Verfahren eingestellt

Schützenfest-Keilerei vor Gericht: Viele Fragen bleiben offen

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Neuenrade - „Es war Schützenfest“ – mit dieser nur begrenzt zur Rechtfertigung taugenden Erkenntnis endete im Amtsgericht Altena das Strafverfahren gegen einen 25-jährigen Neuenrader.

Die Staatsanwaltschaft hatte ihm nach einer Jungschützenparty in der Affelner Schützenhalle einige Körperverletzungen zur Last gelegt: einen gebrochenen Kiefer und einen beschädigten Backenzahn, den Nasenbeinbruch eines zweiten Zeugen und Prellungen im Gesicht eines dritten. Doch das Strafverfahren wurde eingestellt.

Zuerst verschwanden der gebrochene Kiefer und der Backenzahn aus den Vorwürfen: „Letztlich war nichts“, berichtete der erste Zeuge von den Ergebnissen der medizinischen Untersuchungen. „Es ist nicht viel passiert. Ich lebe noch – ohne Schäden“, kommentierte er die rätselhafte Auseinandersetzung am 24. April 2016.

Die Nase war gebrochen

Ob der Schlag ins Gesicht, der den Untersuchungen vorangegangen war, vom Angeklagten ausgegangen war, wusste der Zeuge nicht: „Ich würde nicht sagen, ‚das war er’. Kann sein, vielleicht auch nicht.“ Eindeutig gebrochen war die Nase des zweiten Zeugen.

Immerhin hatten die Mediziner gute Arbeit bei der Operation geleistet und die Nase wieder gerichtet. Aber auch er hatte in der Dunkelheit vor der Halle nicht viel gesehen: „Ich kann nicht sagen: ‚er war’s’.“ Trösten konnte sich der Zeuge nur mit den gerichtlich erstatteten Fahrtkosten aus München.

Der Schlag ins Gesicht des dritten Zeugen war dem Angeklagten ebenfalls nicht zuzurechnen – die Täterbeschreibung deutete auf eine andere Person hin.

Der Grund für die Schläge ist unklar

Warum es vor der Halle zu den Schlägen gekommen war, blieb den Geschlagenen völlig rätselhaft. Nach ihren Zeugenaussagen blieben sie noch im Gerichtssaal, um ihre Fragen beantwortet zu bekommen. Davon konnte aber keine Rede sein.

Der angebliche Täter bestritt nachdrücklich, dass er mit den Körperverletzungen etwas zu tun gehabt habe: „Ich kenne weder die Leute, noch bin ich ein Schläger. Aus meiner Sicht muss es sich um eine Verwechslung handeln.“

Blutalkoholwert von drei Promille

Interessanterweise war das zunächst eingeleitete Strafverfahren gegen einen möglichen anderen Täter nicht weitergeführt worden. Rechtsanwalt Ralf Lengelsen ergänzte noch ein Argument, um die Täterschaft seines Mandanten auszuschließen: „Wie soll er mit gut drei Promille drei Zeugen versemmelt haben?“

Das war ein Wert, den Richter Dirk Reckschmidt zum Anlass für eine dringende Warnung nahm: „Eine solche Alkoholvergiftung kann einen umbringen.“ Die Zeugen allerdings betonten in einem Gespräch vor dem Gerichtssaal ihre Leistungsfähigkeit jenseits von zwei Promille. So etwas muss man trainieren.

So gab es angesichts der vielen offenen Fragen und Zweifel zwar keinen Freispruch, aber so etwas Ähnliches für den Angeklagten: Das Verfahren wurde ohne Auflagen eingestellt, und auch die Kosten für den Strafverteidiger gehen auf Kosten der Staatskasse. „Es war Schützenfest“, seufzte der Richter.

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