Truppe ist tief verwurzelt in Dorf und Region

100-Jähriges mitten in der Pandemie: Tambourkorps Küntrop feiert erst 2022

Das Tambourcorps Küntrop beim Schützenfest 1957 in Neuenrade. Die Musiker trommeln das Neuenrader Fest immer ein.
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Das Tambourcorps Küntrop beim Schützenfest 1957 in Neuenrade. Die Musiker trommeln das Neuenrader Fest immer ein.

Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei und mit dem Ende des Kaiserreiches ging es in Deutschland hoch her. Das zeigen ein paar Textzeilen im Neuenrade-Buch von Dieter Stievermann: 1920 hatten sich in Neuenrade gar links-republikanische Kräfte bewaffnet, Die große Politik blieb also nicht ohne lokale Folgen.

Die Reparationen wurden 1921 festgelegt: 226 Milliarden Goldmark sollte Deutschland bezahlen, Franzosen besetzten Ruhrort, Duisburg und Düsseldorf. Die Menschen litten unter der Geldentwertung. In diesem unsicheren Umfeld kam nun der Küntroper Adolf Linke daher und gründete 1921 – das genaue Datum ist nicht bekannt – mit Josef Kaiser und Wilhelm Hesse eine Vereinigung, die sich um Musik und Lebensfreude dreht: das Tambourcorps Küntrop. Das geschah zunächst unter dem Schirm des örtlichen Turnvereins. Linke und seine Mitstreiter legten damit den Grundstein für eine große Musikgruppe, die nun in diesem Jahr offiziell 100. Geburtstag feiert.

Auch jetzt sind ausgerechnet im Jubiläumsjahr wieder besondere Zeiten. Eine weltweite Pandemie zwingt die Musiker auf ihre gemeinsame Musik vorübergehend zu verzichten. Erst im kommenden Jahr – so es denn die Situation zulässt – wird das Tambourcorps sein Jubiläum so richtig feiern können.

Theateraufführungen im Gasthof Schweitzer

Aber zurück in die 20er-und 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts: Flott wuchs damals die Truppe auf zehn Mann, Tambourmajor Wilhelm Linke übernahm die musikalische Leitung. 1923 nahm die Truppe sogar schon an einem Wettstreit in Lüdenscheid teil und holte sich dort sogar den 1. Hauptehrenpreis. 1931 war der Tambourcorps soweit, dass man aus dem Turnverein ausscherte und einen eigenständigen Verein gründete. Das Tambourcorps wurde für ein Dorf wie Küntrop durchaus eine ernst zu nehmende Entertainment-Truppe.

So kennt man das Tambourcorps: Einsatz beim Hochfest 2014 in Küntrop.

Nicht nur dass bei Schützenfesten Musik gemacht wurde, sondern die Musiker engagierten sich auch mit Theateraufführungen und stellten das Ensemble, wie es einer Festschrift zu entnehmen ist. Gespielt und aufgeführt wurde natürlich im Gasthof Schweitzer an der Küntroper Straße (heute eine Flüchtlingsunterkunft). Theater und Musik gab es. Aufgeführt wurden Stücke wie „Die Rose von Heidelberg“ oder „Familie Leinöl“.

Zweiter Weltkrieg als großer Einschnitt

Der große Einschnitt im Vereinsleben war dann der Zweite Weltkrieg. „Fast alle Vereinsmitglieder waren Kriegsteilnehmer.“ Und nicht alle kehrten zurück. „Viele ließen ihr Leben,“ heißt es schnörkellos in der Festschrift zum 75-Jährigen.

Nach dem Krieg ging es mit Elan weiter: Gründungsvater Adolf Linke unterrichtete die Trommelschüler, Heinrich Severin kümmerte sich um die Flötisten. Den Tambourstab übernahm Franz Hammecke. In den Folgejahren gewannen die Küntroper manchen Wettstreit, zudem gab es endlich auch richtige Uniformen. 1962 richtete das TCK selbst einen Wettstreit aus – sogar mit Teilnahme einer holländischen Truppe – der „Amsterdamse Show Drumband Risoluto“. Ein weiterer Höhepunkt aus heutiger Sicht: 1967 traten die Musiker dem Volksmusikerbund bei. Nach dem Tod von Franz Hammecke übernahm schließlich Friedhelm Schilling den Tambourstab. 16 Jahre lang sollte Schilling den Verein führen. Und das durchaus mit Erfolg. Bei Großveranstaltungen mit 24 Teilnehmern in Elspe holte man den ersten Preis in der Paukenklasse.

