

Von Benny Finger

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