Gesucht: Volksfest-Geschichten

Absage auch für 2021: Gertrüdchen findet nur im Schaufenster statt

Gertrüdchen-Nostalgie: Bernd Buntenbach stellt im Kunstfenster Alte Apotheke Erinnerungsstücke rund um das Traditionsfest aus. Auf einem Fernsehbildschirm sind tagsüber Fest-Mitschnitte zu sehen.
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Gertrüdchen-Nostalgie: Bernd Buntenbach stellt im Kunstfenster Alte Apotheke Erinnerungsstücke rund um das Traditionsfest aus. Auf einem Fernsehbildschirm sind tagsüber Fest-Mitschnitte zu sehen.

Bernd Buntenbach wippt auf der Stelle. Er summt den Gassenhauer mit, der aus dem Fernsehgerät dröhnt, obwohl er den Bildschirm gerade nicht sehen kann. Das Gerät steht im Schaufenster der ehemaligen Gertruden-Apotheke, Passanten können den Film mitverfolgen.

Gezeigt wird gerade ein Fest-Mitschnitt aus dem Jahr 2002: ausgelassen feiern die Menschen in der Gertruden-Passage, sie tanzen, singen und haben einfach unglaublich viel Spaß. „Es ist an der Zeit für Gertrüdchen-Nostalgie“, sagt der ehemalige Apotheker mit etwas Wehmut in der Stimme.

Nachdem das Neuenrader Traditionsfest coronabedingt bereits im zweiten Jahr in Folge nicht stattfinden kann, möchte Buntenbach wenigstens für ein „kleines bisschen Gertrüdchen-Stimmung“ sorgen. Dementsprechend hat er das Kunstfenster Alte Apotheke an der Ersten Straße in Zusammenarbeit mit Kiku-Leiterin Irmhild Hartstein gestaltet.

Bilder von Schülern schmücken das Schaufenster

Passend zum nostalgischen Motto steuert Hartstein aber keine neuen Werke zur Ausstellung bei. „Vor einigen Jahren hatte der Neuenrader Unternehmer Alexander Klinke einen Malwettbewerb zum Gertrüdchen initiiert“, erzählt die Kiku-Leiterin. Teilgenommen hätten damals sämtliche Schulen aus der Hönnestadt. Einige der Bilder, die damals entstanden sind, hat Irmhild Hartstein ausgedruckt, um damit jetzt das Kunstfenster zu dekorieren.

Direkt daneben steht einer der Gertrüdchen-Büttel aus Styrodur, die die Kiku-Leiterin selbst angefertigt hat. Ein besonderes Ausstellungsstück im Schaufenster hat Schausteller „Bubi“ Schwabe gebastelt: Ein Gertrüdchen-Modell. Schwabe hatte das Volksfest mehr als 50 Jahr mit seinem Autoscooter bereichert.

„Buba-Bitter-Ensemble“ zusammengestellt

Neben alten Apotheken-Gerätschaften – die Apotheke ist bekanntlich die Keimzelle des ehemaligen Traditionsgetränks Buba Bitter – hat Bernd Buntenbach natürlich auch ein „Buba-Bitter-Ensemble“ zusammengestellt und im Schaufenster postiert. Der alkoholische Kräutertropfen durfte – dank einer Lizenz aus dem Jahr 1835 – jeweils für drei Tage im Jahr ausgeschenkt werden. Inzwischen wird der Kräuter-Schnaps unter einem anderen Namen angeboten.

Auch dieses Karussell-Modell kann an der Ersten Straße bewundert werden. Der Schausteller „Bubi“ Schwabe hat es selbst gebaut.

Herzstück der Ausstellung im Kunstfenster ist das Fernsehgerät. Dort werden fortlaufend Gertrüdchen-Mitschnitte aus den Jahren 1959, 1980, 1992, 1993, 1997, 2000 und 2002 gezeigt. „Nach Möglichkeit soll bald auch der Ton vor der Apotheke zu hören sein“, schildert der Neuenrader, wie er Volksfest-Erinnerungen wecken will.

Buntenbach denkt gerne an frühere Gertrüdchen-Zeiten zurück

Apropos Erinnerungen: Bernd Buntenbach denkt gerne an frühere Gertrüdchen-Zeiten zurück, in denen zum Fest auch noch ein Pferdemarkt gehörte. Und so weiß er noch genau, dass die Neuenrader schon mehrmals auf ihr Traditionsfest, zumindest in bewährter Form – verzichten mussten: „Aufgrund der meist schlechten Witterung Mitte März wurde das Gertrüdchen von 1974 bis 1976 in eine Osterkirmes umgewandelt und auf die Niederheide verlegt – trotz heftiger Proteste und Unterschriftensammlungen.“ Doch einige Gertrüdchen-Bewahrer – darunter Buntenbachs Vater Karl Buntenbach, FriedrichWilhelm Dickehage, Friedrich-Wilhelm Kohlhage und Alois Wiesemann, der Vater des amtierenden Bürgermeisters Antonius Wiesemann – trafen sich in diesen Osterkirmes-Jahren jeweils am 17. März, dem Patronatstag der Heiligen Gertrud, in der Gertruden-Passage. „An einem Tisch war ein Pony angebunden und zur Erinnerung und Wahrung der Tradition wurde der Gertruden-Schnaps ausgeschenkt“, erzählt Buntenbach. Schmunzelnd fügt er hinzu: „Übrigens herrschte während der drei Osterkirmesveranstaltungen in Neuenrade Schneetreiben und Kälte.“

