95-Jährige heimgesucht: Menschenraub und räuberische Erpressung

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Am Freitag war Auftakt zur Verhandlung im Schwurgerichtssaal des Hagener Landgerichtes.

Neuenrade - „Schön“ mag die Villa in Neuenrade gewesen sein, doch „leer“, wie die Täter zunächst vermuteten, war sie eben nicht: Die 95 Jahre alte Bewohnerin und ihre Betreuerin waren am Abend des 18. Juni zuhause, als zunächst ein Täter über ein geöffnetes Fenster in das Haus eindrang und die Betreuerin zwang, die Tür für seine Komplizen zu öffnen.

 Aus einem geplanten Einbruch wurde deshalb ein gemeinschaftlicher Menschenraub und eine räuberische Erpressung. Drei Männer und eine Frau müssen sich seit gestern vor der 1. großen Jugendkammer des Landgerichts Hagen dafür verantworten. Zum Auftakt verlas Staatsanwalt Nils Warmbold die Anklage: Um die alte Dame zur Preisgabe des Codes für einen Tresor zu zwingen, soll einer der Täter mit einem Messer in Richtung ihrer Hand gestochen haben. Durch ihr Eingreifen soll die Betreuerin verhindert haben, dass es dabei zu schweren Verletzungen kam.

 „Dank“ ihrer Demenzkrankheit soll sich die 95-Jährige aber nicht mehr an die Zahlenkombination erinnert haben. Die Täter begnügten sich deshalb mit Schmuck, Silberbesteck, einer Parfümflasche und einer Handtasche. „Schnell rein und schnell wieder raus“, habe die Devise gelautet, erklärte der 23-jährige Bora D. Doch dann sei alles nicht nur ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Ein Mittäter sei zunächst in das Haus eingedrungen und habe ihn von dort aus angerufen mit der Nachricht ‚Alles O.K.’“ Daraufhin sei er entgegen früherer Absichten doch hineingegangen und habe die beiden Frauen auf dem Sofa vorgefunden.

 „Ich habe versucht, sie zu beruhigen.“ Die sehr handfeste Bedrohung vor dem Safe bestritt der Angeklagte: „Gar keiner hatte ein Messer in der Hand.“ Zur Rolle seiner Mittäter wollte er sich nicht äußern – mit einer Ausnahme: Die Mitangeklagte Sina M. (26) habe von der Tat nichts gewusst und sei nur als Fahrerin mitgekommen, weil keiner der anderen Täter einen Führerschein hatte. In Neuenrade habe sie sich in ein Café gesetzt und auf die Anderen gewartet.

Ihr Freund, der 24-jährige Nikolas R., ließ über seinen Anwalt ebenfalls ausrichten, dass sie für ihn „lediglich die Fahrerin“ gewesen sei. „Die hat keine Fragen gestellt, wo es hingeht.“ Ihre Anwältin nahm die Aussagen zum Anlass, die Freilassung ihrer Mandantin aus der Untersuchungshaft zu beantragen. Das lehnte die Kammer mit Hinweis auf den fortbestehenden dringenden Tatverdacht jedoch ab. Die angeblich entlastenden Behauptungen seien „weder glaubhaft, noch nachvollziehbar“. In seiner vom Verteidiger vorgetragenen Erklärung beschrieb Nikolas R. die „völlig überhastete Situation“, die auf Empfehlung „einer Person aus Neuenrade“ zustande gekommen sei. Dieser – möglicherweise noch unbekannte – Mittäter sei über eine Leiter in das Haus geklettert. Später habe er die Frauen in Schach gehalten. „Wer das mit dem Messer war, will ich nicht sagen“, ließ er ausrichten. Johann W. (23), der vierte im Bunde, schwieg zu den Vorwürfen – ebenso wie die 26-Jährige.

Offenbar wurden alle vier Täter nach kurzer Fahndung noch in jener Nacht von der Polizei gefasst. Als Grund für den „Betriebsausflug“ nach Neuenrade nannten sie offenbar die Absicht, „einen Dealer abzuziehen“. Denn die bisherigen Wohnsitze der vorbestraften Angeklagten legen keine schweren Straftaten in Neuenrade nahe. Sie liegen in Hilden, Düsseldorf, Schwerte und Krefeld. Der Prozess wird am Montag ab neun Uhr im Landgericht fortgesetzt.

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