Zahl der aktiven Musiker steigt auf 30

Schillings Nachfolger wurde Friedhelm Griesenbruch. Unter dessen Regie stieg die Zahl der aktiven Musiker in Küntrop auf 30. Und: Erstmals traten dem Verein Frauen bei. Wunschkonzerte gemeinsam mit dem Neuenrader Musikverein in der ausverkauften Schützenhalle folgten.

Der frühe Tod von Flötist und Vorstandsmitglied Herbert Severin und der Tod von Flötenausbilder Alfred Fuderholz Mitte der 80er-Jahre hinterließen eine schwer zu schließende Lücke beim Tambourcorps. Bernhardt Sandt wurde schließlich Vereinsvorsitzender. Zum 75. Geburtstag präsentierte sich der Verein jung und aktiv: Das Durchschnittsalter betrug 28 Jahre – und immerhin sechs Frauen (das erste Mädchen wurde 1981 aufgenommen) spielten mit.

Auch die Geselligkeit kommt nicht zu kurz

Natürlich wurde nicht nur Musik gemacht: Geselligkeit kam nicht zu kurz. Grillabende, Ausflüge, Exkursionen wurden veranstaltet und neue Traditionen wurden begründet – wie das Treffen am Vorabend des Schützenfestes in Ratajczaks Scheune.

Tambourcorps Küntrop um 1930. Immer für einen Spaß zu haben.

Es gab und gibt damals wie heute viele Verflechtungen mit Schützenvereinen. Bereits mehrmals stellte das Tambourcorps den Schützenkönig in Küntrop. Die Konzerte des Vereins sind vielleicht auch daher nicht nur ein Dorfereignis. Zum 75. Geburtstag holte man sogar das Luftwaffen-Musikcorps aus Münster nach Küntrop und Kontakte bestehen auch ins Ruhrgebiet über die „Kolonie“ Klein-Essen in Neuenrade. Gut vernetzt sind die Musiker also in der Region. Fleißig waren sie ebenfalls: Wochenendseminare wurden für die Musik veranstaltet.

Aus dem Dorfgeschehen nicht mehr wegzudenken

Aus dem Dorfgeschehen ist das Tambourcorps heutzutage nicht mehr wegzudenken. Daher verwundert es nicht, dass der Verein 2008 die Gemeinnützigkeit erhielt. Musik wird nicht nur im eigenen Dorf gemacht. Die Küntroper Musiker sind fester Bestandteil des Neuenrader Schützengeschehens. Eintrommeln ist dabei nur ein Stichwort. 2002 zeichnete die Neuenrader Schützengesellschaft das Tambourcorps für seine 50-jährige Beteiligung am Neuenrader Schützenfest aus.

Klare Sache, dass das TCK auch beim Affelner Schützenfest dabei ist und in Langenholthausen und Balve sowieso. Freundschaften bestehen mit den Dahlern und den Oberrödinghausenern sowie mit den Bentropern, mit Essen-Berge und Essen-Borbeck. Daneben gilt die Musikervereinigung als Partyausrichter. Der „Tanz in den Mai“ gehörte zu den Klassikern. 2001 feierte man mit 700 Gästen in den Mai. In jüngster Zeit hat sich der Maischoppen etabliert. Einen guten Ruf genießt das TCK bei der Jugendarbeit: Immer wieder bindet man junge Leute mit ein und bemüht sich um Nachwuchsmusiker. Nicht von ungefähr lobte Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) das Tambourcorps für gute Jugendarbeit.

Teilnahme an der legendären Steubenparade geplant

Corona macht dem TCK nun im 100. Jahr seines Bestehens einen Strich durch die Rechnung. Denn das kann erst im kommenden Jahr gefeiert werden. Das Jahr wird ein besonderes für das Tambourcorps unter seinem Vereinsvorsitzenden Dirk Ratajczak: Denn es ist zum Beispiel die Teilnahme an der legendären Steubenparade geplant, die immer im September stattfindet. Das ist eine traditionsreiche deutsch-amerikanische Parade in New York, welche die Freundschaft zwischen den beiden Staaten festigen soll.

Zum Schluss ein wenig Statistik: Der Verein hat derzeit 133 Mitglieder bei rund 30 Aktiven. Und zählt man alle Mitgliederjahre zusammen, kommt man auf 1945 Jahre.

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