1977 bis 1986 fand das Gertrüdchen dann wieder Mitte März statt – allerdings in der Altstadt. Buntenbach bilanziert: „Schöne Atmosphäre auf engem Raum, dicht an den Häusern. Samstags wurde Schnaps in der Apotheke ausgeschenkt.“ Doch durch die Verschmutzungen – auch unmittelbar vor den Hauseinangänger – kam man zu der Entscheidung, das Fest zurück auf den Wall, seinen Ursprungsplatz zu verlegen.

Beliebter Kräuterschnaps 1987 ausgeschenkt

1987 sei der beliebte Kräuterschnaps dann erstmals in der Passage ausgeschenkt worden. „1988 fand der Schnapsausschank in der umbenannten Passage statt. Es war das Geburtsjahr des Buba Bitter.“ Ab 1989 erfolgte der Buba-Ausschank über drei Tage, anfangs mit einer provisorischen Überdachung, ab 1992 mit einem stabilen Stahlgerüst. „Nachdem das Provisorium aufgrund großer Schneemassen in die Knie gegangen war“, weiß der Neuenrader.

Karl Buntenbach, der Vater von Klaus Buntenbach, füllte einst in der Gertruden-Apotheke den Schnaps ab.

Ganz genau erinnert er sich auch an die Entstehung einer anderen Volksfest-Spezialität, des Kabuba. In den Jahren 1989 bis 1991 habe jeweils ein Country-Sänger in der Passage für Stimmung gesorgt. „Er hatte nur sechs oder sieben Songs im Repertoire, aber alles Gassenhauer“, sagt Buntenbach. Im Verlauf des Abends habe das Passagen-Team bemerkt, „dass unser Sänger sprach-stimmliche Probleme hatte“ – obwohl er vorgab nur reichlich Kaffee zu trinken. „Da war wohl etwas Buba Bitter hineingeraten“, schmunzelt der Neuenrader.

Plauderei aus dem Gertrüdchen-Nähkästchen

In seiner Rolle als Apotheker mit Lizenz zum Ausschank plaudert Buntenbach aus dem Gertrüdchen-Nähkästchen: „1993 stand freitagsnachmittags plötzlich die Zollfahndung in der Apotheke und wollte unser Alkoholnachweisbuch überprüfen.“ Das habe nicht nur das Team der Gertruden-Apotheke, sondern auch die Kunden ziemlich irritiert. Weitere Folgen für den Ablauf der Festes ergaben sich aus dem Besuch der Zollfahndung allerdings nicht. „Da unser Alkohol ordnungsgemäß versteuert war, erübrigte sich alles weitere.“

Geschichten gesucht

Schon zum zweiten Mal müssen die Neuenrader auf ihr Gertrüdchen verzichten – und viele sind verständlicherweise geknickt. Ebenso wie Bernd Buntenbach und Irmhild Hartstein möchte deshalb auch der SV rund um den Todestag der Heiligen Gertrud, den 17. März, das Traditionsfest zumindest mit Erinnerungen aufleben lassen. Deshalb bitten wir unsere Leser: Senden Sie uns Ihre ganz spezielle Gertrüdchen-Geschichten zu –gerne auch mit Fotos! Wir freuen uns über jede Erinnerung – egal, ob sich die entsprechende Geschichte vor zwei oder vor 20 Jahren zugetragen hat. E-Mails an: sv@mzv.net.

Die staatlichen Stellen ließen den Apotheker mit der Lizenz zum Ausschank allerdings nicht aus den Augen. „2005 kam es zu einer großen Betriebsprüfung.“ Eine Finanzbeamtin habe damals alle Belege, den dazugehörenden Aufwand und die Erlöse überprüft, erzählt Bernd Buntenbach. „Als sie ihre Arbeit beendet hatte, fragte die Prüferin, warum ich mir diese Arbeit und die Mühe für das Gertrüdchen antun würde.“ Er habe seine Antwort nicht lange überdenken müssen: „Neuenrade ist mein Geburtsort. Tradition, Bürgernähe, Patientenkontakte sind mir ebenso wichtig, wie dieses Alleinstellungsmerkmal für die Apotheke.“

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