Firma Alcar

Unternehmen im MK gibt Standort auf - und investiert in einen anderen

Technik-Chef Roland Neuß und Geschäftsführer Carsten Hellwig verantworten bei der Alcar Leichtmetallräder Produktion GmbH die Geschäfte.
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Technik-Chef Roland Neuß und Geschäftsführer Carsten Hellwig verantworten bei der Alcar Leichtmetallräder Produktion GmbH die Geschäfte.

In der Alcar Leichtmetall Produktion GmbH rüstet man sich für die Zukunft – durch eine Werkschließung hier und Investitionen dort.

Neuenrade - Statt in die überalterte Produktionsstätte in Werdohl zu investieren, holt die Geschäftsführung Produktionskapazitäten und die gut 30 Mitarbeiter in das Neuenrader Werk. Hier hat man bereits begonnen, die Gieß-Kapazitäten zu erweitern. Alcar produziert hochwertige Aluminiumfelgen.

Mit allen betroffenen Mitarbeitern habe man in großer Runde und in Einzelgesprächen die Situation besprochen, hieß es von Geschäftsführer Carsten Hellwig. In einem Gespräch erläuterte er, dass man vor der Aufgabe gestanden habe, einige Millionen Euro am Werdohler Standort in neue Maschinen und Anlagen zu investieren, um ihn wieder aufleben zu lassen. Auch Investitionen in Arbeitssicherheit wären Thema gewesen. Vor dem Hintergrund reduzierter Stückzahlen und logistischer Nachteile haben man sich gegen Werdohl entschieden. Der Standort wird aufgegeben, möglicherweise ist bereits ein Käufer gefunden. Unterm Strich hätte man sieben Millionen Euro in Werdohl investieren müssen. Ab 1. Juli 2021 werde nur noch in Neuenrade produziert.

Reichlich Investitionen, reduzierte Stückzahlen

Somit sei auch die Entscheidung gefallen, den Standort Neuenrade auszubauen und zu sichern, erläuterten unisono der technische Geschäftsführer Roland Neuß und Geschäftsführer Carsten Hellwig. Ohnehin sei schon ein Anbau vorhanden, der nun bestückt werde. Insgesamt vier neue Gießmaschinen wurden und werden noch angeschafft. Hinzu kommen zwei neue Schmelz-Öfen und zwei neue Tiegel-Öfen. Insgesamt können sich die Investitionen für das Neuenrader Werk sehen lassen: Gut 3,3 Millionen Euro nahmen die Neuenrader in die Hand. Die Investitionen reichen dabei von Gießereimaschinen und Trafo-Häuschen sowie Verpackungsrobotern über eine Bohrmaschine für 440 000 Euro bis hin zu Sozialräumen.

Zudem gibt es die unternehmerische Entscheidung, die Stückzahlen in dem dreischichtig laufenden Betrieb zu reduzieren, sagte Hellwig. Gab es in früheren Zeiten Stückzahlen von 950 000 bis eine Million, so wird der Ausstoß bis 2022 reduziert. Im kommenden Jahr sind 850 000 Stück vorgesehen, 2022 soll dann auf 740 000 Stück reduziert werden.

Das Corona-Jahr habe man bislang gut überstanden. Bis auf wenige Tage Kurzarbeit sei man auf die Zahlen gekommen. Der durchschnittliche Jahres-Umsatz betrug bislang rund 50 Millionen Euro an beiden Standorten. Gleichwohl stehe die Branche durch die Globalisierung massiv unter Druck.

Globale Konkurrenz

Neuß und Hellwig sagen, dass es „zu viele Player“ auf dem Markt gebe. Türkische Firmen könnten Felgen für sechs Euro günstiger anbieten, als sie hier produziert werden könnten. Doch es gebe nicht nur Konkurrenz aus der Türkei, sondern auch aus Marokko, China und Indonesien. Am Tropf von Autoherstellern hänge Alcar mit seinen Alufelgen dabei nicht. „Wir machen Aftersales.“ sagt Hellwig. Sprich: Produkte von Alcar finden sich zum Beispiel beim Autoteilehändler ATU. „VW gibt nicht den Takt an“, sagte Hellwig auf Nachfrage. Zudem sei das höherpreisige Segment nun die Zielrichtung. Man werde die Eigenmarken weiter stärken und könne sich jetzt schon gut damit sehen lassen.

Alcar produziert am Standort Neuenrade hochwertige Alufelgen.

Die Schließung des Werdohler Werks und die Implementierung der Mitarbeiter in Neuenrade hat dort auch unangenehme Konsequenzen. Befristete Verträge werden nicht verlängert, Leiharbeiter wohl nicht mehr beschäftigt. „Wir haben allen ‘Alcars’ mit Festverträgen einen Job angeboten“.

245 Beschäftige hat die GmbH, inklusive der Werdohler Mannschaft und Befristete. In der Summe sind auch 20 Leiharbeiter enthalten. Am Ende bleiben 230 Mitarbeiter übrig. „Wir machen es uns nicht einfach. Hinter jedem steckt ja auch eine Familie dahinter.“

Facharbeitersuche und Sprachprobleme

Die Zukunft des Unternehmens liegt jedenfalls – bei recht hohem Lohnanteil – bei der weiteren Automatisierung der Prozesse. Auch gilt es Personalprobleme zu lösen. Zum einen sei es schwierig Fachleute in die Provinz zu holen, zum anderen auch überhaupt motivierte Fachleute zu finden. Er habe schon ein Gespräch mit einem Bewerber geführt, der in dem Dreischichtbetrieb ausschließlich Frühschicht arbeiten wollte.

