Atsrazeneca versus Biontech/Pfizer

Zwischen Angst und Dankbarkeit: Zwei Impflinge berichten

Sehr unterschiedlich sind die Erfahrungen mit der Corona-Impfung.
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Sehr unterschiedlich sind die Erfahrungen mit der Corona-Impfung.

Mehr als 100 000 Schutzimpfungen gegen Covid-19 sind im MK verabreicht. Viele Geimpfte sind dankbar, andere verunsichert. Zwei Erfahrungsberichte, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Nachrodt-Wiblingwerde – Es ist besonders für junge Menschen eine extrem schwere Entscheidung: einen schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung riskieren oder möglicherweise an einer seltenen Sinusvenenthrombose (Blutgerinnsel im Gehirn) nach einer Impfung sterben.

„Ich bin bei bester Gesundheit und nachher passiert etwas“, erzählt Nadja Mittelbach von ihrer Hin- und Hergerissenheit. Jetzt ist die Lehrerin geimpft – mit Astrazeneca. Zwei Tage bevor der Stopp kam. Viele Tage der Angst folgten. Jetzt ist es die Ungewissheit, die sie umtreibt.

Zwei junge Nachrodt-Wiblingwerder: einmal Biontech/Pfizer, einmal Astrazeneca

Ihr Gegenüber: André Gütting. Der SPD-Vorsitzende wurde am 28. März mit Biontech/Pfizer geimpft. Der zweite Piks steht am 9. Mai an. Beide Impflinge sind junge Nachrodt-Wiblingwerder, Nadja Mittelbach ist 43 Jahre alt, André Gütting 35.

Als Nadja Mittelbach erfuhr, dass sich Grundschullehrer impfen lassen können, hatte sie nicht die Wahl eines Impfstoffes. Astrazeneca war verordnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte es nur vereinzelt negative Meldungen gegeben. „Ich hatte kein gutes Gefühl. Aber man möchte ja seinen Beitrag in der Pandemie leisten.“ Sie hatte sich vorher gut informiert, hätte lieber die mRNA-Impfstoffe von Moderna oder Biontech/Pfizer genommen. Doch die Vernunft siegte, nicht das Bauchgefühl.

Astrazeneca: Impfstoff gut vertragen

Im Impfzentrum sprach Nadja Mittelbach ihre Sorgen und Bedenken an. Es könne gar nichts passieren, sagte ihr der Arzt. „Es gab dann auch überhaupt keine Nebenwirkungen. Ich hatte nichts, habe die Impfung gut vertragen. Aber dann stellten am nächsten Tag die Niederlande die Impfungen ein, einen Tag später Deutschland. Das war wirklich kein gutes Gefühl.“

Heute sind exakt 41 Tage verstrichen, davon waren 16 Tage die reinste Tortur für die Wiblingwerderin. In diesem Zeitraum hätten mögliche Nebenwirkungen kommen können. „Mir ist es wirklich schlecht gegangen. Ich dachte, was in Deutschland zugelassen ist, dem kann man vertrauen. Und dann das“, gibt Nadja Mittelbach zu, dass ihr die vielen Nachrichten rund um Astrazeneca ordentlich zugesetzt haben.

Große Verunsicherung nach Impfstopp für Astrazeneca

„Man hat die Schlagzeilen immer im Blick.“ Wenige Tage nach ihrer Impfung hörte sie im Radio, dass Astrazeneca-Geimpfte in Scharen in die Notfallambulanz fuhren, weil sie Kopfschmerzen hatten und deshalb große Angst. „Ich kann das verstehen. Ich wäre auch hingefahren“, sagt die Grundschullehrerin.

Grundschullehrerin Nadja Mittelbach wurde mit Astrazeneca geimpft.

Verunsicherung. Sorgen. Und beides hört nicht auf. „Das RKI sagt, dass man als Zweitimpfung mRNA-Impfstoffe verabreichen kann, aber die WHO empfiehlt das nicht“, sagt Nadja Mittelbach und verweist auch auf den Virologen Hendrik Streeck. Er hatte sich überrascht über die Empfehlung gezeigt, Menschen nach einer Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca eine Zweitimpfung mit Biontech- oder Moderna-Wirkstoffen anzubieten. „Da sind die klinischen Studien noch nicht gelaufen. Ich hielte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten und abzuwarten, ob die Studien erfolgreich sind“, sagte Streeck der Fuldaer Zeitung.

„Ich komme mir vor wie Versuchskaninchen“

„Ich warte mindestens bis Juni ab. Ich weiß, dass das andere cooler sehen, aber ich möchte mich ganz sicher fühlen“, sagt Nadja Mittelbach. Sie weiß, dass sich viele Menschen freuen, wenn sie geimpft werden, und viele große Angst vor einer schweren Corona-Erkrankung haben. „Ich habe das nicht so und muss sagen: Im Nachhinein komme ich mir vor wie ein Versuchskaninchen.“ Und das Gefühl bleibt.

André Gütting hätte auch Astrazeneca genommen. Ohne mit der Wimper zu zucken, sagt er und ergänzt: „Der Nutzen ist größer als das Risiko.“ Einige Menschen haben wegen einer Vorerkrankung ein hohes oder sehr hohes Risiko für einen schweren Corona-Verlauf. Deshalb dürfen sie früher als andere geimpft werden. Dazu gehört der Nachrodter. „Und das ging dann mit einer Bescheinigung auch recht unkompliziert“, ist André Gütting dankbar.

Corona-Impfungen: Notfall-Erlass kaum bekannt

Manchmal ist es ihm gar peinlich, dass er schon geimpft ist, weil er auch viele Ältere kennt, die noch keinen Termin bekommen haben. Er glaubt, dass der Notfallerlass nicht gut genug kommuniziert wurde, einige Menschen nichts davon wissen.

André Gütting aus Nachrodt ist dankbar, dass er schon gegen Corona geimpft ist.

Geregelt ist das in der Impfverordnung des Bundes. Dort sind explizit einige Krankheiten benannt, die zu einer früheren Impfung berechtigen. Einige Menschen, zum Beispiel mit seltenen Krankheiten, tauchen aber nicht explizit in der Verordnung auf. Für sie gilt eine Härtefall-Regelung.

Die Impfung verlief für André Gütting komplett komplikationslos. „Ich hatte nur Muskelkater, keine Kopfschmerzen, keine Grippe-Erscheinung. Alles wunderbar“, schwärmt er, findet aber auch, dass die Impfungen für alle viel schneller vonstattengehen müssten.

Corona-Tests trotz Impfung

„Wir haben lange über die USA die Nase gerümpft, wie sie mit der Pandemie umgehen. Heute wird da fast überall geimpft.“ André Gütting lässt sich regelmäßig testen. Nach wie vor. Da spielt die Impfung für ihn keine Rolle. „Ich habe lieber Klarheit, wer es hat, als wenn hier eine riesige Dunkelziffer ‘rumläuft“, sagt der SPD-Vorsitzende, der jegliche Vorteile für Geimpfte ablehnt. „Ich möchte keine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Erst muss jeder die Möglichkeit der Impfung bekommen haben.“ Neue Entwicklungen der Pandemielage im Märkischen Kreis lesen Sie in unserem Live-Ticker.

Das Hin und Her um Astrazeneca geht weiter: In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen gibt es den Impfstoff von Astrazeneca für alle Erwachsenen – unabhängig vom Alter. NRW macht vorerst nicht mit.

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