Gleichgeschlechtliche Ehe

Frauen heiraten bei Holzrichter: „Es ist nicht Wolke 7, sondern Wolke 77“

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Anja Müller und Manuela Gawron heiraten in Nachrodt-Wiblingwerde.

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand. Und so werfen sie alles über Bord. Ihr altes Leben. Ihr ganzes Denken und Handeln. Und heiraten. Bei Holzrichter. Es ist eine Geschichte, die durchaus ungewöhnlich ist. Und die zeigt, dass die Liebe alles überwinden kann.

Und dass das Leben plötzlich ein anderes sein kann. Mit Happy End. Fast über Nacht. Die Hauptpersonen: Anja Müller und Manuela Gawron. 

Zwei Frauen, zwei ganz „normale“ Lebensgeschichten. Die eine ist geschieden, lebt seit elf Jahren mit einem neuen Lebenspartner zusammen. Ist Floristin. Die andere ist seit 15 Jahren verheiratet, arbeitet als MTA (Medizinisch-technische Assistentin) in der Lüdenscheider Strahlenklinik. Ganz „normale“ Ehen, ganz „normale“ Mann-Frau-Beziehungen mit jeweils einer Tochter. 

Keine von beiden hat jemals irgendwann einen Gedanken daran verschwendet, vielleicht eine Frau lieben zu können. Niemals. Warum auch? Eben noch hetero und plötzlich nicht mehr? Dass sich zwei Frauen ineinander verlieben, ohne dass sie sich deswegen für lesbisch oder bisexuell halten, macht die Sache noch komplizierter. Aber so ist es geschehen. „Ich stehe gar nicht auf Frauen, nur auf sie“, erzählt Anja lachend. 

Zuerst entwickelt sich eine einfache Frauen-Freundschaft

Manu und Anja lernen sich in der Reha kennen. Im April 2015. Manu hatte nach Herzrhythmusstörungen einen Herzschrittmacher bekommen, Anja, die gesundheitlich immer wieder ziemlich gebeutelt ist, war am Knie operiert. „Ich habe sie einfach angesprochen“, erzählt Anja vom ersten Treffen der beiden. Recht schnell entwickelt sich eine ganz normale Frauen-Freundschaft. 

Man verbringt viel Zeit in der Reha miteinander, findet sich sympathisch, schafft eine Vertrauensbasis, tauscht die Telefonnummern aus, schreibt sich Nachrichten nach der Reha. Manu wohnt und arbeitet in Lüdenscheid, Anja in Dortmund. Keine Distanz, sich auch mal zu treffen. Mit Männern und Kindern. Im August 2015 liegt Anja mit einer Medikamentenvergiftung in der Klinik. 

Manu besucht sie. Macht sich Sorgen um die Freundin. Und dann? Dann kippt die Situation. Im Herbst 2015 fahren die Frauen zu einem Kurzurlaub an die Nordsee. „Ich habe es gespürt. Da war etwas, was da nicht hingehörte“, erzählt Manu. „Es war, als hätte jemand den Schalter umgelegt.“ Sie traut sich nicht, ihrer Freundin davon zu erzählen. Es ist ihr irgendwie peinlich. Sie will sich nicht zum Deppen machen. Was, wenn die andere das lächerlich findet? In den Ehen kriselt es. Aber nicht wegen der jeweils anderen Frau. 

Die Gefühle für einander entwickeln sich langsam

„Im November 2015 wurde ich am anderen Knie operiert. Ich konnte nicht mehr so, wie ich wollte. Arbeiten schon gar nicht“, sagt Anja. Als Manu sie vor Weihnachten besucht und ihre Hand nimmt, wird ihr ein bisschen komisch. Behält das Gefühl aber auch für sich. Silvester verbringt sie mit ihrer Familie in Nürnberg. Ihr wird klar, dass die Beziehung zu ihrem Freund so nicht mehr funktioniert. Sie simst den ganzen Abend mit Manu. 

Über ihre Zuneigung reden die Frauen nicht. Bis zum Februar 2016. Da übernachtet Manu bei Anja in Dortmund. Die beiden reden bis 3 Uhr in der Nacht, gehen dann zu Bett. Manu schläft auf dem Sofa, bekommt eine SMS von Anja, die nebenan im Schlafzimmer liegt: „Ich hätte dich am liebsten geküsst.“ - Sie antwortet: „Und warum hast du es nicht getan?“ Morgens um 8 Uhr in der Küche küssen sie sich das erste Mal. 

„Ich war so aufgewühlt“, erzählt Anja, findet sich aber selbst unmöglich, weil ihr Freund nebenan schläft und von nichts ahnt. „Es war keine Spielerei. Es war von Anfang an ernst“, sagt Manu. Es dauert noch genau drei anstrengende, aufwühlenden und chaotische Monate, bis beide einen Schlussstrich unter ihre Beziehungen setzen und Manu mit ihrer Tochter zu Anja nach Dortmund zieht. 

Männer von Manu und Anja reagieren entsetzt auf die neue Beziehung

Die Männer reagieren entsprechend entsetzt. Einer droht, sich das Leben zu nehmen, und versucht dies tatsächlich. Freunde wenden sich ab, weil die ehemaligen Partner auch „Lügen in die Welt setzen.“ Mit der Tatsache, dass sich ihre Frauen in eine Freundin verlieben, kommen sie gar nicht klar. Verletzter Stolz. Doch für Manu und Anja fühlt es sich richtig an. „Es ist nicht Wolke 7, sondern Wolke 77“, sagt Manu. „Ich habe das Gefühl, ich bin angekommen“, meint Anja. Es gibt keine klassische Rollenverteilung. Es gibt „nur“ die Liebe. 

Die Eltern reagieren schulterzuckend. „Meine Mama findet es nicht so schlimm. Mein Papa meinte ‘Naja, wenn es denn sein soll’, nur meine Oma mit über 90 kam damit nicht so klar“, erzählt Manu. Sie glaubt nicht wirklich an eine 100-prozentige Toleranz der Menschen. „Wenn sie die Leute nicht kennen, dann haben sie kein Problem mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Passiert das aber in ihrem Umfeld, sind sie eher nicht so begeistert.“ 

Die Töchter stehen zu der Entscheidung ihrer Mütter

Die Frauen wagen den Neubeginn - und haben das Glück, dass ihre Töchter Verständnis zeigen. Obwohl sie mit 13 und 14 Jahren mitten in der Pubertät sind, stehen Celina und Nikola Kristin zu ihren Müttern, sind auch bei den Heiratsanträgen dabei. Als Anja ein Herz aus Rosen auf dem Bett verteilt, Teelichter anzündet und Manu weckt, die auf dem Sofa eingeschlafen ist, flüstert Nikola ihrer müden Mama zu: „Du musst auch Ja sagen.“ 

Genau das werden die Frauen jetzt tun: am 8. Dezember bei Holzrichter. Um 11.45 Uhr geben sie sich vor der Nachrodt-Wiblingwerder Standesbeamtin Natascha Handschak das Ja-Wort. „Wir haben ein besonders schönes Plätzchen zum Heiraten gesucht und sind in Veserde fündig geworden.“ Manu wird einen knallroten Frack tragen, Anja ein langes, schwarzes Kleid. 40 Gäste werden zwei Verliebte begleiten, für die die Hochzeit etwas ganz Besonderes ist. „Es bedeutet mir so viel“, sagt Manu. „Es ist ein Neuanfang.“

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