Belastend und problematisch sei zudem, dass viele Mitarbeiter nicht deutsch sprechen könnten. „Einige sind nur in der Lage ‘Guten Morgen’ zu sagen.“ Und man könne weder tiefergehende Gespräche führen, geschweige denn Fachgespräche zur konkreten Arbeit. Dabei sei das auch fachlich wichtig, in dieser anspruchsvollen Welt. Ein Schichtführer habe entnervt gekündigt, weil er mit den Leuten nicht kommunizieren konnte. Dabei bietet das Unternehmen Sprachkurse an und finanziert diese auch. „Doch es wird nicht richtig angenommen.“ Hellwig versteht das nicht. Und vor diesem Hintergrund könne er dann auch Verträge nicht verlängern. Es gehe dabei nicht um frisch aus dem Ausland Zugezogene, sondern um Menschen, die schon zig Jahre hier leben würden.

In der Nachfolgegeneration mache er dasselbe Problem aus. Viel liege daran, dass sich die Menschen ausschließlich in ihrem sprachlichen Umfeld aufhalten würden. So komme es vor, dass zu Vertragsverhandlungen immer noch Angehörige als Dolmetscher mitgenommen würden, wunderten sich die beiden Geschäftsführer. Es gebe allerdings auch ganz andere, sehr positive Fälle von Menschen, die sich richtig reinhängen und engagieren würden.

Energiepolitik, Digitalisierung

Unabhängig vom Facharbeiterproblem gibt es die Energiepolitik, welche energieintensiven Betrieben wie Alcar Probleme bereiten würden. Hellwig nennt die EEG-Umlage, die nicht voll erstattet würde, und er lässt auch die CO2-Steuer nicht unerwähnt. Dazu deutet er an, wohin die Reise angesichts des Kostendrucks gehe – mehr Robotisierung und mehr Digitalisierung. Es gibt ein Papier mit einer Reihe von Projektideen, bei dem auch Industrie 4.0 eine wichtige Rolle spielt. So stehen Roboter für diverse Abteilungen auf der Wunschliste, jede Menge Software und unter anderem ein Umweltmanagementsystem.

Schon jetzt wird der Digitalisierungsprozess massiv vorangetrieben: Ins Werk gelangt man nur noch mit Chip, jede Maschine misst und registriert alles und plötzlich gibts auch keine Differenzen mehr bei der Inventur. Der gesamte Betrieb wird mit einer minimalen Verwaltung gemanagt. „Wir sind schon sehr schlank, schlanker geht nicht mehr“, sagt Neuß, der technische Geschäftsführer.

„Marktführer Alcar“

Alcar ist eine international tätige Industrie- und Handelsgruppe, die sich vor allem auf die Produktion und Handel von Stahl- und Leichtmetallrädern konzentriert. Den größten Anteil bilden dabei die Leichtmetallräder. Die Alcar Gruppe ist nach eigener Darstellung „Marktführer im europäischen Pkw-Nachrüstmarkt“. Das Kerngeschäft bildeten der internationale und nationale Großhandel sowie die Produktion von Stahl- und Leichtmetallrädern. Die Unternehmen der Alcar Gruppe zeichne eine besondere Markt- und Kundenorientierung aus, modernste Produktionsmethoden und eine innovative Designfindung. Die europaweite Präsenz der österreichischen Unternehmensgruppe erstreckt sich auf rund 29 Gesellschaften in 16 europäischen Ländern. „Mit unseren sieben Eigenmarken verkaufen wir weltweit circa 5,5 Millionen Räder. Global werden über 780 Mitarbeiter beschäftigt.“ Quelle: Alcar Homepage

Kommentar: Globalisierung, Digitalisierung, Robotisierung

All das, was derzeit an Umbrüchen in der deutschen Industrielandschaft passiert, ist jetzt bei Alcar abzulesen: Einfache Jobs werden durch Roboter ersetzt – für Ungelernte wird es daher immer schwieriger, einen brauchbar bezahlten Job zu finden. Die Arbeit wird immer anspruchsvoller. Die Entwicklung der Automatisierung betrifft inzwischen auch Verwaltung und Bürobereiche. Software aller Art, automatische Datenerfassung und Verwertung – all das geht auch inzwischen Fachkräften in der Verwaltung an.

Dass Globalisierung nicht nur Exportweltmeister erschafft, sondern auch in Bedrängnis bringt und die wertschöpfenden Unternehmen mit weiterer Kostenreduzierung und damit Automatisierung reagiert, was wiederum Arbeitsplätze kostet, beschleunigt den Wandel genauso wie Energiepolitik. Nur wie sich die Industrie wandeln wird, auch vor dem Hintergrund ökologischer Entwicklungen und wie schnell und wo es hinführt – das weiß niemand.

Sicher ist nur, dass Bildung und Ausbildung auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht noch mehr Bedeutung zukommt.

PETER VON DER BECK

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